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Elementarsätze, Sachverhalte und die Beschreibung der Wirklichkeit

Kurze Kritik zu den ersten beiden Kapiteln von Wittgensteins frühem Hauptwerk "Philosophische Untersuchungen"

Elementarsätze, Sachverhalte und die Beschreibung der Wirklichkeit

Im Folgenden soll es darum gehen, zu untersuchen, welchen Stellenwert "Elementarsätze" bei Wittgenstein haben. Selbige bilden für Wittgenstein die Struktur der Welt, indem sie Sachverhalte beschreiben. Sachverhalte sind alle real existierenden Gegebenheiten, Situationen, Zusammenhänge, Gegenstände.

Eine Frage, mit der sich der Wiener Kreis bereits lange beschäftigt hat, ist jene, wie definieren soll, welche Kriterien diese "Elementarsätze", die alle Sachverhalte beschreiben können, selber aber keine sind, haben muss, um als Elementarsatz zu gelten.

Wittgenstein selbst wusste auf diese Frage keine Antwort, und alles was man aussprechen würde, benutzte, um einen Elementarsatz zu beschreiben, wäre mutmaßlich bereits ein Sachverhalt, also "zuviel des Guten".

Ginge man aber nun davon aus, dass man tatsächlich Elementarsätze gefunden hat, ergeben sich dennoch etwaige Probleme bezüglich ihrer Erklärungsreichweite, was hier thematisiert wird.

Angenommen, Sachverhalte existieren tatsächlich und angenommen, dass Sachverhalte tatsächlich, so wie Wittgenstein es behauptet, durch so genannte „Elementarsätze“ beschrieben ( sofern es diese Elementarsätze bereits gibt, da es durchaus möglich ist, dass noch nicht alle Sachverhalte entdeckt sind und entsprechend der zugehörige Elementarsatz noch gar nicht gebildet werden konnte),

so gibt die Verknüpfung der Elementarsätze die Struktur der Welt an.

Geht man weiter davon aus, dass die Sachverhalte der Welt vollständig durch Elementarsätze beschrieben wurden, die Welt also in ihrer Komplexität deskriptiv erfasst und korrekt durch die Verbindung von Elementarsätzen wiedergegeben werden kann, so ergibt sich dennoch zum einen die Frage nach der korrekten Verknüpfung der bestehenden Elementarsätze. Selbst, wenn man eine Verknüpfung aller Elementarsätze, die die kompletten Sachverhalte der Welt gefunden hat, die isomorph zur Struktur der Welt, und somit zur ontologischen Welt ist, ergibt sich doch die Frage nach der Kausalitätsbeziehung der einzelnen Elementarsätze, die durch die Logik nicht vollständig wiedergegeben werden kann.

Die (Aussagen) - Logik bezieht sich auf die wahrheitsfunktionale Verknüpfung von bipolar definierbaren Sätzen, ist aber abstrahiert von deren Inhalt. So kann ein Konditional zwischen zwei wahren Elementarsätzen gebildet werden, obgleich die enthaltenen beiden Teilsätze keinen inhaltlichen Bezug zueinander haben. (Wittgenstein war ein Philosoph ? Sokrates war ein Philosoph.) An diesem Beispiel zeigt sich bereits die prinzipielle Unmöglichkeit, wahrheitsfunktionale Verknüpfungen beliebig anzuwenden, da die Zukunft ja nicht die Vergangenheit bedingen kann. Man braucht also ein anwendbares Modell der korrekten Struktur von Elementarsätzen, die durch die Vollständigkeit der Elementarsätze und deren Wahrheit und die Anwendung der grundlegenden Aussagenlogik nicht zu bilden ist.

