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Ein Quantum geliehener Freiheit

Der Mensch, der in sich selbst den härtesten Gegner findet, merkt das meistens am Wenigsten. Können sich fleischgewordene Widersprüche noch in Wohlgefallen auflösen ?

Philosophie ist alles und von allem etwas. Und dennoch findet sich kein wahrhaftes Ventil, um sie durch sich selbst zu pressen. Die Liebe zur Weisheit pervertiert zum Wunsch nach einem topologischen Trichter. Zu vieles bleibt auf der Strecke, man spürt es, wie ein Blutfluss, der sich zu einem Geschwür zusammenpresst, um dann irgendwann zu platzen oder zu veröden. Oder weiter ziellos zu gleiten, ohne austreten zu können, ohne Richtung, ohne Aufgabe, dennoch unverzichtbar. Wo die Bewegung und die Materie sich an einem Punkt versammeln, ist die Unschärfe ans universale Maximum getreten. Und doch ist das alles, was wir haben können.

Physik, Chemie, Biologie, Logik, Mathematik, Algorithmen, Syntax, Semantik, Vergegenwärtigung, Reflexion, Wahrnehmung. Wir schwimmen im Meer und sind dem Kontrollverlust hilflos ausgeliefert. Entweder weil wir Nichtschwimmer sind, oder keine Brücken bauen können, oder die falschen, oder nicht wissen, wo sie hinführen. Wir gehen auf in Relativität, Intersubjektivität, freier Interpretation. Dies ist unser Ausweg, da wir in uns selbst gefangen sind, denn: "Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind."

Wahrscheinlich hat Einstein das erkannt.
Das Leben ist ein Spiel, dessen Regeln wir nicht kennen. Wir machen uns eigene.

In der Post - post - modernen Wirklichkeit kann Gott würfeln, oder das Spiel boykottieren, es tut unserer offen zur Schau gestellten Selbstgefälligkeit keinen Abbruch.

Es scheint fast so, als könnte man sich selbst beobachten, um ein Urteil zu fällen. Ein Urteil über unsere Funktion- und Funktionsweise. Intentionalität sowie Zweckhaftigkeit. Wir als echte Teilmenge eines großen Ganzen. Durch die dunkelgrünen Scheuklappen, voll des Eifers und blinder Euphorie spiegeln wir die Realität in uns wider. Die infantile Naivität ist beinahe rührselig. Die Dekadenz hat in jeglich erdenklicher Hinsicht ihren Zenit erreicht.

Wir haben Gott getötet, und sind zum Übermenschen geworden. Das wissen wir seit Nietzsche. Doch selbst wenn Gott jetzt auferstehen würde, könnte er uns nichts mehr anhaben. Er hat keine Macht mehr über uns. Daher kommt er auch nicht wieder, will nicht mehr mitspielen. Feuerbach und Terry Pratchett haben es gewusst. Wir haben unsere göttlichen Fesseln zerschlagen, um uns frei zu fühlen. Wir haben uns neue und stärkere angelegt, um Stärke zu fühlen, um über uns selbst erhaben zu sein, personale Transzendenz, der Über-Übermensch in der post-post-modernen Welt.

Wen kümmert es, dass wir vergessen haben, einen Schlüsselloch einzubauen? Gleißender Stahl hinterlässt keine Schwielen an den Gelenken.

Freiheit, die durch Knechtschaft seiner selbst bedingt ist, das ist ein Teil der modernen Welt. Sowohl im abstrakten Denken der Menschen, als auch im konkreten Leben.

Vielleicht gibt es einen Ausweg, einen der Versöhnlichkeit, der alte Fesseln zerschlagen kann. Sie sollen von innen heraus zerbersten, wer die Macht hat, etwas zu erschaffen, kann es auch zerstören, ohne sich selbst zu zerstören. Ein Abbild unserer Selbst muss mit über den Jordan. Ein mutiger Schritt. Ein hoher Preis.

Aber Destruktion ist der erste Schritt, um die Gedanken wahrhaft ans Tageslicht zu lassen, die sich selbst, und damit ihren Träger befreien. Niemand hat dies je schöner auf den Punkt gebracht als der alte Fritz: "Ich sage euch: Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können."

"Das Hirn aufmachen, um alles herausfließen zu lassen", so heißt die Devise: Staudämme brechen unregelmäßig, nichts ist kontrollierbar, vertocknete Gebiete, ungewässerte Felder, überschwemmte Bereiche. Das System IST Chaos. Spontan, gleichzeitig, scheinbar ungerichtet. Meine Welt ist meine Wahrnehmung. Die letzte Festung geliehener Freiheit, wie der Löwe, der nicht versteht, dass er im Käfig sitzt, brodelnd, majestätisch, anmutig.

Begriffe wie Quantenmechanik und Determinismus haben für meine Wahrnehmung nur reflexiven Charakter. Die Algorithmen meines Hirns sind nicht Teil davon. Sich beobachten hält auf. Sich selbst die Richtung geben ist paradox. Sich selbst beurteilen zirkulär. Und dennoch klopft die Reflexion an die Tür, um mit der Sense zu schwingen. Was bleibt dann noch ?

