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Pragmatismus vs. Taoismus

Eine 2500 Jahre alte philosophische Denkweise trifft auf eine 100 Jahre alte. Parallelen und Unterschiede.

... eine Gegenüberstellung.

Ich beziehe mich auf William James als Vertreter des Pragmatismus und auf Dschuang Dsi als Vertreter des Taoismus.

Bevor ich den Gong erklingen lasse, und mich darüber belustige, wie sich beide Kontrahenten die Köpfe einschlagen noch ein kleiner Einschub:

Obwohl der Titel so klingt, und obwohl mancher es als sinnvoll erachten würde, werde ich keinen "Gewinner" aus diesen Kampf gehen lassen. Das muss a) Jeder für sich selbst entscheiden, und b) kann ich mich selbst nicht festlegen, auf eine philosophische Richtung meine ich, und versuche deshalb allen Richtungen positive Elemente zu entnehmen. Oder, frei nach William James: "Es erweist sich als Wahrheit, was nützlich ist."


Pragmatismus

William James (1842 - 1910), Psychologe und Psychoanalytiker, gilt allgemein als der Gründer oder Erfinder des Pragmatismus. Ursprünglich wurde der Pragmatismus aber zuerst von Charles Peirce definiert. Charles Peirce entwarf seine Philosophie allerdings so schwer verständlich oder umständlich, wie Einige sagen, das sie nicht soviel Aufmerksamkeit bekam, wie die Ausführungen von William James. 1907 erschien das Buch "Pragmatism" von James, woraufhin Peirce seinen Pragmatismus offiziell in Pragtizismus, umbenannte. Wahrscheinlich fühlte Peirce sich von James' kürzeren Werk fehlinterpretiert oder missverstanden.

Wie weiter oben schon in dem Zitat angeschnitten, begründet der Pragmatismus sich auf einer Art Utilitarismus, die den Nutzen für den Menschen (die Menschheit) in den Vordergrund stellt. "Wahr ist, was nützlich ist.".

Im Gegensatz zur induktiven und deduktiven Methode ist die wissenschaftliche Methode des Pragmatismus abduktiv. Während bei der induktiven Methode von einer Theorie ausgegangen wird, die dann auf die Realität angewandt wird, und die deduktive Methode aus allgemeiner Realität eine spezielle Theorie entwickelt, ist das primäre Merkmal der abduktiven Methode ein permanenter Abgleich von Theorien mit der Realität, und andersherum.

Der Pragmatismus ist liberal. Jede mögliche Weltanschauung ist "erlaubt", jedes philosophische System legitim, solange es nützt. Der Nutzen-Aspekt ist dabei nicht egozentrisch, sondern, wie in den meisten Formen des Utilitarismus gilt: Je mehr Menschen Nutzen aus etwas ziehen, desto nützlicher ist etwas. Seine liberale Einstellung erlaubt es dem Pragmatiker religiöse Weltbilder ebenso zu akzeptieren, wie empirisch-atheistische, wenn man denn diese beiden Anschauungen als Gegensätze verstehen will.

James ist Psychologe, und auf dieser psychologischen Sichtweise begründet sich auch sein Panentheismus. Während viele Wissenschaftler den Glauben an etwas göttliches verneinen, ist für James die "Psyche" das göttliche, panentheistisch, weil die Psyche sich über alle Menschen der Welt verteilt, quasi die ganze Welt von Psyche durchwirkt ist.

Auf seine psychologische Orientierung ist wahrscheinlich auch folgender Aspekt seiner Philosophie zurückzuführen, den ich primär mit dem Taoismus vergleichen will:

James geht davon aus, das Entwicklung nur stattfindet, wenn es einen Gegenpol gibt, bzw. das in z.B. völliger Harmonie eine Stagnation jeglicher Entwicklung der Fall ist. Begründet wird diese Annahme unter Anderem damit, das keine Konflikte auch keine Lösungen erfordern. Wichtig ist aber vor allem im späteren Vergleich, das es ohne Gegenpol keine Entwickliung gibt.