Gegen das Argument, dass die Vergangenheit hier nicht die Vergangenheit bedingen kann (dem wohl jeder zustimmen würde), kann ein Anhänger der Theorie von Wittgenstein entgegenhalten, dass Sokrates und Wittgenstein insofern nicht in derselben Welt gelebt haben, als dass sie ja „zeitlich versetzt“ sind. Dann müsste man aber gleichwohl zugestehen, dass die Menge der Elementarsätze nicht wohl definiert, da nicht konstant ist, denn wie auch immer die Elementarsätze lauten mögen, die die Sachverhalte beschreiben, die wiederum ihrerseits die Existenz der beiden Philosophen beschreiben, können diese nicht konstant sein. Wenn sie es wären, müsste man entweder den o.g. Satz bilden können, oder man müsste zusätzliche Regeln festlegen, oder das System ist an sich unzureichend, weil offensichtlich falsche „Tatsachen“ daraus ableitbar sind.

Das Modell, dass Elementarsätze Sachverhalte beschreiben, würde als Erklärungsmodell der Welt nicht mehr tauglich sein, die Elementarsätze müssten sich schließlich permanent ändern, da die Welt (die aus Sachverhalten besteht), nicht statisch sind. Man könnte die Welt also, sofern das System überhaupt funktioniert, nur zu jedem einzelnen (Raum)-Zeitpunkt bestimmen, und das immer wieder von neuem, was meiner Ansicht nach nicht das Ziel einer formal erklärbaren Welt sein kann.

Allgemeiner ausgedrückt, in Bezug auf das oben genante Konditional, bieten also die bekannten Regeln keine Möglichkeit, die Welt in ihrer Kausalität (welche man natürlich voraussetzen muss um der Argumentation etwas abgewinnen zu können) auszudrücken. Selbst, wenn dies zufällig gelingen sollte, ist es schwierig, hieraus die

Naturgesetze, die Beschaffenheit der Welt etc. tatsächlich abzuleiten.

Die Evolutionstheorie beispielsweise gründet sich zwar prinzipiell auf empirischen Beobachtungen (Spottdrosseln, Artenvariation, etc…) ist aber dennoch ein Erklärungsmodell für die bestehenden Sachverhalte. Sie gibt uns eine Möglichkeit, nachzuvollziehen, warum die Entwicklung und Entstehung von Arten auf die Art und Weise geschieht, wie sie geschieht, eine bloße Bestandsaufnahme aller Sachverhalte, die durch alle entsprechenden Elementarsätze ausgedrückt werden würden, kann also die Welt beschreiben, kann aber nicht erklären, warum sich einzelne Sachverhalte in einer bestimmten Art und Weise existent sind, sie kann nicht die Zusammenhänge der Welt erklären.

Dies bedeutet nun aber leider, dass es auch unmöglich ist, Prognosen über die Entwicklung der Welt zu machen, streng genommen sogar unmöglich, Gesetze zu formulieren, wie sich bestimmte Dinge verhalten, weil man durch Elementarsätze höchstens eine gleichzeitige Präsenz von Sachverhalten wiedergeben kann, nicht aber behaupten kann, dass sie in irgend einer Weise korrelieren. Wenn die Entdeckung jeglichen Kausalitätsprinzips Aufgabe der Naturwissenschaft ist, und das wittgenstein´sche System tatsächlich nur rein deskriptiv genutzt werden kann, um die Welt theoretisch zu einem Raumzeitpunkt zu beschreiben (theoretisch, weil dies nach heutigen physikalischen Möglichkeiten, wenn nicht sogar prinzipiell), unmöglich ist, dann erfüllt dieses System keine Aufgabe mehr, die nicht die Naturwissenschaft allein bewerkstelligen könnte.

Abgesehen von dem Problem, dass bis heute noch niemand ein Beispiel für einen Elementarsatz gefunden hat (auch Wittgenstein nicht) ergibt sich nun die weitere Frage, die auch in Rekurs auf den ersten Teil von weiterer Relevanz sein wird. Sie lautet: Gibt es falsche oder verneinende Elementarsätze? Falls es diese gibt, können sie von zweierlei Form sein: Zum einen können sie das Abbild / die Beschreibung von möglichen Sachverhalten sein, die sich im Nachhinein als falsch erweisen ( Beispielsweise die Behauptung, dass es keinen braunen Hasen gebe, die solange als nicht falsch gilt, bis man einen gefunden hat) oder sie sind dergestalt, dass sie eben ausdrücken, dass es bestimmte Dinge nicht gibt, sofern diese Formulierung zumindest tendenziell der eines Elementarsatzes gerecht werden kann.

