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Rationalität und Moral

Wie hängen Rationalität und Moral zusammen, sofern sie das tun? Was kann man überhaupt unter Rationalität verstehen und ist Moral rational ? Oder ist Rationalität vielleicht moralisch ? Epistemisch oder ontologisch ?...

Vorwort

Die vorliegende Arbeit ist eine Untersuchung der Rationalität der Moral, der Moral der Rationalität, oder, besser gesagt, der Rationalität und der Moral. Hierbei wird fokussiert, inwieweit rationales und moralisches Denken zusammenhängen, ob sich beide Denkarten, sofern verschieden voneinander, gegenseitig bedingen und welche Wechselwirkungen sie aufeinander haben, sofern dies der Fall ist.

Letztendlich soll geprüft werden, ob entweder eine Identität zwischen moralischem und rationalem Denken vorliegt, eine Implikation, eine Kausalität, eine Korrelation oder eine Disjunktion oder keine von den beschriebenen Relationen. Als textliche Grundlage hierzu dient Richard Hares Buch „Moralisches Denken“, welches den einleitenden, sowie den Hauptteil meiner Arbeit bestimmt. Zunächst wird sein Zwei Ebenen Modell des moralischen Denkens vorgestellt. Inwieweit dieses Modell Bestand hat und haben kann, soll geprüft werden. Dazu ist eine genaue Untersuchung und eine Kategorisierung des Modells vonnöten. Im Fokus steht hier die Rolle der Rationalität menschlichen Denkens und Handelns, insbesondere in Hinblick auf den Pragmatismus jenes Modells.

Daraufhin wird das Prinzip der Universalisierbarkeit moralischer Urteile untersucht, sowie die Probleme, die bei dieser Forderung entstehen, wie etwa moralische Dilemmata oder egoistische Präferenzen. Es wird untersucht, ob die Forderung nach Universalisierbarkeit rational oder meta – ethisch ist und ob sie rechtfertigbar ist.

Hierzu werden verschiedene Beispiele diskutiert, der Utilitarismus wird kritisch untersucht werden, beispielsweise anhand der Wahl von Präferenzen und dem Argument der

Kontra – Intuition. Die Rolle der kritischen Ebene wird anhand eines Beispiels besprochen, daraus wird die Bedeutsamkeit des Universalisierungsprinzips abgeleitet. Es werden des Weiteren zwei Fragen beantwortet, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Rationalität und Moral befassen.

Daraufhin werden die Positionen von Fanatisten und Amoralisten dargestellt, wie Hare sie beschreibt. Der Vergleich derer mit einer moralisch utilitaristischen Position anhand selbst kreierter Beispiele soll vorläufige Antworten auf die Frage nach der Rationalität einer Moral liefern und zeigen, wie für den Fanatisten und den Amoralisten Rationalität und Moral zusammenhängen.

Die Verbindlichkeit, die Reichweite und letztlich auch der Gehalt des Zwei Ebenen Modells soll hier noch einmal abschließend beurteilt werden.

Es wird sich die Frage ergeben, ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, rational in dem von Hare beschriebenen Sinne zu handeln, dies führt uns auf eine weitere Betrachtungsebene, eine biologisch – soziologische. Der Ursprung menschlicher Handlungen wird von einem biologischen Standpunkt aus begründet, deren Nutzen wird gewissermaßen evolutiv dargestellt, was einen weiteren Rekurs auf die Frage bedeutet, wie rational das menschliche Handeln ist, und wie sich Moral begründen lässt, sofern dies möglich ist.

Im abschließenden Teil meiner Arbeit wird es um die Klärung der im Vorfeld gestellten Fragen gehen, in Rückbezug auf die kritische Untersuchung des Zwei Ebenen Modells und den psychologischen (Denk-) Voraussetzungen des Menschen. Hier wird resümierend versucht werden, die Frage zu beantworten, ob wir überhaupt eine Moral brauchen, und ob sich moralisches Denken lohnt, was sinnvollerweise die Annahme impliziert, dass moralisches Handeln bewusst rational steuerbar ist. Dies ist letztlich ein Teilgebiet der Frage nach der Rationalität des menschlichen Denkens und Handelns.


Zwei Definitionen vorab:

In der laufenden Arbeit werden oft Begriffe wie Rationalität oder Moral fallen, daher sei kurz erläutert, wie ich diese Begriffe verwende. Wenn Hare von Rationalität spricht, meint er im eigentlichen Sinne „vernünftiges Handeln“, welches dem Prinzip der Universalisierbarkeit als normative Forderung gerecht werden soll. Dies wird nach der Erklärung des Zwei Ebenen Modells klarer werden.

Wenn ich von Moral spreche, meine ich das Denken oder Handeln, welches sich aus intuitiven „moralischen“ Prinzipien ableitet, die (fast) jeder Mensch hat und welche der „Common Sense“ der westlichen Welt als solches akzeptiert, welche als universalisierbar innerhalb eines Gesellschafts- oder Kulturkreises gelten können.

Mit Moral meint Hare im Grund genommen dass korrekte Handeln seinem Zwei Ebenen Modell entsprechend. Wir werden aber sehen, dass diesbezüglich auch Ausnahmen gemacht werden.

Unter Rationalität verstehe ich das Denken oder Handeln mit Fokussierung auf den Eigennutz. Dies wird sich aber erst im letzten Teil der Arbeit, quasi als Schlussfolgerung zeigen, insofern werde ich in der vorliegenden Arbeit, sofern nicht explizit anders erwähnt, den hare´schen begriff der Rationalität verwenden.


1. Das Zwei Ebenen Modell des moralischen Denkens als Wegweiser zu moralischem Handeln

Richard Hare stellt in seinem Buch „Moralisches Denken“ eine methodische Abart des Utilitarismus dar. Dieses Modell nennt sich Zwei Ebenen Modell. Die beiden Ebenen, die hier betrachtet werden, sind zum einen die intuitive Ebene, und zum anderen die des kritischen Denkens.

Diese erheben den Anspruch, in korrekter Synthese zum richtigen moralischen Handeln zu führen.

Die intuitive Ebene ist jene, die den gesamten Bereich der menschlichen Intuitionen umfasst. Diese beinhalten quasi selbstverständliche Handlungsvoraussetzungen (und Verbote) die sich aus Erfahrungen oder moralischem Selbstverständnis ableiten, die einem Menschen intuitiv innewohnen, ohne dass diese durch moralisches Hinterfragen entstanden wären. All das, was ein Mensch ohne Reflektion intuitiv als (moralisch) richtig empfindet, ist Teil der intuitiven Ebene.