Taoismus

Dschuang Dsi (365 - 290 v. Chr.), der auch Zhuangzi oder Chuang-tzu genannt wird, Hat mit seiner Schriftensammlung "Das wahre Buch vom südlichen Blütenland" neben Laotse's "Tao te king" den Grundstein für die taoistische Philosophie geliefert.

Dschuang Dsi war laut Überlieferung ein Schüler des Tian Zi Fang, der wiederrum ein Schüler des berühmten Konfuzius, der eigentlich Kong Fuzi heisst, war. Neben einigen Parallelen zu den Überlieferungen des Konfuzius, vor allem in stilistischen Mitteln und Bildsprache, enthält sein Werk vor allem Kritik an Konfuzius, auf die ich hier aber nicht näher eingehen werde.

Im Mittelpunkt des Taoismus steht die Vereinigung des Menschen mit dem Sinn. Dieser Sinn besteht vor allem im Nicht-Handeln. Dieses Nicht-Handeln ist vor allem darin zu verstehen, das der wahre Mensch (Dschuang Dsis Symbolisierung des Vereinigten) der Natur folgt, vor allem der Natur des Menschen.

Das allseits bekannte Ying-Yan Symbol bezeichnet eine weitere Seite des Taoismus. Ying (das weibliche, destruktive, böse) und Yan (das männliche, konstruktive, gute) sind vereint in einem Symbol. Auch in der Welt sind Gut und Böse vereint, ja, sogar aufeinander angewiesen. Und beides ist Teil der menschlichen Natur. Der Vereinigte macht diese Unterscheidung, Gut und Böse, nicht mehr, bei ihm sind beide Polare zu Einem verschmolzen. Der wahre Mensch vereint Menschlichkeit und Natur, Gut und Böse, Schwarz und Weiss, Tun was die Aufgabe ist - aber nicht Handeln - in einer Person.

Kultureller Überbau, Musik, Politik, Diplomatie, Etikette - all das ist unnatürlich, und Ziel des wahren Menschen ist das Erkennen von Natur und Un-Natur, das Akzeptieren oder Hinnehmen von beidem, aber Handeln im Sinne der derwärtigen Aufgabe, nur nach dem Ersteren.

Die oben erwähnten Gegenpole sind also nicht mehr vorhanden, und die Stagnation der Entwicklung, enthalten im Nicht-Handeln, ein Ideal, bzw. "das Höchste".


Widersprüche

Beide Philosophien haben ihre Schwachstellen, beide ihre Stärken.

Der Pragmatismus stützt seine Theorien darauf, das das Wahr ist, was nützt, und das das nützt, was dem gró der Menschen dienlich ist. Anders ausgedrückt: eine Handlung ist ist wahr (und der Pragmatismus sieht Wahrheit als Ideal), wenn sie den meisten nützt. Nun ist aber auch die Äusserung einer Bewertung durch "die meisten" eine Handlung, die aber nicht verifiziert ist. Auch das Bestimmen "der meisten" ist eine Handlung - auch nicht verifiziert. Grade seine Konstruktivistischen Züge machen den Pragmatismus hier also angreifbar.

Ein Problem des Taoismus ist ein Widerspruch in ihm selbst: Das Nicht-Handlen ist das Ziel des Vereinigten - um zum Vereinigten zu werden muss man lernen, eine Handlung. Die Autoren selbst liefern mit ihren Schriften und Lehren einen kulturellen Überbau, kritisieren aber gleichzeitig das Bauen solch eines Überbaus als der Philosophie widerläufig. Sprich: Um ihre Philosophie zu Positivieren, handeln sie gleichzeitig dagegen.


