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Spiegelneurone - Chancen und Grenzen

Hat Empathie eine physikalisch hinreichend beschreibende und erklärende Basis ? Kann man sich tatsächlich in ein anderes Individuum "hineinversetzen" ? Was ist Mitgefühl ?

„"Ich bin davon überzeugt, dass Spiegelneurone für die Psychologie die gleiche Rolle spielen werden wie die DNA für die Biologie“", ließ der Neurologe Vilayanur Ramachandran im Jahre 2000 verlauten.

Spiegelneurone wurden erstmals Anfang der 90er Jahre von Neurophysiologen um den Forscher Giacomo Rizzolatti in den Gehirnen von Makaken entdeckt.

Gefunden wurden jene in deren prämotorischem Cortex im F5 Areal.

Es handelt sich hierbei um Nervenzellen, die bei der Beobachtung eines bestimmten Phänomens dieselben neuronalen Potentiale auslösen, wie sie entstünden, wenn man selbst der Initiator jenes Phänomens wäre.

Zwar gibt es noch andere Situationen, in denen Spiegelneurone aktiv werden können, jene seien aber später genauer erläutert.

Wissenschafter sehen in den Spiegelneuronen die Basis der (menschlich) intuitiven Empathie.

Der Gegenstand der Hirnforschung und des wissenschaftlichen Diskurses ist unter anderem das Entstehen von Sprache, die Wahrnehmung von Individuen und die menschliche Intuition. Was gibt mir die Möglichkeit, mich in mein Gegenüber „einzufühlen?“ Warum ist Gähnen ansteckend? Wieso imitiert man (unbewusst) die Mimik und Gestik seines Gegenübers? Wie schaffe ich es, einen Mitmenschen innerhalb von Sekundenbruchteilen als gefährlich, sympathisch, oder interessant einzuteilen?

Was ist die Basis des menschlichen Mitgefühls?

Die Brisanz ist auch für die theory of mind“ von Bedeutung.

Darauf kann an dieser Stelle leider nicht näher eingegangen werden.

Das „Feuern“ von Spiegelneuronen, welche Phänomene sie erklären, die Frage nach der Arbeitsweise der Spiegelneuronen und die Grenzen der Erklärbarkeit sollen in der vorliegenden Arbeit erläutert werden. Dies geschieht durch die Darstellung von Experimenten, sowie deren kritische Untersuchung in Hinblick auf deren Bedeutungsgehalt bzw. dessen Reichweite, letztlich deren Validität.

Resümierend soll versucht werden, zu zeigen, inwieweit die Aktivität von Spiegelneuronen unser Denken, Handeln und unsere Gefühle beeinflusst und steuert und ob wir uns dagegen wehren können oder ob wir Opfer der Affekte der Spiegelneurone sind, die ohne unsere Einflussnahme Potentiale auslösen.

Diese Frage führt letztlich zur Frage des freien Willens, der hier nicht eingehend erörtert werden kann, weshalb hier nur der Einfluss der Spiegelneurone, nicht der aller Neuronen, betrachtet wird.

Sind Spiegelneurone die Basis der Empathie und sind sie eine hinreichende Bedingung für selbige?



Kapitel 1: Was sind Spiegelneurone und was können sie leisten?

Sind Spiegelneurone der Brückenschlag zwischen Wahrnehmung und Bewegung? Wenn durch Beobachten einer Handlung dieselben Potentiale ausgelöst werden, wie durch eine eigene Handlung, spricht man von einer internen Simulation, die dazu dienen soll, die Intention einer Handlung nachvollziehen zu können oder sie intuitiv nachzuahmen, je nachdem, um was für eine Art von Handlung es sich handelt. Diese Frage muss die Forschergruppe um den Italiener Rizzolatti beschäftigt haben, als sie erstmals Spiegelneurone entdeckten. Dieselben Neurone, die im Affenhirn „feuerten“, als der jener zu einer Nuss griff, „feuerten“ auch, als einer der Forscher dasselbe tat und der Affe dies beobachten konnte.

