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Frontiers oder Das Ende der geworfenen Primaten

Doch: Es ist alles ganz einfach!

Schon wieder Nächte bis Fünf. Zigaretten in Ketten und Weinkorken für die Sammlung (welchem Zweck könnte sie dienen?). Gewonnene Stärke - zu welchem Preis? Das Leben aus einem neuen Blickwinkel als Folge einer gescheiterten Existenz; Bereitschaft für die Nächste. Projekte und blinder Aktionismus. Neue Gesichter und viele davon. Ob alles einen Sinn ergibt weiß ich nicht zu beantworten, aber wenigstens sind die Abläufe, die verschiedenen Bahnen die das Leben nimmt und wieder nimmt und woanders nimmt, bei Anderen nimmt unter einem großen Dach der Abstraktion vereinbar. Alles scheint nachvollziehbaren, vernünftigen Mustern zu folgen; wenig Chaos, vielmehr Berechnung. Vielleicht auch berechnetes Chaos. Funny Games.

Tatsächlich ist alles unerträglich einfach. Und genauso einfach scheint es plötzlich diesem Weg zu folgen. So wichtig, wie man sich nimmt, ist das Alles nicht. Nein, wirklich, es ist so einfach. Geh los!

Bruch. Ich schütte spanisches Bier in mich hinein. Es ist vorbei und die Stimmung heißt Aufbruch. Neu gewonnene Freiheit, neue Themen, ein großer Haken hinter Alten. Fast muss ich lachen; nie hat mir jemand erzählt, was das Leben bereit hält - mal ehrlich: wer hätte den Menschen auf diesen Wahnsinn vorbereiten können? Alles ist spannend, aus Apathie wächst neue Neugier und die Musik klingt anders. Man schließt Abschnitte ab und beginnt Neue, beendet Leben und wird geboren, ständige Veränderung und noch dazu berechenbare, beeinflussbare Änderung.

Vielleicht ist das Leben nicht ein Prozess beständiger Abstumpfung, wenn man Sartres Verurteilung zur Freiheit ernst nimmt: Vielleicht ist das Leben eher wie Kochen. Vielleicht kann man die Gewürze, die alles bestimmen selbst hinzufügen. Der Autor, der reine Prosaist muss leiden um Perfektion zu erreichen, das wissen wir nicht erst seit Marie von Ebner-Eschenbach. Also warum nicht die Zutaten selbst hineinschmeißen, in den großen Kochtopf, den die Leute ihr Leben nennen? Der Autor darf nicht zu sehr leiden, denn schließlich sollte er überleben bis er etwas geschrieben hat (siehe hierzu Michel Houellebecqs Anleitung "Am Leben bleiben"), also warum nicht eine Prise Glück, gestohlenes Glück?

Vielleicht neigen wir dazu, zu schwarz zu malen, wir Postmodernen. Vielleicht ist Selbstmitleid eins der Dinge, die die Postmoderne auszeichnen, und vielleicht ist diese nicht die logische Fortsetzung der Existenzialismus. Vielleicht ist die unfreiwillige "Aufgabe" der Postmoderne, den Menschen über seine Unzulänglichkeiten aufzuklären, und eine Rückbesinnung auf den Existenzialismus, gewappnet mit dem Wissen um besagte Mängel, die Lösung eines lange bedachte Problemes?

Der Mensch hat Mängel. Das muss man einfach so festhalten, und wenn es das Einzige ist, was festgehalten wird. Der Mensch hat Mängel, aber er hat auch einige Fähigkeiten. Die Logik, die den Existenzialismus mit der Postmoderne verbindet, ist nicht die einer simplen Konjunktion. Schauen wir zurück: Der Existenzialismus sagt uns, dass wir selbst entscheiden müssen, welchen Weg wir gehen, was eine Verurteilung ist, da es impliziert, dass es keinen perfekten Weg gibt. So weit, so schlecht. Nun gibt es diese schwammige Ära, die Postmoderne, die uns zeigt, - und das Wort Seelenstriptease scheint mir hier symptomatischer Ausdruck - dass es wenige schlechte Eigenschaften gibt, vielleicht besser Abhängigkeiten, auf die der Mensch sich reduzieren lässt, wenn man noch subtile aber unwichtige Eigenschaften der Individualitätsillusion addiert. Na gut, vielleicht erkennt man hier schon meinen Ansatz.

