Text-Layouts: WeblayoutZeitung3 Spalten

Deutschland - hier werden Ideen geboren

Solidarität, Gerechtigkeit, Einfachkeit und Wachstum - Ideale, nach denen scheinbar getrachtet wird. Weil es gut für uns alle ist. Aber jetzt haben wir wirklich den Vogel abgeschossen, und der Wolf fängt im Schafspelz an zu schwitzen...

Krankheiten gibt es viele. Manche Menschen essen zu wenig, oder zu viel, oder das Falsche. Trinken tun die meisten Menschen ohnehin zu wenig, dafür gibt es kaum eine Droge, die gesellschaftlich so stark akzeptiert wird, wie der Alkoholgenuss. Immerhin brauen wir Deutschen auch anständiges Bier. Wäre eine Schande, wenn wir es nicht selber konsumieren würden. Und zu einem guten, fettigen und vitaminarmen Essen gehört natürlich auch eine Zigarette, für danach, damit man besser verdauen kann, und der Kaffee besser schmeckt. Wir sind eben eine Genießerkultur, das lassen wir uns auch nicht nehmen von Gesundheitsfaschisten und Obstökos.

Man muss sich schließlich auch mal entspannen, denn in dieser schnellebigen Welt klopft der Stress von jeder Seite an die Tür, doch wir als erhabene, aufgeklärte, fleißige Bürger wissen damit umzugehen, und es liegt einfach in der Natur des Menschen: Man will sich einfach auch mal etwas gönnen. Da bleibt nicht viel Zeit für Sport, denn Zeit ist ohnehin eine Währung, deren Wert schneller ansteigt als der Goldpreis, überdies ist es auch ganz schön teuer, ins Fitnessstudio zu gehen, und drittens muss man ja auch auf seine Gelenke achten (Ein Grund für neumodisch ? innovativ ? sinnvolle Sportarten wie ?Nordic Walking?)

Mit anderen Worten, ich habe vollstes Verständnis dafür, dass ein gesunder Lebensstil zeitaufwendig, teuer, anstrengend und kompliziert ist. Kochen braucht Zeit. Einkaufen braucht Zeit. Joggen braucht Zeit. Und das alles erfordert auch noch ein Höchstmaß an Konsequenz und Durchhaltevermögen. Außerdem wissen Ärzte sowieso besser Bescheid, denn immerhin haben sie das studiert. Und auch wenn in der Politik mehr Eigenverantwortung gefordert wird, wo kämen wir denn da hin, wenn wir unseren Lebensstil dem anpassen würden, was unser Arzt uns rät ? Der Mann wäre ja seinen Job los. In der Politik ist das schließlich anders. Hier möchte man mehr Eigenverantwortung. Immerhin, wir sind freie Bürger, echte Demokraten, Kant steht in unseren Regalen und Lessing liegt auf unserem Nachttisch.

Mehr Eigenverantwortung ist genau das, was wir brauchen, und nicht ein unüberschaubarer bürokratischer Leviathan, dessen ätzender Rachen mindestens so viele in sich herein frisst, wie man an Geldern braucht, um ihn zusammen zuhalten. ?Den Verwaltungsapparat stabil halten? heißt das. Aber all das wird langsam ein wenig teuer, Wir Deutschen haben einfach kein Geld. Wir haben Stahl, wir haben Autos, wir haben Bier, aber wir haben einfach kein Geld. Der Staat ist pleite also müssen wir dem Staat helfen, deshalb ist es auch völlig in Ordnung, wenn der Staat sich bei uns Geld leiht, und natürlich müssen die Konditionen dann auch die Transferkosten gering halten.

Natürlich muss die Bank darin mitverdienen, sonst hätten wir ja keine Chance, unser Geld irgendwo zu deponieren. Wie sollte sich der Staat denn dann einfach, heimlich, still, leise und unkompliziert unser Geld leihen? Wir wollen ja nichts verkomplizieren. Ansonsten müsste ja der Fernseher gepfändet werden, um ihn in in Berlin-Hellersdorf zu verkaufen. Aber, Glück gehabt, den Fernseher pfänden ist in Deutschland glücklicherweise verboten.