In weiteren Experimenten stellte sich heraus, dass jene Neurone sogar dann schon aktiv waren, wenn sie nur das Knacken einer Schale hörten, aber weder eine Nuss, noch einen Handelnden sahen. Hier wird zusätzlich zur Aktivität von Spiegelneuronen der Assoziationscortex2 angeregt. Ein Schlüsselreiz verursacht hier die physikalische Reaktion, der Affe weiß: Wenn es knackt, öffnet jemand eine Nuss, und wenn jemand eine Nuss öffnet, gibt es etwas zu essen. Griff der Forscher nun nicht nach einer Nuss, sondern ins Leere, blieb eine Reaktion jedoch aus. Aber warum ist das so? „Spiegelneurone erlauben uns, die Absicht fremder Aktionen zu verstehen, und zwar, indem wir mit ihrer Hilfe die Handlung intern simulieren und so ihren Ausgang vorwegnehmen“, vermutete Vittorio Gallese, einer der Wissenschaftler, der an den Versuchen beteiligt war. Dies kann aber keine hinreichende Erklärung dafür sein, dass der Griff ins Leere nicht gespiegelt wird, so die Kognitionspsychologin Gergely Csibra vom Birkbeck College in London. Galleses These lautet schließlich, dass die Aktivität von Spiegelneuronen quasi die interne Simulation einer Handlung ist, die eben deren Intention aufdeckt. Werden Spiegelneurone aktiv, wird dadurch die Absicht einer Handlung intern simuliert und dadurch nachvollziehbar, so der Argumentationsgang von Gallese. Dementsprechend kann aber nicht behauptet werden, dass Spiegelneurone nur dann feuern, wenn eine Intention vorliegt, weil die Aktivität eben jener Neurone das Vorliegen und die „Qualität“ einer Intention erst überprüft. Es scheint also hier tatsächlich einiges dafür zu sprechen, dass Spiegelneurone nicht alleine der Grund dafür sind, dass ein Mensch die Intention eines Mitmenschen verstehen kann.

Joachim Bauer, der Mediziner, Neurobiologe und Psychotherapeut, auf den in der vorliegenden Arbeit Bezug genommen wird, geht davon aus, dass Spiegelneurone im prämotorischen Cortex sowohl die „Verständnisträger“ als auch die Initiatoren von Handlungen sind. Ersteres begründet er durch eine „interne Simulation“, zweiteres durch die rationale Bewertung von Handlungen, sofern es sich nicht um intuitive Prozesse handelt.3 Wie die Aktivität von Spiegelneuronen zu intuitiven, spontanen Handlungen führen kann, und wie Spiegelneurone das schaffen (wollen), ist das Thema dieser Arbeit.

„Handlungsneurone sind intelligent: Sie verfügen über Programme, mit denen sich zielgerichtete Aktionen ausführen lassen. Sie kennen den Plan einer gesamten Handlung und haben sowohl deren Ablauf als auch deren damit angestrebten Endzustand, also den voraussichtlichen Ausgang einer Handlung, gespeichert.“2 Bauer versucht hier zu veranschaulichen, welche Rolle er Spiegelneuronen zuschreibt, natürlich sind Zellen (und Neuronen sind Zellen) nicht wirklich intelligent in einem engeren Sinne.

Der präfrontale Cortex des Menschen gilt in der Hirnforschung im Allgemeinen als die Kontrollinstanz für Impulse und Entscheidungen.4

Da die Aktivität von Spiegelneuronen hauptsächlich in diesen Bereichen, und in den prämotorischen Cortexen stattfindet, wird eben behauptet, dass Spiegelneurone über quasi eine gewisse Intelligenz verfügen.


Kapitel 2: Experimente zur Überprüfung der Empathiefähigkeit

Menschliche Spiegelneurone wurden erstmals im Jahre 1999 vom Physiologen William Hutchison von der University of Toronto entdeckt. Bekannt geworden ist vor allem sein „Schmerz – Experiment“, welches er an einer Patientin vollzog, deren Gehirn mit Elektroden versehen war. Er nahm eine Nadel und stach ihr in den Finger. Auf die Frage, ob dies wehtue, antwortete eines der Neurone im für die Empfindung von Schmerz verantwortlichen Areal, bevor die Frau die Frage mit „ja“ beantworten konnte.

Daraufhin nahm Hutchison die Nadel und stach sie sich selbst in den Finger. Dies hatte zur Folge, dass die Spiegelzelle erneut aktiv war. Die Frau habe laut eigener Aussage keinen Schmerz verspürt, als sie Hutchison dabei beobachtete, sich die Nadel in den Finger zu stechen. Das „Feuern“ einzelner Neuronen ist natürlich noch zu keiner hinreichenden Erklärung des Experimentes imstande, aber es scheint offensichtlich, dass sich das Gehirn in der gleichen Weise vom eigenen, wie auch vom fremden, beobachteten Schmerz angesprochen fühlt. Unklar an dieser Stelle ist nur, welchen Schluss man daraus ziehen soll. Darauf wird im Weiteren noch eingegangen.