Eigentlich ist die Lösung so simpel wie sie schwer zu akzeptieren scheint: Wir haben Mängel, wir haben Entscheidungsfreiheit, wir sind trotz einer gewissen Entscheidungsfreiheit natürlich determiniert, ge-biased (siehe hierzu andere Texte, z.B. Wahrnehmung, Philosophie und Hirnforschung). Was kann man daraus nun synthetisieren?

Wir sind keineswegs zur Freiheit verurteilt, Sartre hatte in gewisser Weise einfach unrecht: Unsere Biases geben Richtungen vor, von denen Wir uns nicht lösen können; und trotz aller Relativität der Ethik, ergeben sich daraus - zugegeben sehr "biologische" - Maßstäbe, an denen wir uns messen müssen.

Anders betrachtet hat Sartre jedoch recht: Der Weg, auf dem wir diese Maßstäbe zu erfüllen suchen ist uns komplett überlassen (jedenfalls wenn man den physikalischen Determinismus außen vor lässt, was in diesem Rahmen möglich scheint).

Die Menschenbilder die die Postmoderne malt, inklusive allem Reduktionismus der uns in die Schulbücher gelegt wird, sind simpel die der größtenteils bestimmten Kräften unterworfenen Individuen (vor allem (unfreiwilligen) Individuen). Jedoch sind wir Individuen, die sich ihrer Mängel bewusst sind (siehe hierzu unbedingt Jostein Gaarders "Maya oder das Wunder des Lebens"), und ebenso ihrer (zugegeben nicht unendlichen) Möglichkeiten.

Aber genau das ist doch, wonach der Mensch verlangt hat! Wir haben einen ethischen Leitfaden, wir haben eine Zielsetzung, wir haben die Mittel um beides zu beanspruchen und durchzusetzen. Wo also, wo, ist das Problem?

Meine Nächte werden wieder kürzer. Das war vorherzusehen. Mein Zigarettenkonsum ist stabil, auch das war vorauszusehen, eine baldige Änderung ebenso. Die Einsamkeit ist leise und unterschwellig. Sie wird lauter werden. Ich werde Schritte gehen. Sie wird leiser. Wir alle werden älter und ich werde das dokumentieren. So einfach ist das alles.


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Kommentare

patrick wrote on 2009-01-28 10:42:20

Gute Antwort :)

Der Solipsismus ist nicht nur anthropozentrisch, sondern darüber hinaus völlig unkonstruktiv (Wortspiel bemerkt?). Diese Position zu vertreten ist meiner Meinung nach das Ende jeglicher Diskussion.

Trotzdem finde ich nicht das Jens ganz unrecht hat. Die Verschiebung der Realität ist natürlich eine subjektive, aber sie ist vorhanden. Genauso wie Musik unsere Sicht der Dinge zeitweise ändern kann und dies auf veränderte Hirnzustände rückführbar ist. Also verstehe ich deine Kritik (war es eine?) nicht ganz.

Wie man so eine Verschiebung bewerten soll, steht auf einem anderen Blatt.

Adebax wrote on 2009-01-26 11:58:25

Ich gehe hier von bewusstseinsabhängigen Realitäten aus, die sich im Kontakt des Subjekts mit anderen Subjekten und Objekten formen. Damit gehe ich auch von objektiven Realitäten aus, welche sich den Menschen nicht erschließen können. Ich nehme also auch Realität außerhalb jeglichen Bewusstseins an. Den Solipsimus halte ich daher, falls richtig verstanden, als anthropozentrisch und er erinnert mich an den Geozentrismus.

patrick wrote on 2009-01-26 11:09:43

Was ist denn Realität?

Bezweifelst du, dass es eine vom Subjekt unabhängige Realität gibt? Oder fragst du nur, was diese sein könnte, und willst andeuten, dass diese dem Menschen unzugänglich ist?

Adebax wrote on 2009-01-26 10:43:57

Bin gerade über diese Seite gestolpert und kann den markigen Beitrag von Jens nicht übergehen. Was ist denn Realität? Wenn Du mit mir übereinstimmst, dass sie konstruiert wird, dann kann es "die Realität" gar nicht geben und somit auch nicht verschoben werden. Und wieso sind "chemische Reaktionen im Gehirn" keine Realität für Dich?