Das ist das Problem. Der universale Determinismus reisst die Hoffnung und Orientierung mit in den Graben, von der Meinung einiger Psychologen mal abgesehen. Aber wir sind nicht verloren. Man muss einfach nur loslassen können, um wahrhaft frei zu sein. Die neue Welt, meine Wirklichkeit hat phänomenale Realität, und bezieht sich auf Prozesse, ist Teil derselben, und kann sich dennoch inhaltlich vollständig von ihnen lösen, daher müssen wir uns keine Sorgen machen. Wir dürfen sogar gespannt sein. Ich bin meistens sehr gespannt, wenn ich darüber nachdenke, wie sich meine Wirklichkeit wohl in 6 Monaten konstituieren wird. "Mit der Hoffnungslosigkeit beginnt der wahre Optimismus!"

Merci, Monsieur Sartre.

Ja, es stimmt, ich selbst bin stets das gefühlte Nichts, die innere Leere, in der nichts zurückbleibt, wenn mir nur die Beobachtung meiner Selbst bleibt, wenn die Bedingungen externer Prozesse auf mich einwirken und meiner Seele das Blut aussaugen. Reduktionistische Retrospektion.

Wir müssen aber wirklich nicht leer ausgehen doch haben wir dennoch unsere Laster zu tragen, und einen schweren Weg zu beschreiten. Die dritte Generation Übermensch.

Es gibt einen Weg, sich selbst Hoffnung zu basteln, seine Seele neu zu stricken, die Welt neu zu gebären, die Perspektive zu wechseln, die Wahrnehmung erst zu abstrahieren, um sie dann zu intensivieren. Illumination der Realität. Dieser Weg ist die Philosophie:

"Die Philosophie ist eine hohe Alpenstraße, zu ihr führt nur ein steiler Pfad über spitze Steine und stechende Dornen: er ist einsam und wird immer öder, je höher man kommt, und wer ihn geht, darf kein Grausen kennen, sondern muß alles hinter sich lassen und sich getrost im kalten Schnee seinen Weg selbst bahnen. ... Dafür sieht er bald die Welt unter sich, ihre Sandwüsten und Moräste verschwinden, ihre Unebenheiten gleichen sich aus, ihre Mißtöne dringen nicht herauf, ihre Rundung offenbart sich. Er selbst steht immer in reiner kühler Alpenluft und sieht schon die Sonne, wenn unten noch schwarze Nacht liegt."

Besser als Schopenhauer hätte man es nicht zusammenfassen können.

Philosophie ist ein Prozess, ein Werkzeug, eine Passion, eine Leidenschaft, eine Aufgabe, eine Pflicht, Befreiung, Geißel, bringt fast zum Ersticken, und doch könnte ich ohne sie nicht atmen. (written text 102)

Der mentale Druck holt mich ein, aus den Früchten soll noch der letzte Saft geholt werden, doch der Speicher kollabiert, die Defragmentierung versagt, ein Virus jagt den nächsten, ein System, was an sich selbst zu verglühen droht. Man ist gefangen in Selbstreferenzialität, beobachtet eines der substanziellen Probleme, und ist selbst wieder Teil davon. Gedanken, Worte, Systeme, Inhalte, Sinnhaftigkeit, Gefühle.

Man kann lange ausholen um darzustellen, wie viele Schwachstellen der Wille zum System hat. Übersetzungsfehler, implizite Prämissen, unerlaubte Perspektivenwechsel, sowohl innerhalb der Sprache, als auch der Wissenschaft.Und die Überbrückung der Kluft. Hier geht etwas schief, muss etwas schief gehen. In der Überbrückung der Kluft wird aus objektiver Kausalität willkürliche Interpretation. Zu schwer, sich einzugestehen, sich in den eigenen Schwanz zu beißen.

Zu groß die Angst. Wahres Begreifen setzt losgelöste Wahrnehmung voraus, erst der Input, dann das System. Der Filter verengt, unser Filter ist unser Hirn, und man kann nur sein Bestes tun, damit zu leben. Wenn wir aber losgelöst sein wollen, das heißt ohne Filter, und unser Hirn ein Filter ist, was passiert dann?

Dann gibt es immer noch Sarte: Alles, was ist, ist für uns, und das alles dürfen wir auffassen, aufspüren, empfinden, verstehen, einordnen. Wir müssen es nicht. Und wenn Wittgenstein sagt, dass, alles, was gesagt werden kann, klar gesagt werden kann, spielt das keine Rolle: Denn das, was wichtig ist, spiegelt sich nicht in Worten wieder. Worte sind keine Gefühle. Worte sind nicht das Leben. Worte sind nicht die Welt. Worte sind ein kläglicher Versuch, einer Intuition Ausdruck zu verleihen, um uns selbst gewahr zu werden, um uns anderen verständlich zu machen, einen Konsens zu erschaffen.

Worte sind wichtig und wir hätten ohne sie ganz andere Probleme. Manche Probleme wären gelöst, manche würden erst gar nicht entstehen. Nun aber gilt es, sich dem Leben zu widmen. Zeit für Rechtschaffenheit. Zeit für Genügsamkeit. Zeit, zu seiner Seele zurückzufinden, sich zu versöhnen. Zeit, sich Zeit zu nehmen, sich dafür Zeit zu geben.

Nicht umsonst hat Schopenhauer ein Fable für Buddhismus gehabt.

Dies allein beansprucht die volle Kapazität des Menschen, und ist gleichermaßen dazu berechtigt und benötigt. In der Überwindung seiner Funktionalität überwindet der Mensch sein schlimmstes Schicksal und kann sich wieder selbst lieben.

Das Kind seiner Wirklichkeit wiegt sich selbst in den Schlaf.



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