Bruno Wicker vom Centre Nationale de la Recherche in Marseille führte im Jahre 2000 eine fMRT Studie durch. Die Probanden lagen im Kernspintomografen und sahen sich ein Video an, auf der eine Person an einem Glas roch und daraufhin angewidert das Gesicht verzog. Daraufhin mussten jene Probanden an Schweiß und Schwefel riechen. Die aufgezeichneten Hirnaktivitäten währenddessen überlappten sich mit denen der ersten Beobachtung. Besonders auffällig war diese Korrespondenz im vorderen Bereich der insula, einer Großhirnstruktur in der sylvischen Furche. Nach dem heutigen Stand der Hirnforschung ist dieser Teil des Gehirns unter anderem für den Geruchs –und Geschmackssinn zuständig.5

Wilder Penfield, ein kanadischer Neurochirurg, hatte bereits durch Experimente gezeigt, dass die Stimulation jenes Hirnbereiches Übelkeit hervorrufen kann. Es darf also der Schluss gewagt werden, dass die Probanden des ersten Versuches tatsächlich die Übelkeit ein Stück weit „mitgefühlt“ haben. Fraglich ist nur, sowohl bei dem Schmerz – Experiment, als auch bei dem „Geruchs – Experiment“, inwieweit die Aktivierung der Spiegelneurone in den relevanten Bereichen des Gehirns zu der Empfindung von Schmerz oder zur Übelkeit führen, oder besser: Warum sie es in jenen Fällen bei der Beobachtung genannter Phänomene nicht getan haben.

Hierzu gibt es noch keine eindeutige Erklärung, denkbar sind aber drei Schlussfolgerungen: Entweder es werden neurobiologische Systeme aktiv, die den Reiz unterdrücken, oder die Spiegelung ist in ihrem Ausmaß nicht groß genug, um die beobachtete Empfindung tatsächlich nachzufühlen. Denkbar ist auch, dass der Körper bestimmte Stoffe ausstößt, die die Schmerzempfindung unterdrücken

Die Schmerzempfindung ist letztlich ein etwas komplexer Vorgang, der nicht hinreichend intersubjektiv übertragen werden kann. Es gibt zwar ein Schmerzareal im Gehirn des Menschen, welches aber nicht allein ausschlaggebend für die Empfindung desselbigen ist. Schmerz ist ein subjektives Erlebnis, bei dem der Assoziationscortex auch eine wichtige Rolle spielt. Zudem ist auch noch von Bedeutung, wie das Individuum den eigenen Schmerz beurteilt. Nicht bei allen Menschen sind die identischen Hirnreaktionen vorzufinden, wenn sie Schmerz empfinden. Eigene Schmerzerlebnisse können durchaus mit der Erinnerung an eine bestimmte Situation verknüpft sein. Ist diese Situation an sich eine positive gewesen, ist die Schmerzempfindung der jeweiligen Person nicht so groß wie bei einer Person, die eine vergleichbare Erfahrung (z.B. Sturz) gemacht hat, aber eine negative Verknüpfung assoziiert, weil dies in einer weitaus schlimmeren Situation passierte. Wäre Schmerz kein individuelles Erlebnis, welches bei verschiedenen Personen verschiedene (chemische) Reaktionen auslöst, gäbe es wahrscheinlich keine Masochisten. Hieraus lässt sich also ableiten, dass Schmerz untereinander deswegen schwer vergleichbar ist, weil verschiedene Hirnbereiche (bedingt durch die Aktivität des Assoziationscortexes) an der Schmerzempfindung beteiligt sind, dass ein gewisses Maß an chemischen Botenstoffen deren Empfindung reguliert.