Für die Reflektion ist die „kritische Ebene“ zuständig. Jene hat den Anspruch, rational (im hare´schen Sinne) zu sein, und die intuitiven Handlungsprinzipien, die durch Intuition nicht weiter begründet werden, kritisch zu hinterfragen, zu bewerten, um sie dann zu bestätigen oder zu verwerfen.

Durch diesen kritischen Prozess entstehen idealerweise (neue) intuitive prima – facie Prinzipien, die handlungsanleitend sind. Es herrscht also ein gewisser „Kreislauf“ zwischen Intuitionen und kritischem Denken, die kritische Ebene hat die Intuitionen zum Gegenstand, die Intuitionen haben die kritische Instanz zur Rechtfertigung, insofern ist für Hare die Unterteilung moralischen Denkens in eine intuitive und eine kritische Ebene unerlässlich.

„Die Rationalität moralischen Denkens fußt in Wirklichkeit darauf, dass es ein Denksystem gibt, das zu entscheiden erlaubt, welches solche Prinzip es anzunehmen gilt. Dieses System habe ich das kritische Denken genannt.“

Die kritische Untersuchung bezieht sich allerdings nicht nur auf intuitive Handlungsprinzipien, sondern auch auf konkrete Handlungen. Dies macht den vermeintlichen Pragmatismus des Zwei Ebenen Modells aus. Aus der kritischen Bewertung konkreter Handlungsmöglichkeiten entstehen im Idealfall weitere, intuitive, prima-facie Prinzipien, der Pragmatismus soll darin bestehen, dem Menschen zu richtigem intuitivem Handeln zu verhelfen.

Da der Mensch nicht in jeder Situation genug Zeit hat, seine Handlungen vor der Ausführung kritisch zu überprüfen, werden gewisse Handlungsprinzipien kritisch untersucht, die die intuitiven Prinzipien formen sollen, damit im Idealfall die anschließende kritische Bewertung einer Handlung ihrem normativem Anspruch, nämlich dem, moralisch korrekt zu sein, entspricht. Die kritische Untersuchung von Handlungsprinzipien ist insofern zukunftsweisend.

Insofern stellt Hares Ethik eine Synthese aus dem kategorischen Imperativ von Kant („Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde“, oder „Handle so, dass jederzeit dein Handeln zur Maxime des Handelns erhoben werden kann“ ) und dem Handlungs- und Regelutilitarismus dar.

Der Handlungsutilitarist erhebt seine Nutzenerwägung lediglich in Bezug auf eine individuelle Handlung und deren direkte bzw. absehbare Folgen. So könnte er beispielsweise eine Lüge als nützlich einschätzen, wenn sie in der Situation einen direkten, offensichtlichen, Nutzenvorteil hat. Der Regelutilitarist würde wahrscheinlich dagegen argumentieren, da sich seine Nutzenerwägungen auf den Nutzen der Beachtung gewisser Regeln beziehen (wie etwa: Es ist nützlich, nicht zu lügen.)

Regelutilitarist ist Hare in dem Sinne, dass sich nach ihm bestimmte Prinzipien, die kritisch überprüft wurden, bewährt haben und sie deswegen sinnvoll sind. Handlungsutilitarist ist er in dem Sinne, dass die Überprüfung der handlungs-anleitenden Prinzipien auf einer kritischen Ebene jederzeit überprüft werden können und auch überprüft werden sollten.

Hare ist in Bezug auf die Rechtfertigung von intuitiven Prinzipien Regelutilitarist, und bei dem Nachdenken über die richtige, konkrete Handlung auf der kritischen Ebene Handlungsutilitarist. Die Synthese entsteht dadurch, dass sowohl das eine, als auch das andere, auf einer kritischen Ebene gerechtfertigt werden müssen, ersteres als grundsätzliches Prinzip, zweiteres als spezifische, handlungsbezogene Nutzenabwägung. Die Nützlichkeit ist im Utilitarismus seit jeher das vorherrschende Prinzip, lediglich in der Erhebung jener Intensität und der sich daraus ergebenden Möglichkeit der Vergleichbarkeit und der vermeintlichen Qualitätsunterschiede jener Nützlichkeiten scheiden sich die Geister.

Deontologisch ist Hare in dem Sinne, dass die kritische Überprüfung von Prinzipien, welche rational ablaufen soll, zu den Handlungen führen soll, die eben diese kritische Überprüfung vorschreibt. Diese ist begründet durch einen Regelutilitarismus, der bestimmten Intuitionen gewissermaßen einen prima facie nützlichen Wert zuschreibt, sodass solche Prinzipien bereits einen intrinsischen moralischen Wert haben können.

Unreflektierte, bedingungslose Mutterliebe ist ein geeignetes Beispiel für ein solches Prinzip. Persönliche Präferenzen werden bei Hare in diesem Sinne also mehr geachtet als bei Kant (welcher beispielsweise die Pflicht, nicht zu lügen, auch auf ein Beispiel anwendet, nach dem man seinen Freund einem Mörder ans Messer liefern würde)

Gemeinsam haben die beiden aber das Prinzip der Universalisierung, Kant im Sinne von strikter Rationalität und Pflichterfüllung (Du sollst nicht lügen!) und Hare dahingehend, dass er sagen würde, dass eben jene persönliche Präferenzen und Intuitionen bei jedem Menschen einen gewissen intrinsischen Stellenwert haben (und das auch sollen.)


2. Teil : Rationalität und Moral– - Diskussion von Beispielen

Anhand der folgenden Beispiele soll das Zwei Ebenen Modell kritisch untersucht werden. Es soll überprüft werden, wie Rationalität und moralisches Handeln miteinander zusammen hängen, und welchen relevanten Stellenwert Rationalität in Bezug auf das Zwei Ebenen Modell hat.

Setzt man Rationalität für kritisches Denken voraus, hat man sicherlich eine solide Grundlage, um selbiges zu bestärken, übernimmt aber auch Pflichten, die man erfüllen muss, um diesem impliziten Anspruch gerecht werden zu können.

Die Frage die sich also stellt, ist jene, inwiefern das von Hare vorgeschlagene Zwei Ebenen Modell der Moral als rational bezeichnet werden kann.