Sarah wrote on 2007-03-17 17:32:34

„Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ von Milan Kundera

Ich bin daran fast verzweifelt, nein, gescheitert, zerbrochen. Der Sinn schien verloren hinter Mustern und Berechnungen. Die Muster lösten sich schlußendlich auf. Aus großer Entfernung betrachtet jedoch, gab es kaum Anlässe dazu. In der Situation selbst, gabs keine Entfernung, keinen anderen Blickwinkel, das Sein selbst wurde unerträglich schwer.

Ein Zitat aus dem Buch:

„Das Drama eines menschlichen Lebens kann man immer mit der Metapher der Schwere ausdrücken. Man sagt, eine Last ist einem auf die Schultern gefallen. Man vermag sie zu tragen oder auch nicht: man bricht unter ihr zusammen, kämpft gegen sie, verliert oder gewinnt. Was ist Sabina aber wirklich zugestossen? Nichts. Sie hat einen Mann verlassen, weil sie ihn verlassen wollte. Hat er sie verfolgt? Hat er sich gerächt? Nein. Ihr Drama ist nicht das Drama des Schweren, sondern des Leichten. Auf Sabina ist keine Last gefallen, sondern die unerträgliche Leichtigkeit des Seins.“

Ich trug keine schwere Last, keine Hungersnot, Armut, keine unerträglichen Schmerzen oder Krankheiten, keine existenzielle Not. Es war das Sein, es gab sicherlich einen Stein der dies ins Rollen brachte, aber es war keine Beziehung zu einem anderen Menschen, um die es in meinem Drama ging. Es ging darum zu erkennen, das nichts so wichtig ist, wie man manchmal glaubt. Manche Dinge sind unabänderlich, man muss es nur lernen dies zu akzeptieren. Schaffe ich dies, lerne ich damit zu leben, lerne ich damit Glück zu finden. Nicht in einem Derivat, in einem Ersatz, sondern in mir selbst, aus mir selbst heraus. Man findet kein Glück, keine Zufriedenheit in anderen Menschen, wenn man es selbst nicht besitzt. Es gibt keine Liebe für jemanden, der sie nicht schon hat.

Somit glaube ich nicht, das leben mit Kochen gleichzusetzen ist. Ich kann keine Zutaten wählen, ich kann nicht hingehen und in Maßeinheiten mir mein Glück, Leid, Genuß oder andere Dinge zusammen suchen. Entweder du bist eine Kartoffel oder du bist ein Apfel. Wenn wir schon bei kulinarischen Dingen sind. ;)

Wenn man sich nun also Glück stehlen will, wird man beim bloßen Versuch schon scheitern und die eigene Unzulänglichkeit schmerzhaft erkennen. Ich denke langsam und das erschreckt mich auch, das die Kartoffel, die danach strebt einmal ein Apfel zu sein, Zeit ihres Lebens unglücklich bleibt. Diejenige aber, welche die Unabänderlichkeit ihrer Existenz erkennt und akzeptiert, kann Glück erfahren. Genug vom trivialen Gemüse, der Vergleich mag hinken und doch steckt im Kern sicherlich etwas wahres und wenn Sartre von Abstumpfung spricht, so kann ich dies vielleicht vorsichtig bestätigen, wenn wohl auf andere Art und Weise als Sartre dies beschreibt. (und ja, ich bin ein fauler Mensch, ich habe weder meinen Sartre gelesen, und, wie man so schön sagt auch wenn es hier abschweift, meinen Marx auch nicht)

Ich bin kein Philosoph und betrachte mich selbst auch nicht im Ansatz als solcher. Ich bin eine Frau und als solche immer wieder auf den Pragmatismus zurückgeworfen. Doch versuche ich nicht blind und einzig die Bedürfnisse befriedigend, durch eben dieses zu gehen. Ich befinde mich in einem periodisch wiederkehrenden Prozess, des sich selbst bewusst werdens.

In diesem Moment wird mir zumindest dringlich bewusst, dass kein Kaffee im Haus ist und ich in Erklärungsnot gerate, wenn die Katze gleich Hunger bekommen sollte. Einfache Dinge zu erfüllen, ständige Rituale zu begehen, kann so herrlich beruhigend sein, leider habe ich das Ritual des Aufräumens zu lange ignoriert.... somit schließe ich erstmal. Der Alltag holt sich alle wieder.