Dann ist es doch so viel besser, und zumindest leiht sich dann der Staat Geld bei seinen eigenen Bürgern, andere, weiter westlich gelegene Staaten haben ja Gefallen dran gefunden, sich Geld bei anderen Staaten oder internationalen Organisationen zu leihen, in denen sie vielleicht sogar die Mehrheit bilden. Welch geschickter Schachzug aber wir Deutschen machen so etwas nicht. Wir doch nicht. Wir bewegen was. Wir verändern unser System und bauen uns ein neues Gesundheitssystem: Eine Revolution, hört man. Absolut, wenn man bedenkt, dass Arbeitnehmer nun einen Pauschalbetrag zahlen, anstatt 7.9 % vom Bruttoeinkommen. Dadurch wird das Ganze systematischer und übersichtlicher.

Und 125 Euro sind ja auch nicht viel. Dadurch verändert sich das System natürlich grundlegend und die meisten Leute werden dadurch enorme Vorteile haben, die uns, dem deutschen Volke, sicher gut tun werden. Ob es Einbußen gibt, weil der türkische Opelarbeiter, der für einen Hungerloihn am Fließband stand, und jetzt gefeuert wird, weil Opel ?umstrukturiert? werden muss ? Sicher nicht, denn wer verzichtet schon auf eine gesetzliche Krankenkasse? Wir sind doch pflichtversichert.

Weil wir schlau sind. Und selbst, wenn der kleine Mann nun vielleicht ein bisschen mehr zahlt, sind das doch höchstens 50 Euro, naja, oder 100 Euro. Dann wird der Gürtel halt mal enger geschnallt, selber zu Hause gekocht. Ist sowieso gesünder. Außerdem gibt es ja noch den Sozialausgleich. Wie der aussehen soll, ist noch nicht ganz klar, aber man soll ja schließlich auch nicht immer gleich den Teufel an die Wand malen. ?Wenn jeder an sich denkt, ist auch an alle gedacht.? Danke, Guido Westerwelle!

Daher mache ich mir auch keine Sorgen um die Zukunft unseres Sozialstaates. Schmarotzer raus und basta. Aber arme Leute sind ja nicht gleich Schmarotzer, die uns armen Steuerzahlern auf er Tasche liegen...Verzeihung, diesen sozialdarwinistischen Eindruck wollte ich jetzt nicht erweckt haben. Für die meisten Menschen ändert sich sowieso nichts, oder es wird besser. Die Mittelverdiener werden ca. genauso viel zahlen, wie vorher, die Gutverdiener sogar weniger. Dadurch ist diese Reform unterm Strich gut für uns Bürger und ich freue mich.

Himmelhochjauchzend warte ich darauf. Gut, die Umstrukturierung wird dauern, wird Chaos verbreiten, wird enorme Summen an Geld schlucken und wird den ohnehin schon kaum übersichtlichen Verwaltungsapparat ein wenig an seine Grenzen treiben. Sachbearbeiter müssen auf einmal ganz neue Knöpfe drücken, neue Nummern eingeben, Arbeitstechniken ändern, Kontoverbindungen eintragen und dergleichen. Das kostet zeit, Kraft, und Mühe. Aber am Ende wird es einfach und gut, und besser. Wir sind Deutschland, wir schaffen das !

Ob man darin eine Gefahr sehen sollte, dass sich die Leute, die ohnehin nichts haben, keine Krankenkasse mehr leisten können, und die, die können, und zahlen, weniger einzahlen ? Nein nein, es ist besser, dies einheitlich zu gestalten. Und am Ende regulieren sich Systeme auch ganz gut alleine, man muss nur zwischendurch ein bisschen eingreifen. Ich glaube auch nicht, dass den Kassen Geld fehlen wird, und falls doch, dann gibt es ja so einen weiten Bereich Kassen, dass sich die qualitative Leistung der einzelnen Kassen einfach ein wenig voneinander unterscheidet. Das ist zwar nicht der Plan, aber wenn kein Geld da ist, was will man machen ?