Dies soll im Folgenden anhand einiger Beispiele untersucht werden. Ich werde versuchen, (vorläufige) Antworten auf die (meta – moralischen) Fragen zu geben, ob

1.) rationales Denken selbst moralisch zu rechtfertigen ist, oder ob
2.) rationales Denken selbst intrinsisch moralischen Charakter hat

Hare führt in seinem Buch ein Beispiel eines Obdachlosen, den niemand kennt, an, der zufällig in ein Krankenhaus kommt. Hier liegen zwei Patienten, die jeweils eine Organtransplantation brauchen, weil sie sonst innerhalb kurzer Zeit sterben werden. Die Frage, die sich hier also stellt, ist jene, ob man den Obdachlosen umbringen sollte, um zwei Menschenleben zu retten.

Obgleich Hare dieses Beispiel aus verschiedenen Gründen für realitätsfern hält, wollen wir es doch etwas näher nach utilitaristischen Gesichtspunkten untersuchen.

Auf der intuitiven Ebene stellt dies keine allzu große Schwierigkeit dar. „Mord ist falsch“ ist ein im Common Sense anerkanntes, intuitives, prima-facie Prinzip. Dies ist entweder aus der Intuition selbst (im Sinne eines moralischen Selbstverständnisses) begründet, oder, in einem regelutilitaristischen Sinne, dass das Töten eines Menschen allgemein schlecht ist, dass also die Universalisierbarkeit des Prinzips: „Du darfst Menschen töten!“ weder utilitaristisch noch intuitiv wünschenswert ist.

Weit schwieriger, aber auch interessanter ist die Betrachtung eines solchen Falles auf der kritischen Ebene.

Zunächst sei es schwierig, so Hare, auszuarbeiten, ob der Mord von der kritischen Ebene aus betrachtet, richtig sei. Selbst wenn dem aber so ist, so Hare, heißt das noch lange nicht, dass man von den Ärzten verlangen kann, dass sie den Mord tatsächlich begehen. Das lässt zwei Schlussfolgerungen zu: Erstens ist die kritische Ebene zwar eine hinreichende Bedingung für die Evaluierung von prima facie Prinzipien, die Evaluierung aber keine zwingende normative Handlungsanweisung, denn das würde ja heißen, dass man von den Ärzten verlangen müsste, den Mord zu begehen.

Zweitens lässt sich daraus ableiten, dass jedes Urteil der kritischen Ebene kein präskriptiv differenzierbares ist. (Es wäre richtig, wenn du ihn töten würdest oder: Es wäre falsch, wenn du ihn töten würdest)

Die Überlegung auf einer kritischen Ebene könnte nämlich sowohl zu der Schlussfolgerung führen, dass der Mord aufgrund einer Nutzenerwägung präskriptiv – positiv ist, aber auch präskriptiv – negativ in Bezug auf die Wichtigkeit eines intuitiven prima facie Prinzips des Mordverbotes. Hier treffen eine handlungs- –und ein regelutilitaristische Bewertung aufeinander, die Hierarchie in dieser spezifischen Situation wird von Hare weder gegeben, noch wäre sie für den Menschen zwingend, wenn es sie gäbe, da die intuitive Denkebene des Menschen einen intrinsisch wichtigen wert hat. Wir würden also zwei kontradiktorische Handlungen moralisch gleichermaßen bewerten können, woraus sich ergibt, dass keine der beiden Wertungen eine zwingende normative Handlungsanweisung sein kann. Dies macht eine kritische Wertung vom pragmatischen Standpunkt aus redundant, der entscheidende Faktor scheint hier die Intuition des Menschen zu sein, die ihn zu einer der beiden Handlungen führt, welche er dann nachher utilitaristisch (kritisch) rechtfertigen kann.

Hare sieht sich an dieser Stelle zusätzlich einer der grundlegendsten Kritiken am Utilitarismus gegenüberstehen: Die Rechtfertigung von kontra – intuitivem Handeln. Der Punkt ist letztlich der, dass kritisches Denken kontra – intuitives Handeln fordern kann, sofern der Handelnde davon ausgeht, dass er damit den größten Nutzenerwartungswert erzielt. Andererseits haben Intuitionen auch einen intrinsischen Wert, wie bereits erwähnt. Beide Handlungsweisen (nämlich der Mord und das am Leben lassen) sind demnach utilitaristisch zu rechtfertigen.

Das kritische Denken erhebt den Anspruch rational zu sein, kann aber situationsbedingt zwei kontradiktorische Handlungen rechtfertigen, die eine aufgrund der Gültigkeit eines prima facie Prinzips, die andere aufgrund des realen Nutzenerwartungswertes.

Also kann die kritische Ebene, als Teil des moralischen Denkens nicht rein rational sein. Denn eine rationale Entscheidung zwischen zwei Alternativen ist entweder festgelegt oder sie kann nicht bestimmt werden, es kann nicht vernünftig sein, für eine Fragestellung zwei mögliche, sich widersprechende Antwortmöglichkeiten zu geben. Wenn zur Lösung dieses Problems rational, d.h. vernünftig gedacht wird, dann führt jenes Denken zu der Schlussfolgerung, dass die kritische Ebene sich aus genannten Gründen quasi selbst aufhebt und persönliche Dispositionen oder grundlegende intuitive prima facie Prinzipien den entscheidenden Impetus einer Handlung geben sollen.

Für die Beantwortung der ersten der oben genannten Fragen bedeutet dies folgendes:

Rationales Denken ist, moralischen Grundprinzipien entsprechend, moralisch nicht zu rechtfertigen.

Sonst müsste man moralisch rechtfertigen, dass man sich sowohl auf die eine oder auf die andere Weise entscheiden kann, dann wäre die Moral aber überflüssig, weil sie kein handlungsanweisendes Gebot mehr liefern würde.

Der Versuch, rationales Denken moralisch zu rechtfertigen, endet zweitens deswegen in einem Zirkelschluss, weil die Moral von Hare den Anspruch erhebt, Rationalität als Voraussetzung für korrektes moralisches Denken zu haben. Nur wer auch rational denkt, kann im Sinne Hares auch moralisch denken.

Die zweite aufgeworfene Frage wird im nächsten Kapitel untersucht.


3. Universalisierbarkeit – ein rationales, moralisches oder meta-ethisches Prinzip ?

Im Folgenden wird untersucht, was das Universalisierungsprinzip von seiner Ontologie her ist. Dies tue ich, da die Universalisierung die Forderung an die Moral ist, die Hare vertritt. Dieser Forderung stellt sich Hare auch bewusst gegenüber. Insofern ist es interessant, ob das Prinzip rational ist oder nicht, weil so weitere zusammenhänge zwischen rationalem und moralischem Denken aufgezeigt werden sollen. Leider kann nicht auf alle Probleme, die sich daraus ergeben, angemessen eingegangen werden, da der Umfang dieser Arbeit dies nicht zulässt.

