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Hypnopädie und Medien - eine Dystopie

Fasziniert von einem Triebverhalten, das wir ablegen mussten, benutzen wir das Fernsehen als Placebo, und schauen uns dort Porno Filme oder Morde an. Die modernen Wissenschaften erforschen unser Verhalten und die Medien und Konsumindustrie orientieren sich an diesen Erkenntnissen.

In Huxley’s "Brave new world" werden Kinder ethisch erzogen, im Schlaf, durch Tonband-Geräte. In seiner Dystopie von 1931 malt er das schreckliche Bild einer futuristischen Gesellschaft, einer konditionierten Menschheit, aber wie futuristisch ist dieses Bild – wie konditioniert sind wir heute?



Das System, oder die führende Liga, in Huxley’s Buch macht sich dabei etwas zu Nutze, das ich in einem meiner früheren Essays schon erwähnt habe, und hier nicht wieder näher erläutern will, das deklarative Denkvermögen. Nur soviel: Dieses Denkvermögen ist die notwendige Basis um die Quelle von Wissen anzugeben, und eben dieses Wissen der subjektiven Wertung und Analyse zugänglich zu machen, zum Beispiel die Wertvorstellung, dass man nicht Töten soll – Woher kommt sie? Welche Berechtigung hat sie? – wird von uns nicht analysiert und bewertet, sondern als natürliche Gegebenheit hingenommen, aber warum?



Die Hypnopädie ist nichts anderes als das Vermitteln von Lerninhalten im Schlaf, bezeichnet allerdings in seiner Erscheinung als Modebegriff auch oft das unterbewusste oder unterschwellige Vermitteln bestimmter Botschaften durch Musik, Gerüche etc.. Eine Zeit lang gab es den Trend, sich Nachts Tonbänder anzuhören, um beispielsweise Abzunehmen oder eine Sprache zu erlernen. Allerdings flaute dieser Trend bald ab, da der Erfolg ausblieb oder zumindest die Versprechen der Verkäufer nicht halten konnte.

Tatsächlich gelangen diese Botschaften nicht ins Bewusstsein, wo sie abgerufen und nachvollzogen werden könnten, beispielsweise beim Übersetzen eines Textes, sondern fanden umso mehr ihren Weg direkt ins Unterbewusstsein, wo sie den Übergewichtigen meist weniger Gewichtsverlust, als viel mehr gewichtigere Gewissenbisse bescherten. Unbestritten in letzterem Fall jedoch, das sich etwas im Unterbewusstsein der Dicken tat.

1957 wurde im in der Strafanstalt Woodland Road Camp, Tulare, Kalifornien, ein Versuch gestartet, bei dem den Strafgefangenen über Miniaturlautsprecher unter den Kopfkissen Nachts ethische Grundsätze vermittelt werden sollten Aldous Huxley – Brave new world revisited, 1959 – der Erfolg des Versuchs war gleich Null, ähnlich wie die Kassetten zum Abnehmen.



Heute weiß man, dass das deklarative Wissen sich erst ab etwa dem 7. Lebensjahr völlig entwickelt – also das Kinder unter 7 (fast) kein deklaratives Denkvermögen besitzen. Auch weiss man, das Erwachsene in ihren Ideen „festgefahren“ sind, je älter sie werden, je „festgefahrener“ erscheinen sie. Der logische Schluss daraus wäre, dass je älter man wird, je weniger ist man empfänglich für Hypnopädie oder eine Wertevermittlung.

Das würde auch erklären, warum Dicke trotz Tonband nicht abnahmen, warum Straftäter nicht geläutert wurden und warum man nicht über Nacht fliessend Spanisch sprechen konnte: Sie alle waren zu alt.

In Huxley’s Dystopie wird diese Technik nun aber bei Kindern angewendet. Heute geht man schon davon aus, das sich Wertvorstellungen – wie zum Beispiel die der 10 Gebote – nur Dank des Mangels an deklarativem Denkvermögen entwickeln konnten, bzw. zum Teil bestehen blieben.

Evolutiv wäre dieses Bestehen ähnlich dem Modell des Naturzustands und Staats von Thomas Hobbes zu erklären. Als Individuum und in Darwins Kampf, dem „Survival of the fittest“, begriffen ging man schnell unter, im Gegensatz zu Zusammenschlüssen von Menschen zu Familien oder Staaten, die sich eben diese Wertvorstellungen (und/oder Religionen) als Einschränkung setzten, um nicht wieder in den Naturzustand zurück zu fallen.



In unserer modernen, von Massenmedien geprägten, Gesellschaft tut sich dadurch aber eine Gefahr auf:

Fasziniert von dem Triebverhalten, das wir ablegen mussten, benutzen wir das Fernsehen als Placebo, und schauen uns dort Porno Filme oder Morde an (klingt überzogen, aber beide Genres appellieren an natürliche Instinkte im Menschen – sonst würde es solche Filme nicht geben). Die modernen Wissenschaften erforschen unser Verhalten und die Medien und Konsumindustrie orientieren sich an diesen Erkenntnissen.

Die Folge: das TV-Programm wird immer mehr zur direkten Übersetzung von Instinkten, die wir zugunsten einer Gesellschaft aufgegeben haben. Und während der Fernseher uns unterhält, in dem er die Unterhaltung abschafft, treiben die Medien anstatt durch Information die Menschen zu verbinden, einen Pflock zwischen Individuum und Gesellschaft, den es in diesem Umfang noch nicht gab. Zu schnell, zu wenig Beweise? Kauf dir ein Buch! Längst gehören Informationen, wie ich sie hier niederschreibe zum Standardinventar des Gesprächsstoffes eines jeden Sozio- und Psychologen.

Nun zu meiner Dystopie (und sicher bin ich nicht der erste, der darauf aufmerksam macht):

Wenn nun innerhalb einer von den Medien bestimmten Zeit das Fernsehen/die Medien den Babysitter übernimmt, was aufgrund der Arbeitsregelungen unserer Gesellschaft und der Emanzipation immer „nötiger“ wird, dann kann besagte Hypnopädie auf die Mitglieder unserer Gesellschaft angewendet werden, die a) kein Mitsprache Recht haben, b) kein deklaratives Denkvermögen besitzen und c) irgendwann beides haben werden.

Man kann folgern:

Wenn der Fernseher den Babysitter ersetzt, dann ist das Fernsehprogramm die moralische Erziehung unserer Kinder. Wenn das Fernsehprogramm sich immer mehr dem blossen, nackten Instinkt anpasst, dann entfernen wir uns auf kurz oder lang von einer Gesellschaft – und es sei dahingestellt welche Gesellschaft das sein kann – und kehren zu etwas, das man „Naturzustand“ nennen könnte zurück. Wenn das der Fall ist, befinden wir uns wieder im Kampf, „Survival of the fittest“, Werteverfall.

Für die Medien kann das selbstverständlich nur positiv sein, da sie davon in jeder Hinsicht profitieren: Je mehr Gewaltverbrechen es gibt, desto mehr Footage für Sendungen und Nachrichten gibt es, je mehr Abstumpfung gegen dieses, desto mehr Nachfrage nach Neuem, je mehr Nachfrage, desto mehr Geld.

Eine Entwicklung die sicherlich schon begonnen hat (zu grossen Teilen schon stattgefunden hat) und deren einzige Dystopie der offene kämpferische Konflikt bleibt, eine Entwicklung, die sicherlich nicht mehr aufzuhalten ist, eine Entwicklung die vielleicht noch abzuschwächen ist.


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