Der Vergleich

Die beiden Richtungen sind in vielen Punkten absolut gegenläufig:

Als erstes wäre wohl die Entwicklung anzuführen. Während im Pragmatismus die Entwicklung ein wesentlicher Bestandteil des erreichens von Wahrheit und Nutzen ist, verhält es sich im Taoismus absolut gegenläufig: Der Taoist empfindet jegliche gesellschaftliche Entwicklung als widernatürlich, es sei denn sie ist rückläufig, mindestens was Kultur und Ähnliches angeht. Der Pragmatiker versucht über eine und in einer dauerhaften Entwicklung seine Ideale zu erreichen, bzw. erfährt seine Ideen aus dieser Entwicklung, während der Taoist, einmal am Punkt X des wahren Menschen angekommen, jegliche Entwicklung, ja, sogar die Bemühung um Entwicklung als unnatürlich und somit als unwahr empfindet. Die Wahrheit des Pragmatismus begründet sich in Entwicklung, die des Taoismus in Stagnation.

An dieser Stelle ein Zitat von Dschuang Dsi (hier Kung Dsi):

Fortschritte
Yen Hui sprach: "Ich bin vorangekommen."
Kund Dsi sprach: "Was meinst du damit?"
Er sagte: " Ich habe Güte und Gerechtigkeit vergessen."
Kund Dsi sprach: "Das geht an, doch ist's noch nicht das höchste."
An einem anderen Tag trat er wieder vor ihn und sprach: "Ich bin vorangekommen."
Kung Dsi sprach: "Was meinst du damit?"
Er sprach: "Ich habe Umgangsformen und Musik vergessen."
Kung Dsi sprach: "Das geht an, doch ist's noch nicht das Höchste."
An einem anderen Tag trat er wieder vor ihn und sprach: "Ich bin vorangekommen."
Kung Dsi sprach: "Was meinst du damit?"
Er sagte: "Ich bin zur Ruhe gekommen und habe alles vergessen."
Kung Dsi sprach bewegt: "Was meinst du damit, dass du zur Ruhe gekommen bist und alles vergessen?"
Yen Hui sprach: "Ich habe meinen Leib dahinten gelassen, ich habe abgetan meine Erkenntnis. Fern von Leib und frei vom Wissen bin ich Eins geworden mit dem, das alles durchdringt. Das meine ich damit, das ich zur Ruhe gekommen bin und alles vergessen habe."
Kung Dsi sprach: "Wenn du diese Einheit erreicht hast, so bist du frei von allem Begehren; wenn du dich so gewandelt hast, so bist du frei von allen Gesetzen und bist weit besser als ich, und ich bitte nur, das ich dir nachfolgen darf."


Und hier einige Zitate von William James über Wahrheit:
"Die Wahrheit, in der Übereinstimmung mit Wirklichkeit, ist der Weg auf dem von einem Stück der Erfahrung zu anderen Stücken hingeführt wird."
"Wahres ist das, was uns vorwärts bringt."
"Wahres ist das, was für uns besser sei zu glauben."


Ich habe hier das "besser" hervorgehoben, weil es für eine Unterscheidung von Gut und Böse, oder richtig und falsch, bezeichnend ist, auch etwas, das dem Taoismus gegenläufig ist. Weiterhin gibt es beim Taoismus bestenfalls das "Vorwärtskommen" nicht, obwohl man, wie angesprochen und auch im Zitat ersichtlich, einen gewissen Prozess durchmachen muss, um zum wahren Menschen zu werden, der Taoist würde wahrscheinlich argumentieren, das dieser Prozess aber nicht vorwärts gerichtet ist.

Es erscheint mir noch wichtig, bezogen auf Gegensätze, das Problem der gut/schlecht Unterscheidung anzusprechen. Der wahre Mensch unterscheidet nicht mehr, er ist eins mit dem SINN, eins mit der Welt, ein mit Gut, eins mit Schlecht. Problematisch ist natürlich, das der wahre Mensch höher bewertet zu werden scheint, was widerum der Philosophie zuwider sein sollte. Im Pragmatismus sucht man nach Wahrheiten, die möglichst vielen Menschen Nutzen bringen, bzw. Handlungsläufen, die sich nach diesen Wahrheiten richten. Was den meisten nützt, wird im allgemeinen Sprachgebrauch als "gut" bezeichnet, zum Beispiel wird eine gemeinnützige Tat als "gute Tat" bezeichnet. Es gibt hier also wohl diese Unterscheidung. Auch allein das Allgemeinnützige allein betrachtet läuft dem Taoismus in gewisser Weise zuwider.