Außerdem ist das doch auch weder ungerecht, noch ein Problem, ist doch wie auf einem Rummelmarkt, für jeden ist etwas dabei. Und Konkurrenz belebt das Geschäft. Und wenn sich Arme leute halt wirklich mal irgendwas nicht leisten können, hilft ja auch Vater Staat ganz bestimmt. Wie der Papi, der dem kleinen Kind auf dem Rummel, bleiben wir bei dem Bild sagt, dass das Lebkuchenherz leider zu teuer für ihn ist, er aber gerne eine kleine Zuckerwatte haben darf. Na immerhin. Schließlich ist die Geste das, was zählt. Da muss sicher niemand auf der Strecke bleiben. Und wenn es nicht reicht, die qualitative Leistungsverteilung anzupassen, naja, dann pumpen wir halt einfach von anderer Stelle ein bisschen Geld rein, auch wenn es uns selbst gerade fehlen sollte, uns leiht man gerne was zu super Konditionen, wir sind schließlich kein Dritte-Welt-Land.

Oder wir pumpen einfach die Mehrwertsteuer wieder ein bisschen hoch. So auf 10, oder 22 %. dann werden vielleicht die ein oder anderen Produkte teurer, aber wir als Vertreter der westlichen Konsumgesellschaft sollten ohnehin wieder zu mehr Genügsamkeit finden, und uns ein bisschen zurückschrauben. Dann wird eben nicht mehr so viel konsumiert und wir leben dadurch sicher auch wieder gesünder.Dass sich manche dann Produkte leisten können, und andere nicht, ist doch nicht ungerecht, nein, das ist der Lauf der Dinge.

Und wenn wir dann die Kassen nicht mehr so beansprucht haben, weil wir nicht zum Arzt gehen müssen, da wir auf einmal wieder gesund leben, sind wir auch fit und bereit für die neue deutsche Epoche: Wir sind wieder mit dem Einfachen zufrieden, weil wir uns nichts mehr leisten können, und fangen an, zu arbeiten. Stark sind wir, gesund sind wir, und wir nehmen keine Leistungen in Anspruch, wir zahlen nur dafür. Konsumieren tun wir nicht, aber produzieren. Irgendwo muss die neue Generation Wohlstand schließlich ihren Anfang nehmen, warum nicht auf dem Rücken der Standsäulen unserer Gesellschaft, den Arbeitern ? Wir sind schließlich für Fleiß und Stahl und Autos und Bier bekannt, das archaische Leben wird ja auch unterschätzt. Wunderbar, mehr davon!

Eine schwarz-gelbe Steuererhöhung. Das wäre doch mal eine gute Monthy-Python Nummer. Die schwarz-gelbe Volksfront. Herrlich. Überhaupt diese Vorstellung, wie da eine Gruppe Politiker vor einem Schaubild sitzt, und darüber nachdenkt, wo in dem Bild der Fehler ist, und was man da besser machen könnte. Da brüten promovierte stunden- und tagelang drüber, lesen Dutzende Gutachten, befragen Experten, kalkulieren, rechnen durch, gleichen ab, und im Endeffekt kommt DAS dabei raus. Ich muss schon sagen, ich bin tief beeindruckt, kein Zehntklässler wäre jemals an solch ein ausgefuchstes Niveau herangekommen. Da bin ich doch richtig froh, dass wir immer noch schlaue Menschen an den Hebeln sitzen haben, die alles können.

Ministerlotto ist nur fair. Wenn ich mich mein ganzes Leben lang nur mit Wirtschaft befasst hätte, würde ich auch gerne mal den Soldaten sagen, auf wen sie Bomben werfen dürfen, und wen nicht. An seine Grenzen gehen, sich selbst testen, und auch mal neuen Herausforderungen stellen. Sich selbst in der neuen Erfahrung verwirklichen. Poesie für meine Ohren, herrlich. Man darf ja schließlich nie stillstehen, Minister als Prototyp für Deutschland, Deutschland ist Paradigma einer sich wandelnden Gesellschaft. Denn irgendwann können alles alles, und dann wird alles gut, nicht wahr?