Eine weitere Frage, die sich stellt, ist die, inwieweit das vermeintliche „Nachempfinden“ im Sinne der gemessenen Hirnaktivität überhaupt ins menschliche Bewusstsein rückt: Was bedeutet es, wenn meine Neuronen aktiv werden, wenn ich beobachte, wie jemand Schmerzen erfährt? Sagt mir mein Verstand nicht bereits, dass jemand, dem eine Nadel in den Finger gestochen wird, Schmerz empfindet? Diese Frage kann ich mit „ja“ beantworten, ohne zu sehen, wie jemand körperlich gepeinigt wird. Werden auch Spiegelneurone „gefeuert“, wenn ich nur daran denke, was Schmerz eigentlich ist? Wäre dem so, würde sich die Frage nach einer zusätzlichen Funktion von Spiegelneuronen nicht unbedingt stellen, man könnte schlussfolgern, dass Spiegelneurone selbst für das Wissen darüber, was Schmerz eigentlich ist, verantwortlich sind.

Klar ist auch, dass man den Begriff „Schmerz“ zwar verstandesmäßig fassen kann, aber seinen eigentlichen Charakter erst dann begreift, wenn man selbst einmal einen empfunden hat. So gelangt man wieder an den Ausgangspunkt: Die Frage nach der Rolle der Spiegelneurone für die Empathie. Es scheint sich zu ergeben, dass der Prozess der Spiegelung nicht hinreichend dazu führen muss, subjektive Erlebnisse wie Schmerz adäquat nachfühlen zu können, da verschiedene Hirnareale aktiv sind, eine chemische Regulation des Körpers stattfindet, der nichts mit der Spiegelung zu tun hat und es letztlich schlichtweg kein Experiment gegeben hat, in welchem körperlicher Schmerz durch die Beobachtung eben jenes körperlichen Schmerzes an einer anderen Person ausgelöst worden wäre.

Nachgewiesenermaßen korreliert die Intensität der Aktivität von Spiegelneuronen mit der Empathie des Menschen.

Folgendes Experiment, welches im Jahre 2004 von Tanja Singer durchgeführt wurde, soll dies verdeutlichen: Den Lebensgefährten von 16 Frauen wurden Stromschläge versetzt, die Frauen konnten dies beobachten. Auch hier wurden, ähnlich wie im beschriebenen „Schmerz – Experiment“ von Hutchison Spiegelneurone aktiv. Zusätzlich ließ sich hier aber feststellen, dass die Aktivität umso größer war, je emphatischer die Person laut eines Fragebogens gewesen ist: ein Indiz für die wichtige Rolle von Spiegelneuronen für die menschliche Empathie. Ein anderes Experiment hatte bereits gezeigt, dass besagte Reaktionen ausblieben, wenn der Beobachter die „gepeinigte“ Person als unsympathisch empfand. Anscheinend feuern die Neuronen hier nur, wenn bestimmte emotionale Grundvoraussetzungen erfüllt sind, die Aktivität von Spiegelneuronen ist also keineswegs willkürlich und wird nicht automatisch durch die Beobachtung bestimmter Phänomene ausgelöst.

Dass weder die Patientin von Hutchison, noch der Gruppe, die die Peinigung des Partners gesehen haben, Schmerz empfanden, ist auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbar. Wenn aber eine vergleichbare Hirnaktivität zwischen Gepeinigtem und Beobachter festzustellen ist, lassen sich hieraus drei mögliche Schlussfolgerungen ableiten, die bereits erwähnt wurden: Die Aktivität verschiedener Hirnregionen, die von Mensch zu Mensch unterschiedlich ist, die Ausschüttung von Endorphinen oder anderer Stoffe, die die Schmerzempfindung regulieren, und die Frage nach der „Intensität“ der Spiegelung.


Kapitel 3: intuitive Reaktionen und Nachahmung

Ulf Dimberg, ein Professor für Psychologie an der Universität Uppsala führte im folgendes Experiment durch: Er zeigte einigen Testpersonen eine Reihe von Porträts menschlicher Gesichter mit der klaren Aufforderung, bei der Beobachtung jener Bilder keine Miene zu verziehen: erfolglos, wurden die Bilder für 500ms eingeblendet, wurde die Mimik des beobachteten Porträts erwidert, wenn auch nur leicht. Danach wurden die Bilder für etwa 40 ms eingeblendet, das heißt, dass sich die Beobachtung der Gesichter der bewussten Wahrnehmung entzog, weil die Zeit dafür schlichtweg zu kurz war. Jedoch wurden auch hier die Mimiken imitiert. Folglich kann es sich hierbei nur um eine intuitive Nachahmung handeln, das Bewusstsein kann hierbei schließlich keine Rolle spielen. „Unbewusst ablaufende Prozesse haben unbestreitbare Vorteile, und zwar mindestens drei: Sie laufen sehr schnell ab, erfordern keine Aufmerksamkeit (die wir oft nicht erübrigen können) und sind unbestechlich.“6 Bei den Probanden waren Spiegelungseffekte in den prämotorischen Cortexen nachweisbar. Anscheinend haben Spiegelneurone einen Einfluss auf unsere Intuition. Zwar ist Kausalität grundsätzlich ein Postulat, aber es stellt sich doch sinnvollerweise die Frage: Wenn hier nicht die Aktivität von Spiegelzellen zur Nachahmung geführt hat, was dann?