Allerdings gibt es Grade im Bezug auf den Nutzen auch eine starke Parallele zwischen den beiden Kontrahenten:

Den Nutzen im Pragmatismus habe ich oben schon ausgeführt, es sei nur noch erwähnt, das der Pragmat bei seinen Handlungen nicht nur den Nutzen aller, sondern auch seinen eigenen gleichzeitig im Auge behält. Un hier knüpft der Taoismus an: Der Taoist tut nichts, was seinem persönlichen Nutzen zuwider ist. Er tut bestenfalls natürlich so wenig wie möglich (Nicht-Handeln), aber wenn er etwas tut, dann nie etwas, das ihm selbst, seiner natürlichen Seite (ist von Natur zu trennen), abträglich wäre. Mitsamt der Kultur und Moral schafft der Taoist natürlich auch Rechte und Pflichten ab, zumindest was ihn selbst angeht. Er hat weder die Pflicht eine Arbeit anzunehmen, noch das Recht auf das Gehalt (was ihm sowieso egal sein sollte). Der Taoist tut mit seiner Natur, das heisst, er beugt sich Pflichten die der direkten Nahrungsaufnahme dienen, hat er nun nicht die Möglichkeit ein Feld zu bestellen, dann arbeitet er, bis er Essen hat, und nicht darüber hinaus.

Hier könnte man wohl eine Parallele erkennen. Eine andere könnte man in der Freiheit sehen. Ich habe schon erwähnt, auf welche Art und Weise der Pragmatismus liberal ist, aber auch der Taoismus ist das auf seine Art und Weise. Taoisten sind ungezwungen, was Wissen und Etikette angeht, auch was Philosophie angeht, solange es eben in der Mässigung geschieht. Gemeint ist damit, das man als Taoist tun kann was man will, nur nicht wieder der Natur. Moral zum Beispiel ist wider die Natur, ein Konstrukt, Philosophie eigentlich auch (das Problem habe ich oben angesprochen), allerdings ist a) gerechtfertigt was natürlich ist, und b) wird kein anderer Taoist etwas dagegen haben, da er eins mit allem ist.


Abschliessende Worte

Wie ich eingangs schon sagte: alles hat Vor- und Nachteile. Ich persönlich bin eher Taoistisch gefärbt, allerdings nicht nur, und müsste mir von Dschuang Dsi wohl einiges anhören.

Dieser Text dient nicht zur Selbstfindung des Lesers, das wäre sowieso anmassend meinerseits, er dient zu meiner eigenen. Ich finde beide Systeme haben sehr interessante Aspekte, und freue mich auch mein Wissen teilen zu können, trotzdem möchte ich nicht dogmatisch klingen, und sehe mich auch nicht in der Lage, eine "Anleitung" zum Leben zu schreiben. Sehe niemanden in dieser Lage. Ich hoffe die Lektüre war interessant.


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Kommentare

patrick wrote on 2006-04-18 22:47:34

Braucht man denn Salz, wenn man Schleim hat? Als Phlegmatiker müsste man sich doch mit einem naturalistischen Realismus (Letzterer in keinem philosophischen Sinne) abfinden können; und somit auch mit völliger Stumpfheit eines Daseins, das permanent die völlig triviale Frage nach einem Sinn stellt.

Anonymous wrote on 2006-03-29 04:52:05

als nächtliche Lektüre während der Zeit des Nichtschlafenkönnens bis zum Beginn der Nahrungsaufnahme und des nur Handelns für die Nahrungsaufnahme eine interessante Begründung meines Phlegmas.

Doch wo bleiben die highlights? Das Salz in der Suppe des Lebens?

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