Also, kurzfristig werden ärmere Leute unter der Gesundheitsreform zu leiden haben, Reiche werden entlastet. Solche Dinge passieren eben. Bayern München verliert auch nicht gegen den 1. FC Köln. Die fehlenden Einnahmen, die entstehen werden (weil Arme sicher nicht das auffangen können, was die Reichen sich in ihre Taschen zurückstecken), werden sich im weiteren Ausbleiben von Leistungen der Kassen deutlich machen, und Gesundheit wird mehr privilegiert werden. Was aber kein Problem ist, denn das, was an Geld fehlt, als Steuererhöhung wiederkehren. Und wie bereits erwähnt, die Armen können sich dann keine überteuerten Produkte mehr konsumieren, leben dadurch gesunder und müssn nicht mehr zum Arzt. Ganz schön gewitzt und feist.

Ein Bilderbuchbeispiel für altruistische Solidarität. Danke, Putzfrauen und ausländische Fließbandarbeiter. Dafür bekommt ihr bald auch euren eigenen Platz in der Rasterfahndung, damit ihr euch hier in unserer Kultur noch wohler fühlt. Und einen tollen neuen Ausweis mit Fingerabdruck gibt?s gratis dazu. Dann weiß man, wo man gelandet ist.Und auch wenn es Samstagabend ist, und die 3 Kinder zuhause warten, will man dann seinem Chef von der Zeitarbeit sicher noch einen Gefallen tun, und Überstunden einlegen. Denn es ist wahr, es gibt eine Sache, die in Deutschland offensichtlich ist: Wir halten alle zusammen.

Daher handelt es sich hier auch nicht um ein weiteres Beispiel einer endlosen Reihe diffamierender Ungerechtigkeiten, sondern um einen innovativen Akt wahrer Größe, der Mut und Weitsicht erfordert: Meckern und Rumnölen ist etwas für destruktive Köpfe, oder Hippies. Letztlich kann jeder meckern und jammern. Für mehr Gleichheit und solche Dinge demonstrieren. Dadurch haben wir Gleichheit. Bums aus, Feierabend, weitermachen!
Wir machen uns die Welt, wide wide wie sie uns gefällt.

Umstrukturierungen sind etwas Gutes, denn es kann nicht immer so weitergehen wie bisher: Wir brauchen Wachstum, Aufschwung, Dynamik, Topspin, Autonomie, und mehr Begriffe, die sich wie ein Schaf im Wolfspelz über unsere Machenschaften legen. Aber das ist sicher ein wenig pessimistisch, denn wir wollen ja schließlich LANGFRISTIG denken, nicht wahr?

Im Endeffekt wird es zwar ein bisschen chaotisch am Anfang, und teuer, und es wird Geld fehlen. Und das müssen wir zahlen. Und vor allem die, die ohnehin nichts haben, und dann auf den Versicherungsschutz verzichten werden, weil sie sich das nicht mehr leisten können. Aber dies sind sicher nur vorübergehende Modeerscheinungen. Im Endeffekt wird alles einfacher. Reformen vereinfachen das Leben. Das sieht man an den letzten 6 Rechtschreibreformen ganz gut. Und da alle Menschen dasselbe zahlen sollen, wird es nicht nur übersichtlicher, sondern auch fairer.

Danke an die Gleichheit. Danke an die Solidarität! Danke dass sich wirklich etwas bewegt, und an unser Wohl gedacht wird! Danke, dass sich wieder mal zeigt, dass verantwortungsbewusstes, ökonomisches und sozial verträgliches Handeln wieder einem blinden Aktionismus vorgezogen wird, der im ersten Schritt egoistisch und kalt erscheint, und im zweiten Schritt der Gesamtbevölkerung schadet. Ich bin wirklich froh, in einem Land mit soviel politischem Interesse, echter Aufgeklärtheit, Mitgefühl und Sozialcourage zu leben. Ein Vorzeigemodell in der Europäischen Union, und nun haben wir endlich bewiesen, dass die letzten 200 Jahre Klassenkampf in den westlichen Gesellschaften nun doch zu etwas geführt haben.

Danke Deutschland ! ! ! !









RSS feed RSS RSS feed RSS (Kommentare)

Kommentare

* Why use my real name?


* Pflichtfelder