Formal betrachtet bedeutet die Universalisierbarkeit, dass eine ausgeführte Handlung „H“ von einer Person „P“ in einer spezifischen Situation „S“ dergestalt sein muss, dass gilt:

Für alle x muss gelten: (Px & Sx) ? Hx

Denken wir uns ein Beispiel, in dem es darum geht, einem Obdachlosen in der Stadt etwas Geld zu geben, damit er sich etwas zu essen kaufen kann, um nicht zu verhungern. Angenommen, ich habe ein paar hundert Euro dabei. Dann wäre es für mich kein nennenswerter Verlust, ihm etwas von meinem Geld zu geben. Eine moralische Intuition, wie Hare sie beschreibt, möchte ich den wenigsten Menschen absprechen, unabhängig von den Konsequenzen, die man aus ihnen zieht, glauben doch die meisten Menschen, dass es eine gewisse moralische Vorbildfunktion hätte, dem Mann zu helfen.

Die Handlung wäre, intuitiv betrachtet höchst moralisch, man würde auch guten Gewissens eine Universalisierung wünschen. Selbst wenn jemand aus irgendwelchen Gründen dem Mann kein Geld gäbe (beispielsweise aus egoistischen Präferenzen), so würde er doch wahrscheinlich intuitiv annehmen, dass er dann nicht moralisch handelt. Die kritische Bewertung der Handlung möchte ich an dieser Stelle außen vor lassen, da ich davon ausgehe, dass jene zu der Schlussfolgerung führt, dass es moralisch (im Hare´schen Sinne von Moral) korrekt ist, dem Mann das Geld zu geben, weil die Situation quasi voraussetzt, dass der Mann keine Chance hat, irgendwie anders an Geld zu kommen, und ohne das Geld schlichtweg verhungern würde.

Im Fokus steht also lediglich die direkte moralische Intuition, wobei mit „moralischer Intuition“ das intuitive Verständnis einer korrekten Moral gemeint ist.

Zwingend rational im hare´schen Sinne ist die Geldspende auch nur auf den ersten Blick. Eine Nutzenabwägung vergleicht den individuellen Nutzen mit dem des Obdachlosen. Es stellt sich also die Frage, wie hoch der Stellenwert der selbstbezogenen Präferenz ist. Rationalität in dem von Hare beschriebenen Sinne meint ja auch, universalisierbar sein zu müssen (dies war die grundsätzliche Forderung), also stellt sich die Frage, ob Mitleid (als offensichtliche Handlungsintention) ein Prinzip ist, welches universalisiert werden sollte.

Dies wiederum ist aber meiner Meinung nach eine Frage, deren Beantwortung von der persönlichen Präferenz eines Menschen abhängt, und auch davon, ob er jemand ist, der auf die Mithilfe und das Mitgefühl anderer Menschen angewiesen ist. Rational wäre die Handlung dann nur bedingt, nämlich, wenn es für den jeweiligen Menschen vorteilhaft ist, so zu handeln. Ohnehin hat die Geldspende eher emotionalen Charakter, rational im Sinne Hares wäre es eher, dem Mann eine Arbeit zu verschaffen, damit er langfristig mehr Nutzen hat.

Dies stellt aber eine theoretische Konkurrenz dar, wenn der Mann beispielsweise in meiner Firma arbeiten würde, könnte er mir vielleicht meinen Job klauen, dann würde die Nutzenfrage sogar nicht mehr zwangsläufig nur von egoistischen Präferenzen abhängen, wenn man daon ausgeht, dass es egal ist, ob Person A oder Person B einen Job erledigt. Denn mein Nutzen, einen bestimmten Job zu haben, kann genauso groß sein, wie der Nutzen einer anderen Person, wenn sie diesen Job hat. Durch den vorangegangenen Argumentationsgang stellt sich die Frage, ob der Mensch überhaupt in der Lage ist, rational im hare´schen Sinne zu handeln, wenn doch die Universalisierung als anleitendes Prinzip von persönlichen Präferenzen abhängen kann.

Ich denke, dass es prinzipiell möglich ist, nach Prinzipien, die universalisiert werden sollten, zu handeln. Aber ob sie das sollten, ist letztlich ein persönlicher Eindruck. Versucht man, seine egoistischen Präferenzen abzulegen, wenn es um die Findung jener Prinzipien geht, mag es möglich sein, rational zu handeln, wie Hare es beschreibt. Dazu ist aber das Wissen darüber vonnöten, welche Prinzipien einer egoistischen Natur entspringen (und nur unter dem Deckmantel einer Nutzenmaximierung stehen). Unangetastet davon ist die Frage, ob eine Rationalität in diesem Sinne überhaupt wünschenswert ist.

Dies führt dann zu einer weiteren Betrachtung der Frage nach der Rationalität der dargestellten Handlung, diesmal in dem von mir erläuterten Sinne, auf den ich versucht habe, durch das Vorangegangene hinzuarbeiten:

Rational in dem von mir erläuterten Sinne wäre die Handlung nicht. Das wäre sie nur dann, wenn mein Eigennutz dem Nutzen des Obdachlosen überwiegt, was fast unmöglich ist. Die einzige Chance, das zu gewährleisten, wäre jene, dass mein Glücksgefühl extrem steigt, weil ich denke, etwas Gutes getan zu haben. Ansonsten wäre meine Handlung nicht rational, und damit wäre ein Beispiel kreiert, welches anhand rationaler Überlegungen zu unmoralischem Handeln führt.

Dass Universalisierungsprinzip im Sinne einer Forderung kann hier nicht angewandt werden. Wenn ich ein Obdachloser wäre, würde ich mir nicht wünschen, kein Geld zu bekommen. Dann ergibt sich allerdings die Frage, ob das Universalisierungsprinzip tatsächlich rational ist, wenn es rational sein kann, es als Forderung oder Bedingung (moralischen) Handelns zu ignorieren.

Wenn rationales Denken zu unmoralischem Handeln führen kann, kann rationales Denken keinen intrinsisch moralischen Charakter haben.

Dabei ist es unerheblich, welche der beschriebenen Definitionen von Rationalität man wählt.

Das Universalisierungsprinzip kann kein rationales Prinzip sein, da wir in der Lage sind, uns eine Situation vorzustellen, in der der Mensch rational handelt, aber die Universalisierung aus den erläutertem Grund nicht fordern würde.

