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Punkt im Raum

Das Leben ist immer nur ein wandernder Punkt auf einer Zeitachse, eine Singularität. Die Striche davor und danach sind eher Felder, Bifurkationen.

Nichtlineare Systeme, deren Verhalten von einem Parameter abhängt, können bei einer Änderung des Parameters ihr Verhalten plötzlich ändern. Zum Beispiel kann ein System, das zuvor einem Grenzwert zustrebte, nun zwischen zwei Werten hin und her springen, also zwei Häufungspunkte aufweisen. Dies nennt man eine Bifurkation. Der Vorgang der Periodenverdopplung kann sich bei weiterer Änderung des Parameters wiederholen. Charakteristisch für solche Systeme ist, dass ihr Verhalten schließlich chaotisch wird.

Die Mandelbrot-Menge, ist ein Fraktal, das in der Chaostheorie eine bedeutende Rolle spielt.

Es gehört schon eine gewisse Portion Wahnsinn dazu, das eigene Leben als Mandelbrot-Menge zu betrachten. Hat man sich allerdings damit abgefunden macht es vieles einfacher. Offene Augen können brutal sein; ich schliesse meine und versenke mein eigenes Dasein in seltsame Symbolik; feiere Tragik, beweine Enthusiasmus.

Philip K. Dick erfindet eine Droge, die nicht das Bewusstsein des Anwenders verändert, sondern die Realität, Chew-Z. Liest man ein besonderes Buch, eines dieser Bücher, die man weitaus später als prägende Literatur beschreiben möchte, innerhalb einer einzigen Nacht, verschiebt sich die eigene Sicht auf die Welt in nur wenigen Stunden. Der Mensch, der vorher ein Punkt auf der Zeitachse war, ist ein völlig Anderer, er hat ganz andere Präferenzen und Relationen. Plötzlich sieht man sich selbst als Fremden.

Eines Tages wachte Gregor Samsa wieder als Mensch auf. Er hatte nichts besonderes geträumt, aber er hatte dennoch Angst in den Spiegel zu sehen. (aus "Spiegelmenschen", spiegelmenschen.de)

Ich glaube das größte Problem des Zwischenmenschlichen ist, das wir uns einander nicht verständlich machen können (wir können uns nicht sehen). Sicher: ich kann Gründe für mein Handeln angeben, aber ich werde niemanden finden, der sie bedingungslos verstehen kann, nicht mal jemanden, der sie bedingungslos akzeptiert. Das scheint mir der Grund zu sein, warum jede Beziehung früher oder später zum Scheitern verurteilt ist. In einer Zeit – leider unserer – in der Außenstehende, wie zum Beispiel Gott, nicht mitzureden haben, gibt es nichts, was wirklich bindend ist. Jedenfalls nicht bindend im Sinne von verpflichtend. Ich komme einfach nicht umhin zu bemerken, wie sehr uns die Freiheit, für die so lange gekämpft wurde, einschränkt. Schranken durch Freiheit, wir haben aus dem menschlichen Leben ein Paradoxon gemacht – oder war es das schon immer? Mit der Freiheit des Individuums haben wir die sprichwörtliche Qual der Wahl zum programmatischen Ablauf unserer Leben berufen. In einer Zeit in der es die Mystik hinter der Oberfläche gab – zu geben schien – gab es Ziele, zum Beispiel das Aufdecken des Mystischen, doch Selbiger haben wir uns mittlerweile eindrucksvoll beraubt.

Schon in den 50ern, als Arnold Gehlen seine Thesen zum „Mängelwesen“ formulierte, hätte es jemandem auffallen müssen. Nun ist es wahrscheinlich zu spät. Der Mensch definiert seine Wesensart, seine Rasse, über seine Sprache. Die Sprache, die Fähigkeit zum Abstrakten, das ist der Hauptunterschied zwischen uns und den Tieren. Um genauer zu sein: die Reflexivität unserer Sprache, also zum Beispiel der Fakt das ich über sie Schreiben kann. Seitdem wir gelernt haben, abstrakt zu denken, haben wir uns angewöhnt auch abstrakt zu leben, zu sein. Der Mensch, wir, sind nicht mehr greifbar, sondern nur Begriffe die im Raum schweben.

Ich denke, das das zwischenmenschliche Problem darin besteht, das wir uns nicht erklären können; es wären einfach der Worte zu viele. Es ist einfacher den Weg zu trennen, als sich dauernd zu erklären, vor allem da jede Erklärung wieder einer neuen bedürfe. Wir haben uns eine Welt aus Symbolen erschaffen, die der Fantasie; haben dem was wir sehen Namen gegeben, und es so weit getrieben, das wir mittlerweile ohne Namen nichts mehr sehen. Überflutet von Symbolen, die die Welt um uns herum und uns selbst symbolisieren sollen, stehen wir bei jeder Erklärung vor einer unüberwindlichen Schlucht.