Es ist nach Wittgenstein so, dass Elementarsätze Sachverhalte beschreiben. Wenn sich aber ein vermeintlicher Sachverhalt als nicht existent erwiesen hat, dann ist der vermeintlich dazu gehörende Elementarsatz jedoch nicht falsch; er ist nicht als Elementarsatz existent. Das ist er deshalb nicht, weil Elementarsätze sich nur auf Sachverhalte beziehen, und nicht auf „Nicht – Sachverhalte“. Wenn sich ein Elementarsatz auf einen Sachverhalt bezieht, kann er nicht falsch sein, wenn man den bestehenden Satz verneint, wäre dieser zwar falsch, wäre aber kein Elementarsatz mehr, weil er sich nicht mehr auf einen Sachverhalt bezieht. Es ist nämlich nach den Vorstellungen der „intuitiven“ Logik nicht denkbar, dass etwas zugleich den Zustand „a“ und „nicht a“ hat.

Zur zweiten Möglichkeit ist folgendes zu sagen: Angenommen, der Satz „Es gibt keine pinken Elefanten“ wäre ein Elementarsatz. Dann ist es fraglich, ob er sich auf einen Sachverhalt bezieht oder nicht, denn schließlich ist die Aussage, dass es keine pinken Elefanten gibt, richtig, und es ist in der Welt auch der Fall, dass es keine pinken Elefanten gibt. Aber ist das Nichtbestehen ein Sachverhalt? Es gibt ja in der Welt nichts, was dem Satz „Es gibt keine pinken Elefanten“ entsprechen würde (aber genau das sagt der Satz ja aus.)

Dieses Problem kann man allerdings umgehen, indem man den Satz erst außen vorlässt und sich folgendes überlegt: Wenn man alle Elementarsätze hat, die die Sachverhalte beschreiben, di sich auf die Tatsachen beziehen, die die Welt bilden, dann weiß man (deskriptiv) was die Welt ist, (nicht wie sie ist). Die Welt ist alles was der Fall ist, alles was nicht der Fall ist, ist aber nicht die Welt. Wenn man also alle möglichen Aussagen über Elefanten tätigt, die man tätigen kann (sofern man das kann), dann ergibt sich alles über Elefanten, was man über sie (deskriptiv) wissen kann. Da man keine Aussage über pinke Elefanten in dem System vorfinden wird, gibt es diese auch nicht, da man ja davon ausgegangen ist, dass das System der Elementarsätze vollständig ist. Wenn man also (ganz systemgetreu) seine Aussagen über die Welt nur aufgrund der Menge der Elementarsätze aufbauen möchte, die wiederum auf Sachverhalten begründet sind, welche diese beschreiben, kommt man zu keiner Aussage, die besagt, dass es pinke Elefanten gibt oder nicht gibt. Man kann also nicht über pinke Elefanten sprechen. Also sollte man dazu schweigen.


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Kommentare

wrote on 2008-12-04 10:16:13

ähh...nein wirklich nicht.

Der Traktatus war LW's frühwerk, 1921 erschien.

Die PU sind 1956 erschienen, hier geht es im Gegensatz zu der Philosophie der idealen Sprache des Traktatus um ein natursprachlicheren Ansatz, also um eine Abkehr von der eigenen Frühphilosophie.

Lambizzel wrote on 2008-12-03 20:19:44

...welche ja vorher rauskamen, um dann nachher teilweise im tractatus neu verarbeitet / veröffentlicht zu werden.

*Pflaster*

ggg wrote on 2008-12-03 11:54:45

Ahhh....nicht die PU. Hier geht es um den Traktatus.Aua

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