Gruß, Sarah

Jens Wingerath wrote on 2007-03-06 00:34:14

Liebe ist nur ein Derivat aus verschiedenen chemischen Reaktionen im Gehirn, Maßlos überschätzt.

Eine Droge, die leider sehr gut wirkt, aber bei übermäßigem Konsum, wie bei vielen anderen Drogen auch der Fall, eine Verschiebung der Realität zur Folge.

shisn

Gisela Schmeitzner wrote on 2007-02-06 21:54:52

Hallo Patrick,ich find es immer interessant, daß einfache Worte immer in Richtung Esoterik gedrückt werden und damit einen Hauch von Realitätsverlust haben. Für mich ist in der Kommunikation wichtig, daß ich von mir, meinen eigenen Erfahrungen berichten kann und nicht, was wo,irgendjemand geschrieben hat.Ja, mir ist sehr bewußt, daß ich mein Leben selbst steuern kann, was mir noch nicht immer gelingt, da ich oft noch in meine alten Verhaltensmuster und "unsichtbaren" Abhänigigkeiten zurückfalle.Natürlich bin ich bereit, mich in einem offenem und ehrlichen, einfachem Gespräch zu erklären, bzw. mitzuteilen, doch für mich gibt es Dinge zwischen Himmel und Erde, die kann ich nicht erklären, weil sie sich nur über das Herz fühlen lassen und wenn mein Gegenüber, wer auch immer, mit dem Herzen mit mir im Gespräch ist, dann brauch ich oft nichts groß und breit zu erklären. Ich bin eh der Meinung, weniger reden, debattieren und philisophieren, sondern mehr handeln. Ich muß den anderen nicht unbedingt mit seiner Meinung verstehen, wichtig ist für mich seine Meinung zu akzeptieren , denn wenn trotz verschiedener Meinungen das Grundprinzip des friedlichen, menschlichen Miteinanders das Ziel ist, sind wir wieder ein Stück im Umkehrungsprozeß vorangekommen. Denn ich glaube, es läßt sich nicht mehr"verheimlichen", daß wir Menschen durch die Natur jetzt aufgefordert werden, genau hinzusehen, wohin unser Lebenswandel bis jetzt geführt hat. Damit spreche ich auch von mir, doch ich habe mich von dieser Richtung gelöst, weil ich für mich weiß,ich kann jeden Augenblick meine Richtung ändern.

LG Gisela

patrick wrote on 2007-01-29 20:29:18

Dein Kommentar klingt beinahe esoterisch. So will ich mich nicht verstanden wissen. Wenn man ihn allerdings nicht mit besagtem Unterton interpretiert, verstehe ich ihn nicht:

Auf der einen Seite hast du die Möglichkeit entdeckt, dein Schicksal weitestgehend zu lenken und deine Bedürfnisse zu verstehen, sagst aber auf der anderen Seite, dass du dich nicht erklären willst, und dass Dinge sich nicht in Worte fassen lassen ...? Wie verstehe ich das nun?

Gisela Schmeitzner wrote on 2007-01-28 18:05:00

Hallo Patrick,

ja, wir haben einen ethischen Leitfaden und eine Zielsetzung und dann noch das Größte, den freien Willen. Doch ich für meine Person wußte von all dem nichts mehr, oder wollte ich es nicht wissen Ein anderes Thema). Also, ich hatte alles vergessen, was mein Leben bis dahin ausmachte. Ich kann mich zwar auch jetzt noch nicht erinnern, doch es hat auch das einen SINN. Jetzt habe ich die Chance bekommen, bewußt zu leben und das ist manchmal eine Gradwanderung, aber, ich entscheide und das ist einfach genial.Ich ertappe mich oft noch dabei mit meinem Kopf viele Dinge zu analysieren und erkenne dann das alte kollektive Massenbewußtsein und hole mich dann raus und spreche mit meinem Herzen. Die Liebe, die Weisheit, die Freude, Gelassenheit, die da zu mir spricht, macht mich oft fassungslos und ich fühle mich total getragen und berührt,. Ich will auch mich nicht immer erklären, weil auch vieles nicht mit Worten auszudrücken geht, sondern ES leben.

Lg.Gisela

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