Die weniger werdenden sexuellen Kontakte der Menschen zueinander stellen Pausen dar, oder Inseln im Meer der Worte. Am besten verträgt man sich ja bekanntlich im Bett.

Es hat lange gedauert, bis ich diese Dinge begriffen hatte. Lange Zeit schwärmte ich für die Charaktere in den Romanen des amerikanischen Autoren Philip K. Dick, die sich immer untereinander verstehen konnten, ohne das es kompliziert wurde. Heute weiß ich, das sie das konnten, weil eine Figur im Kopf des Autors mit einer anderen im Kopf des Autors kommunizierte, er redete mit sich selbst. Im Gegensatz zu autobiographischen, oder „auf wahren Begebenheiten“ beruhenden, Romanen konnte in diesen Dialogen nichts schief gehen.

Ein Gewinn ist immer mit Verlust verbunden. Wenn man ein Auto gewinnt, muss man auch tanken gehen – mein Gewinn, oder meine Erkenntnis, war mit dem Verlust an Freude verbunden. Solange ein gewisser Grad an Miss- und Unverständnis vorhanden ist, kann man entweder Neugier empfinden, oder nach Aufklärung suchen. Merkt man allerdings das es das nicht gibt und das Menschen im Allgemeinen aus Symbolen bestehen, die sie selbst nicht verstehen, dann schmeißt man der Erkenntnis den Sinn in den Rachen. Eine Zeitlang versuchte ich noch vollkommenes Verständnis zu finden, und als ich merkte, das es dieses eben nicht gibt, gab ich sämtliche Ziele einfach auf. Was sollte ein Gespräch, eine Freundschaft, eine Beziehung bezwecken, wenn man sich des Endes sicher ist und weiß, das dazwischen nur Missverständnisse und Sex liegen? Eben, nichts.

Das der Humanist in mir gestorben war merkte ich erst lang nach seinem Tod. Beim Duschen kam mir die Idee zur Lösung eines gesellschaftlichen Problems, über welches ich schon lange nachgedacht hatte. Kaum war ich aus der Dusche gestiegen hatte ich Lösung wie auch Problem vergessen. Das öffnete mir die Augen, ich wusste plötzlich, das ich meinen Namen nicht in die Liste der gesellschaftlichen Revolutionäre schreiben wollte, komme was wolle. Mir war plötzlich bewusst geworden, wie klein und unnötig diese Gedanken waren, wie sinnlos vergeudet die Zeit war, die einige Humanisten über ihren Texten verplempern. Schlagartig war mir bewusst geworden, das ich einzigartig war, einzigartiger als die Einzigartigkeit, die der Individualismus bewirbt, und das mich die typisch menschlichen Belange nicht nur nicht interessierten, sondern das ich sie auch nicht nachvollziehen konnte. Das große Missverständnis war auf einmal mitten in mein Leben getreten. Ich wusste plötzlich, das jede Zeile die ich las, jedes Quantum an Bildung und jeder Funke Intelligenz mich nur komplexer machten, und das jemand der ähnlich komplex war sicherlich noch viel weniger Chance hatte mich zu verstehen als jemand der dumm geblieben war. 1000 Ideen zu vergleichen und festzustellen das sie sich auch nur ähneln ist beliebig schwieriger als das bei 10 zu tun. Auch zu den Dummen konnte ich aber keinen Draht finden, denn 1000 und 10 liegt zu weit auseinander, als das man von einer Ähnlichkeit sprechen könnte. Das war die Signatur der Sinnlosigkeit.

Hatte ich vorher noch nach Verständigung gesucht so erschien sie mir nun einzig und allein lästig. Mich langweilte alles. Und nicht nur das, ich empfand die Menschen mit denen ich zum Umgang gezwungen war als lästige Schmeißfliegen, die allesamt viel mehr als nur ersetzbar waren, nämlich sinnfrei.


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Kommentare

patrick wrote on 2007-11-18 14:45:25

Hallo knight,

ich denke, dass "Andere erkennen" und "Selbst erkennen" ist ein wechselseitiger Prozess (und muss es sein). Ich denke, wir sind auf den Vergleich unserer Selbst mit Anderen angewiesen um - mal ganz pragmatisch - z.B. unsere Fehler zu erkennen und uns zu verbessern. Die Konsequenz daraus wäre, dass das von dir als "Fundament" metaphorisierte Etwas eine Balance zwischen dem "sich selbst kennen" und dem "Andere kennenlernen" ist, es also folglich kein Ziel oder keine Perfektion gibt.

Ich bin mittlerweile nicht mehr sicher, was mein Text eigentlich genau bedeuten sollte (denn auch die Person die ihn geschrieben hat und ich sind zwei verschiedene), aber vielleicht könnte man das, was ich als "Missverständnis" beschreibe, eben mit diesem Prozess gleichsetzen: Wie sollten wir jemals an einen Punkt kommen, an dem völliges Verständnis herrscht, wenn beide (oder mehr) Teilnehmer der Beziehung ständig voneinander lernen. Niemals kann ein Punkt erreicht werden, an dem sie vom Lehrling zum Meister werden, denn jede gegenseitige Verbesserung bringt den anderen wieder in die Stellung des Meisters, einen selbst in die des Lehrlings. Und - so wie es aussieht - hört man in diesem Leben einfach nicht auf, Menschen zu treffen, von denen man noch etwas lernen kann.