Es sei denn, es wäre rational, in bestimmten Fällen irrational zu handeln, aber dabei scheint es sich nur um ein verwirrendes Sprachspiel zu handeln, denn auch hierbei würde es sich natürlich um eine rationale Handlung handeln, da man natürlich zuerst die zeitliche Differenz „Entscheidung – Handlung“ berücksichtigen muss, von denen ersteres rational ist und als hinreichende Bedingung fungiert.

Der Inhalt der Handlung selbst kann nicht isoliert als nicht rational betrachtet werden, wenn er das Ergebnis einer rationalen Überlegung ist. Dies sollte nicht weiter ausgeführt werden, da es anscheinend lediglich eine logische Verwirrung darstellt.

Anhand der Beispiele wurde nun gezeigt, dass rationales Denken durchaus die Voraussetzung für moralisches Denken (und entsprechendes Handeln) sein kann, man sich aber auch rational dagegen entscheiden kann, moralisch zu handeln. Die Vernunft kann also keinen eigenen moralisch guten Charakter haben, weil sie sonst nicht zu bewusst moralisch schlechten Handlungen verleiten würde.

Die Forderung der Universalisierung wird der Moral als Bedingung vorausgesetzt, was heißt, dass die Forderung selbst nicht moralisch sein kann. Dies würde in einen logischen Zirkel führen.

Ist das Universalisierungsprinzip nun meta – ethisch? Das würde implizieren, dass es keine Ethik ohne die Forderung nach Universalisierung geben kann, so als ob es eine Art „goldenes Handbuch“ für die Moral, wie sie richtig gedacht und praktiziert wird, gebe. Moral ist aber, wenn man sie nicht als von Steintafeln abgelesen oder von Gott ins Ohr geflüstert betrachtet, ein menschliches Konstrukt.

Eine Moral bildet idealerweise die Vorstellung moralischen Handelns und fairer Übereinkunft einer Gesellschaft untereinander. Dies ist nun aber auch keine meta – ethische Regel, sondern eine rein normative Forderung an das, was Moral leisten soll. Ähnlich verhält es sich mit dem Universalisierungsprinzip: Es fordert, wie eine Moral arbeiten soll, ist somit ein normatives Prinzip.

Meta – ethisch wäre es, wenn damit ausgedrückt wäre, wie Moral de facto funktioniert. Dass eine Moral aber nur als solche funktioniert und überhaupt eine ist, wenn das Universalisierungsprinzip gilt, ist aber gar nicht klar, sondern eine Behauptung Hares, oder eine Forderung, die er selbst an seine Moral stellt, die aber in Hinblick auf das Vorangegangene durchaus anzweifelbar ist.

Das Universalisierungsprinzip ist demnach eine normatives Prinzip der Moral, dass weder rein rational, noch moralisch, noch meta – ethisch begründbar ist.


4. Fanatismus und Amoralismus

Im Folgenden wird es darum gehen, die Denkweise eines „echten“ Fanatikers zu beschreiben. Weiter soll es darum gehen, Schlussfolgerungen darüber zu ziehen, was für eine Denkweise beim beschriebenen Typus vorherrscht und was das für den spezifischen Zusammenhang zwischen Rationalität und Moral (jeweils im beschriebenen Sinne) bedeutet. Zunächst wird Hares Haltung zum Fanatismus dargestellt um zu veranschaulichen, was der Fanatismus für das Zwei Ebenen Modell bedeutet.

Ein „echter“ Fanatiker wird von Hare beschrieben als ein Mensch, der in der Lage ist, kritisch zu denken, die Resultate aber verwirft. Der „unechte“ Fanatiker ist jemand, der nicht in der Lage ist, kritisch, d.h. rational zu denken. Letzterer ist aber sowohl für Hare, als auch für diese Arbeit, uninteressant.

Im Folgenden sei also nur vom „echten“ Fanatiker gesprochen, wenn über Fanatiker geredet wird.

Hare versucht eine Möglichkeit zu finden, sein Zwei Ebenen Modell gegenüber dem Fanatiker zu verteidigen, dass dies im Idealfall bedeutet, ihn argumentativ aus dem Feld zu schlagen. Im Folgenden wird nun also kurz die Argumentationsstruktur von Hare beschrieben: Der Fanatiker kann nicht behaupten, dass er nach moralischen Prinzipien handelt. Dies stünde im Widerspruch zum Verständnis von Moral, weil er sich nicht wünschen kann, dass seine Denk –und Handlungsweisen universalisiert werden würden. Setzt man also das Universalisierungsprinzip für Moral voraus, und das tut Hare, ist der Fanatiker kein moralisch denkender oder handelnder Mensch.

Hares Argument dafür ist die Behauptung, dass die Präferenzen eines Fanatikers nicht ausreichen, um ihn, utilitaristisch betrachtet, zu rechtfertigen. Er geht davon aus, dass es stets möglich sei, den größeren Nutzen darin zu finden, wenn der Fanatiker eine bestimmte Handlung nicht ausführen würde.

Sollte es allerdings tatsächlich der Fall sein, dass der Nutzen durch die Handlung eines Fanatikers größer ist, also die Menge Schaden die Menge Nutzen überwiegen würde, wenn er seine Handlung nicht ausführte, so sollte er seine Handlung ausführen. Dies ist aber nach Hare kein Argument gegen seine Theorie, weil die Nutzenerwägung eines moralisch denkenden Menschen (auf der kritischen Ebene) eben jenen zu der Einsicht bringen müsste, dass der Fanatiker seine Handlung ausführen sollte. Hier würde Hare also wegen seines Modells dem Fanatisten das Handeln, seiner egoistischen Präferenz entsprechend, zugestehen.

Aus dem Vorangegangenen zieht Hare aber seine Schlussfolgerung, dass der Fanatismus kein Problem für seine Theorie darstellt, weil selbiger entweder unberechtigt ist im Sinne seiner Theorie, weil seine Präferenzen nicht ausreichen, oder berechtigt, weil sie das eben doch tun. In keinem der beiden Fälle ergibt sich ein Widerspruch zu seinem System.

Zu Hares Argumentation ist Folgendes zu sagen: Zunächst muss ein Fanatiker, um seine Handlung zu rechtfertigen, nicht vorgeben, moralisch zu sein. Vielleicht ist es ja eher so, dass er, eben weil er es nicht ist, eben nur in Hinblick auf seinen Eigennutz handelt, also rational, in dem von mir beschriebenen Sinne. Er muss sich dementsprechend auch nicht dem Universalisierungsprinzip beugen. Natürlich würde er vermutlich nicht wollen, dass alle Menschen egoistisch handeln, und das ist eine rationale Einsicht, da dies nur ein weiterer Ausdruck seines Eigennutzes ist. Das führt aber nicht notwendigerweise zu der rationalen Schlussfolgerung, dass er seine Handlungen jenem Prinzip unterordnen muss. Selbst wenn der Fanatist behaupten würde, moralisch zu handeln, könnte er eine andere Definition von Moral haben, welche nicht das Prinzip der Universalisierbarkeit als normative Forderung beinhaltet. Insofern ist die Frage, ob er sich für moralisch oder nicht hält, an dieser Stelle uninteressant.