Sicherlich kann man sich trotzdem "arrangieren". Die Tatsache, dass es kein hunderprozentiges Verständnis geben kann, heißt ja nicht, dass wir im ständigen Missverständnis leben; so schwarz/weiß ist das nicht.

knight wrote on 2007-11-14 01:23:27

Vielleicht muessen wir uns erst einmal selbst verstehen bevor wir unser glueck in der ferne suchen. Braucht man nicht erst ein gutes fundament um ein Haus darauf zu errichten. Vielleicht ist es mit der Zwischenmenschlichkeit genauso, wenn man nicht weiss wer man selbst ist, wie soll man dann andere verstehen. Aber das wirft die frage auf wer sind wir eigentlich und das ist meiner Meinung nach das Problem in einer Welt voller greller Bilder die ueber Bildschirme flimmern, voller Menschen die uns bewerten schon von klein auf. Das fuehrt zu dem Problem das wir uns selbst in den Symbolen verlieren und somit keine stabile Basis fuer ein Leben ja fuer eine Beziehung aufbauen koennen

Lambizzel wrote on 2007-10-25 17:40:00

Das ist äußerst deprimierend. Wir müssen mehr Rotwein trinken und Oliven essen - Es gibt keinen anderen Ausweg.

Das Duschbeispiel ist äußerst gelungen.

Sarah wrote on 2007-03-17 18:56:16

Ich teile diese Ansicht ganz und garnicht, das auf die Zeit betrachtet, jede Beziehung unweigerlich auseinander gehen muss. Es gibt da mehrere Ansätze warum nicht und wahrscheinlich ebensoviele weshalb dann doch.

Ich bin wohl auch zudem ein hoffnungsloser Idealist und, auf diesem speziellen Gebiet, auch ein Optimist. Ich glaube an die wahre Liebe, ob es die einzig wahre ist, das weiß ich nicht, soweit will ich mich dann doch nicht festlegen und auch alte Gefühle im Nachhinein nicht schmälern.

Sex ist sicherlich generell ein treibender Motor bei vielen zwischenmenschlichen Beziehungen, aber ob dies der Kitt ist, welcher Paare dazu bewegt 20 Jahre und mehr zusammen zu leben? Er ist dann doch wohl eher die Initialkraft, alles weitere bleibt mir noch ein Mysterium, welches man wohl erfahren muss, um es zu begreifen.

Wenn du sagst, der Mensch begreift den anderen Menschen niemals, so kann ich dann nur fragen: muss er es denn? Oder auch, will er es denn? Will ich ein offenes Buch vor mir haben? Gehen nicht die meisten Beziehungen dann in die Brüche, wenn der andere entmystifiziert wurde? Ich möchte jemanden, dem ich vertrauen kann, ja auch ein gewisses Maß an Sicherheit durch Vertrautheit, aber in und auswendig will ich ihn nicht kennen. Ich will mich dem Punkt nur annähern, ohne ihn zu erreichen.

Auf der anderen Seite erinner ich dich gerne nochmal an die Quantenphysik und das jedem Teilchen dort eine Wellenfunktion zugeschrieben wurde. Nun betrachte den Menschen als Teilchen mit einem Wellencharakter, dieser kann ja auch durchaus sehr komplex sein, aber dennoch ist es möglich, das sich diese Wellen überlagern. Es wäre so durchaus möglich eine uneingeschränkte Verständigung zu erreichen. Es sicherlich sehr gewagt und vielleicht auch in höchstem Maße dumm, einen Bereich aus der Quantenmechanik zu nehmen und ihn derart zu entfremden, aber als Vergleich fand ich ihn gerade recht passend und sympathisch.

Dein Abschluss ist eine logische Folgerung, aus deiner Überlegung resultierend, aber vielleicht gab es genau darin einen falschen Ansatz.

patrick wrote on 2006-02-23 16:51:20

Das ist sicherlich ein feiner Zug. Was man dazu braucht ist Überzeugung, wenn ich meine wiederhabe, können wir zusammen den Phoenix aus der Asche locken.

Anonymous wrote on 2006-02-15 20:54:11

Was beschrieben wird ist so ganz das Gegenteil von dem was ich empfinde. Das Zwischenmenschliche - ich kämpfe täglich mit dem "Ich" anderer Menschen, die genauso empfinden wie oben beschrieben....Ideale lassen sich nicht so einfach wegwischen, meine jedenfalls nicht, wenn ich auch weiterhin leben will. Da geht es hart auf hart - ich verlange mehr von meinen Mitmenschen und will nicht aufgeben, wenn ich es denn immer noch nicht schon getan habe!

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