Der Vergleich des Fanatikers mit dem Zwei Ebenen Modell ist aus einem bestimmten Grund sehr schwierig: Kritisches Denken bedeutet für Hare nicht dasselbe, wie für den Fanatisten. Kritisches Denken ist rationales Denken und jenes bedeutet für Hare, dem Prinzip der Universalisierung standhalten zu können, und egoistische (oder loyale) Präferenzen zwar bedingt gelten zu lassen, aber nur, wenn solche Präferenzen im Gesamtnutzen höher sind (Mutterliebe) als der andernfalls entstehende Schaden. Letzteres ist ja auch Hares zweites Argument, weshalb der Fanatismus kein Gegenargument zu seinem System darstellt.

Beide erläuterte Ausnahmen lassen sich nach Hare universalisieren, weil das utilitaristische Prinzip der Nutzenmaximierung erfüllt ist, im Sinne des Gesamt –oder Allgemeinnutzens.

Der Fanatiker hat aber nicht das Prinzip der Universalisierung als Bedingung zur Vermehrung des Allgemeinnutzens im Fokus. Das rationale Denken bedeutet für den Fanatiker die Vermehrung des Eigennutzes.

Möglicherweise ist es dem Fanatisten möglich, auf der kritischen Ebene, wie Hare sie beschreibt, zu denken. Wahrscheinlich ist aber, dass er das gar nicht erst tut, weil er eine andere Zielsetzung vor Augen hat, andere Voraussetzungen, die das rationale Denken bestimmen. Hieraus ergibt sich die Frage, ob korrektes moralisches Denken zu korrektem moralischem Handeln führen würde. (würde der Fanatiker beispielsweise zum Moralisten werden, wenn er auf der kritischen Ebene im Sinne Hares denken würde?) Darauf kann aber hier nicht genauer eingegangen werden.

Hare beantwortet diese Frage mit der Nichtexistenz solcher Fanatiker. Daraus lässt sich schließen, dass er die Frage mit „ja“ beantworten würde, denn entweder bedeutet die Nichtexistenz, dass die Fanatiker die Ergebnisse der kritischen Ebene nicht verwerfen können, oder eben gar nicht auf jener kritischen Ebene denken. Auch Hare gehr aber auf diese Frage argumentativ nicht weiter ein.

Den Amoralisten beschreibt Hare als „moralisch indifferent.“

„Er ähnelt in der Hinsicht einer Person, die weiß, wie man das Wort „Hexe“ verwendet, aber nicht glaubt, dass es Hexen gibt; er weiß, wie Pflichten aussähen, gibt aber (wie, unter einer vielleicht nicht zu wohlwollenden Interpretation John Mackie) nicht zu, dass es welche gibt.“

Der Amoralist wird also hier beschrieben, als jemand, der Amoralist aus Überzeugung ist, weil er glaubt, dass es so etwas wie Moral gar nicht gebe. Insofern scheint die Haltung des Amoralisten der des Fanatisten gegenüber noch radikaler zu sein, wo letzterer jene lediglich ignoriert oder deren Schlussfolgerungen er nicht akzeptiert. Der Amoralist und der Fanatiker teilen sich allerdings ein und dieselbe Präferenz: den Eigennutz. Sie begründen ihre Art zu denken lediglich etwas anders: Beide könnten zugeben, nicht moralisch zu handeln, der Fanatiker würde sagen, dass er das tut, weil er ein Egoist ist und sich nicht weiter begründen muss oder will, da seine egoistischen Präferenzen ohnehin mehr Gewicht haben als alle anderen Präferenzen, die in einem Kalkül, sofern man ein solches aufstelle, von Bedeutung wären.

Der Amoralist würde sagen, dass das Prinzip der Universalisierung, wenn seine Handlung davon nicht akzeptiert werden würde, keine hinreichende Bedingung für das Verbot jener Handlung ist. Daraus würde er schließen, dass er eine Handlung entweder tun kann oder sie lassen kann, obwohl er zugleich zugeben könnte, dass das Prinzip der Universalisierung gilt. Jenes hat für ihn lediglich weniger Aussagekraft, er sieht es nicht als strenge normative Vorschrift, woraus er seine relativistische Haltung zieht. Er müsste sich dementsprechend nicht als Egoisten bezeichnen, weil er nicht das Gefühl hat, tatsächlich gegen eine Regel zu verstoßen, der Fanatist müsste das schon.

Fazit:
Der Fanatist handelt rational in dem von mir beschriebenen Sinne. Das muss nicht bedeuten, dass er unmoralisch handelt, er könnte zufällig moralisch handeln, (wenn man eine Handlung den Folgen entsprechend als moralisch wertet), dies ist nur nicht sein oberstes Ziel, entsprechend kann er solange moralisch handeln, wie die Bilanz des „Nutzenerwartungswertes“ positiv ausfällt. (An dieser Stelle gehe ich davon aus, dass diese Bilanz niemals tatsächlich 0 beträgt, wenn beispielsweise die Bilanz scheinbar 0 ergibt, so wäre sie die Anstrengung nicht wert und somit negativ.)

Hieraus ergibt sich, dass Rationalität in dem von mir beschriebenen Sinne eine Moral weder ausschließt noch nötig macht, und weder eine notwendige, noch eine hinreichende Bedingung für selbige ist.


5. Moralisches Handeln – Pragmatismus - Selektionsvorteile von Kooperation

Der nachfolgende Teil soll etwas pragmatischer sein. Es wird eine Theorie vorgestellt, die scheinbar altruistisches, faires oder allgemein im Common Sense als moralisch verstandenes Handeln, molekular erklärbar macht. Der Zweck dessen Erwähnung ist folgender: Aus dem Vorangegangenen ist (implizit) zu entnehmen, dass rationales Denken (in dem von mir beschriebenen Sinne) die Triebfeder menschlichen Handelns ist. Die Theorie, die hier vertreten wird, geht davon aus, dass die Intention, von der ich spreche, tatsächlich jene ist, seinen eigenen Vorteil zu sichern, dass dies aber nicht auf Vernunft zurückzuführen ist, sondern auf einen „Egoismus der Gene“. „den eigenen Vorteil“ sichern wird in jener Theorie synonym mit „den Bestand meiner Gene sichern“ verwendet. Mit anderen Worten: Es wird ein anderes Erklärungsmodell herangezogen, um selbstbezogenes Handeln erklärbar zu machen.

Dies kann auch moralisches Handeln erklären und die Selektionsvorteile moralischen Handelns aufzeigen, wobei moralisch hier als „Dienst am anderen“ aufzufassen ist, der einem selbst keinen Nachteil, im Bestfall einen Vorteil bringt.

Hier wird die These vertreten, dass (scheinbar) moralisches Handeln einer egoistischen Intention entspringt. Untersucht wird die Reichweite dieser These, zum einen in Bezug auf die Phänomene, die sie erklären kann, zum anderen in Hinblick auf deren implizite These, dass es so etwas wie eine „echte“ Moral im Sinne eines radikalen Altruismus weder gibt noch geben kann.

Bernhard Mandelville formulierte einst die These, dass das Übel und die Selbstliebe der Beginn einer jeglichen Kooperation sei. Der größtmögliche Nutzen aller wird dadurch erreicht, dass jeder seinen eigenen Willen konsequent verfolgt und seinem Egoismus frönt. Anders kann eine Gesellschaft nicht funktionieren, so Mandelville.

Somit versuchte Mandelville Anfang des 18. Jahrhunderts den Edelmut und die „wahre Tugend“ als eine „Schmeichelei weltfremder Dummköpfe“ zu entlarven.

Richard Dawkins, der bekannte Evolutionstheoretiker, spricht von dem „egoistischen Gen“, wodurch scheinbar altruistisches Verhalten auf einer molekularen Ebene erklärbar werde. „Wir sind Überlebensmaschinen, Roboter, blind programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden. Dieser Egoismus der Gene wird für gewöhnlich egoistisches Verhalten des Individuums hervorrufen.“

Es stellt sich natürlich die Frage, wie stark die Erklärbarkeit von Phänomenen auf genannte Theorie zurückführbar ist. Altruistisches Verhalten im Bekanntenkreis lässt sich noch recht plausibel erklären: Wenn meine Gene egoistisch sind, möchte ich jene eben schützen, und die Chance, dass meine Gene denen meiner Verwandten gleichen, ist groß. Dies ist ein altbewährtes Procedere, bekannt unter dem Namen „Vetternwirtschaft.“

Ein Vorteil des moralischen Handelns gegenüber anderen Individuen liegt sicherlich darin, dass man davon ausgehen kann, dass man selber gut behandelt wird, wenn man entsprechend vorlegt. Dies ist ganz im Sinne der „goldenen Regel“, welche ja besagt, dass man niemanden so behandeln soll, wie man selbst nicht auch behandelt werden wollte.

Neben direkten potentiellen Vorteilen, wie dem der Revanche, bietet solch ein Verhalten den weiteren Vorteil, dass man sich grundsätzlich einen guten Ruf erarbeitet. Dies lässt natürlich weit reichende zukunftsbezogene Vorteile vermuten, z.B. ein größeres Vertrauen, welches jenem Menschen gegenüber gebracht werden kann und eine gesteigerte Sympathie, die ihrerseits wiederum zu einem erhöhten Pensum an Gefallen führen kann, die man der Person tut. Dies ist aber nur bedingt von Vorteil, nämlich dann, wenn es sich um Personen im Verwandten oder Freundeskreis handelt. Der beschriebene Altruismus ist also reziprok.

Moralisches Handeln kann sich also durchaus lohnen.

Ein Argument, welches dafür spricht, dass es echten Altruismus tatsächlich gibt, ist das Vorkommen solche Arten von Handlungen, die dem Individuum mehr schaden, als es ihnen selbst Nutzen bringt. (Wenn sich z.B. Ein Mann für ein völlig fremdes Kind in Lebensgefahr begibt, um es zu retten) Wäre dem tatsächlich so, würden die egoistischen Triebfedern (bspw. der Gene) niemals eine solche Handlung erklären können, was zwei mögliche Schlussfolgerungen zulässt:

Entweder sind die egoistischen Triebfedern versteckte Parameter in der Systematik der menschlichen Entscheidung oder der Mensch ist tatsächlich in der Lage, eine Art der Selbstlosigkeit an den Tag zu legen, wie es die Kirche z.B. behauptet.

Letztendlich liefert das Modell des „egoistischen Gens“ keine hinreichende Erklärung für einen starken Altruismus, der aber anscheinend tatsächlich unter Menschen vorzufinden ist.

Insofern ist die These des „verkappten Egoismus“ oder der „Instrumentalisierung durch die Gene“ (noch) nicht hinreichend.

Schlagkräftige Argumente dagegen gibt es allerdings auch nicht, insofern lässt sich die Frage nach der eigentlichen Intention einer altruistischen Handlung vom anthropologischen, psychologischen, oder biologischen Standpunkt aus nur schwer beantworten. Sicher gäbe es auch Möglichkeiten, selbst vermeintlich starken Altruismus aus egoistischen Präferenzen zu begründen, wenn man nur ein paar Schritte weiter denkt. Dies würde aber an der Stelle zu weit führen, gezeigt werden sollte hier nur, dass Rationalität in dem von mir beschriebenen Sinne und Moral sich keineswegs ausschließen müssen, dass also der Egoismus meiner Meinung nach einen viel schlechteren Ruf hat als er haben sollte


6. Moral und Klugheit

„Die einfachste Art, aufrichtig zu scheinen, ist die, aufrichtig zu sein.“

Hares Argumentationsgang verläuft so, dass er behauptet, dass die Entwicklung der Welt (im Sinne von einer Gesellschaft) nach bestimmten Regeln und Prinzipien verläuft und man schlichtweg besser darauf vorbereitet ist, wenn man weiß, was eine rechte Moral ist. Dass Kooperation überall stattfindet und stattfinden muss, sollte im letzten Kapitel gezeigt werden.

Daher tut man einem Kind einen Gefallen, wenn man es zumindest lehrt, was Moral eigentlich ist, indem man es moralisch erzieht. Dass das Kind dann automatisch ein moralisch handelnder Mensch wird, ist allerdings damit noch nicht gesagt. Was an dieser Stelle nicht hinreichend behandelt wird, ist die vermeintliche Diskrepanz zwischen moralischem denken und moralischem Handeln.

Hare gesteht ein, dass sein System die Möglichkeit zum Amoralismus bestehen lässt, will sagen, dass es keine hinreichend logisch zwingende Gründe gibt, moralisch zu handeln, wenn man in den Kategorien des Zwei Ebenen Modells denkt.

Der Amoralist beispielsweise ist durchaus in der Lage, moralisch zu denken, versteht womöglich auch dasselbe unter den moralischen Wörtern wie Moralisten, zieht aber entweder andere Schlussfolgerungen aus diesen Wörtern (was auf eine logische Unstimmigkeit der Moral oder des Amoralisten hindeutet) oder fällt indifferente Urteile, was darauf hindeutet, dass er sich bestimmten Schlussfolgerungen verwehrt, obgleich er sie von einem logischen Standpunkt aus akzeptieren könnte.

Somit stellt sich die Frage, ob der Antrieb zu moralischem Handeln tatsächlich Klugheit ist, oder ob der Mensch andere Beweggründe hat, moralisch zu handeln.

Irrelevant sind für Hare Gyges - Ringe, weil es sie seiner Meinung nach nicht gibt.

Erstens ist das Beispiel jedoch interessant, weil es einem Menschen erlaubt, moralisch zu handeln oder auch nicht, ohne dass er Angst vor Bestrafung haben muss, und zweitens glaube ich sehr wohl, dass es so etwas wie Gyges – Ringe (im übertragenen Sinne) tatsächlich gibt.

Man muss sich doch nur eine beliebige (moralische) Handlung überlegen, bei der man sicher sein kann, nicht als Urheber entlarvt zu werden, um der Idee dieses Ringes gerecht zu werden.

Ist es also, wenn man in einer solchen, unbeobachteten Situation ist, ein Gebot der Klugheit, moralisch zu handeln?

Man halte sich hierzu eine Situation vor Augen, in der, metaphorisch gesprochen, der „Ringträger“ eine Handlung A (moralisch) und eine Handlung B (unmoralisch) ausführen könnte. Nehmen wir an, B bringe ihm einen direkten, erkennbaren Vorteil und A brächte ihm einen direkten, erkennbaren Nachteil.

Hare führt hierzu keine adäquate Argumentation ein, da er ja nicht von der Existenz eines solchen Ringes ausgeht, was ich sehr wohl tue. Die Beantwortung dieser Frage hängt von den jeweiligen Präferenzen einer Person ab, von gewissen Intuitionen und Wertvorstellungen, die, mitunter vielleicht begründbar sind, aber nicht hinreichend zwingend formuliert und keinen universellen Geltungsanspruch aufweisen müssen.

Ich glaube, dass die Wenigsten in einer solchen Situation die Variante A wählen würden, aus folgenden gründen: Es gibt für den Handelnden keinen mittel –oder unmittelbaren Vorteil; ersteren nicht, weil sich niemand beim ihm bedanken kann, da niemand seine Tat in dem Sinne anerkennen kann, dass er dafür geehrt wird oder seine gesellschaftliche Stellung verbessert wird. Wo kein Vorteil absehbar ist, ist der Aufwand jedoch ein Nachteil, eine ungerechtfertigte Anstrengung, also irrational in dem von mir beschriebenen Sinne.


Nachwort:

Diese Haltung expliziert meine Meinung, dass es echte Moral in einem starken altruistischen Sinne nicht gibt.

Ich denke, dass Menschen solange moralisch handeln, wie es ihnen selber einen Vorteil bringt, unabhängig davon, mit welchem moralischen Denksystem sie zu welchen vermeintlichen Schlussfolgerungen kommen.

Ich denke, dass, wenn kein direkter Vorteil sichtbar ist, zumindest Ruhm und Anerkennung erwünscht sind, und selbst wenn dem nicht so ist, weil es die Situation nicht erlaubt (siehe Beispiel des ertrinkenden Kindes), so gibt es immer noch einen egoistischen Grund für eine Handlung, nämlich den der Selbstgerechtigkeit: Sich selbst als moralischen Menschen sehen und sich daran ergötzen ist meiner Meinung nach ein weit verbreitetes Phänomen, unter anderem dadurch bedingt, dass der Mensch dazu neigt, ein möglichst positives Selbstbild von sich zu haben.

Dies kann nun also bedeuten, dass man durch rationale Überlegungen, die einem den eigenen Vorteil sichern sollen, durchaus zu moralischen Handlungen kommen kann, sofern die Moralität dieser Handlung anhand ihrer direkten und/oder indirekten Konsequenzen bemessen wird.

Dies heißt aber auch, dass rationale Überlegungen einen Menschen durchaus dazu verleiten können, unmoralisch zu handeln.

Hierdurch sei nun gesagt, dass Rationalität also keine hinreichende Bedingung für moralisches Handeln darstellen kann.

Das Kapitel über Pragmatismus sollte zeigen, dass wir dennoch eine Moral brauchen, die Welt funktioniert nur dadurch, dass man sich in bestimmten Aspekten auf seine Mitmenschen verlassen kann, Kooperation ist unausweichlich. Dass diese aus egoistischen Gründen ableitbar ist, tut dem keinen Abbruch.

Auch eine Moral, die aus egoistischen Gründen formuliert wird, ist eine Moral, zwar keine, wie sie der „Schöngeist“ gerne hätte, aber dennoch eine, die wir tagtäglich in unserer Welt wieder finden können. Letztlich ist der Mensch ein Egoist, der eine Moral braucht, um ein Gesellschaftssystem möglich zu machen.

Keine der im Vorwort erwähnten Relationen zwischen Rationalität und Moral kann man als allgemein gültig betrachten, wie sich gezeigt hat. Rationalität in dem von mir beschriebenen Sinne ist die Intention, die ein Mensch meiner Meinung nach hat, wenn er handelt. Dies kann zufällig oder bewusst moralisch sein, sofern es den eigenen Vorteil sichert, ist in dieser rationalen Hinsicht alles legitim. Dadurch soll nicht meine Meinung über diesen Umstand zum Ausdruck kommen, sondern lediglich meine Überzeugung, dass die Gesellschaft auf diese Weise funktioniert. Wie das letztlich zu bewerten ist, ist eine andere Frage, die sicher auch ihren Reiz hat, hier aber nicht der Gegenstand der Arbeit gewesen ist.



Quellenliste:
Richard Hare, „Moralisches Denken“, Suhrkamp 1992
Richard Dawkins, „Das egoistische Gen“, Erstauflage 1976
Gehirn & Geist, 01/04
Gehirn & Geist, 03/06


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