Evolutiv betrachtet ist die Möglichkeit der blitzschnellen Nachahmung durch die Aktivität von Spiegelneuronen auch durchaus nützlich. Dass aus der internen Simulation der Spiegelzellen ebenfalls eine Kategorisierung des Gegenübers stattfindet, und dementsprechend zurückgespielt wird, ist zwar lediglich eine Vermutung, sie erscheint mir aber sinnvoll.

Wenn ich ein Individuum nachahme, kann ich ihm dadurch zeigen, dass ich ihn verstehe und ihn einschätzen kann. Diese Nachahmung korreliert mit der Aktivität von Spiegelneuronen.

Dass daraus nicht der Umkehrschluss gezogen werden kann, dass Nachahmung ohne Spiegelungseffekte nicht möglich wäre, wird im Kapitel über Autismus thematisiert.


Kapitel 4: Reichweite und Grenzen

„Neben der Handlungsplanung sind Spiegelneurone auch an der Wahrnehmung beteiligt. Sie stellen so etwas wie Knotenpunkte dar, an denen Aktivität vom sensorischen ins motorische Netzwerk überschwappen kann.“7

Es wäre fatal, wenn wir, wie es im „Porträt – Experiment“ der Fall ist, wenn wir alles nachmachen würden, was wir sähen. Dem ist offensichtlich nicht so. Christian Keysers, Leiter des Zentrums für Neuroimaging an der Rijks Universität Groningen begründet dies: Er sagt, dass bestimmte Hirnregionen teilweise die Weiterleitung von Signalen des prämotorischen zum motorischen Cortex verhindern. Anscheinend gibt es also noch weitere Kriterien, die letztlich dazu führen, dass eine Handlung ausgeführt, oder Empathie empfunden wird. Hierbei spielt womöglich die menschliche Intelligenz eine entscheidende Rolle.

Voraussetzung dafür ist aber die bewusste Wahrnehmung, also eine längere, bewusste Betrachtung eines Bildes.

Keysers gibt das Beispiel des Fußball spielenden Roboters an, man beobachtet ihn, die Spiegelung setzt ein, und dennoch weiß man, dass es „nur“ ein Roboter ist, der keine bestimmte Absicht verfolgt. An diesem Beispiel ist erkennbar, wie willkürlich die Spiegelungseffekte eintreten und dass sie nicht von der Intelligenz des spiegelnden Menschen abhängen. Die Aktivität von Spiegelneuronen ist nicht allein ausschlaggebend für jene Empathie, für das Verstehen einer Absicht. Spiegelneurone „feuern“ schnell und spontan, Überlegen braucht Zeit und ist gerichtet. Beides zusammen ergibt erst ein sinnvolles Konstrukt des menschlichen Daseins. Demzufolge ist es auch so, dass manche „Spiegelsysteme“, die nicht benötigt werden, mit der Zeit abgebaut werden. Andere müssen sich entwickeln, durch „soziale Interaktion“ stimuliert werden.8


Kapitel 5: Ausblicke

Es gibt eine Reihe von Experimenten und Studien, die dafür sprechen, dass Spiegelneurone positiv zum Lernverhalten bestimmter Handlungsabläufe beitragen. Im Jahr 2001 maß Giovanni Buccino die Hirnaktivität von Schlaganfallpatienten in einer Rehabilitationsklinik, die sich Videos von Personen ansahen, die bestimmte Bewegungen vom Mund, von der Hand oder vom Fuß ausführten. Die Hirnaktivität war im motorischen Cortex jeweils an der entsprechenden Stelle vorhanden, allerdings nicht so stark, dass es (vielleicht) selbst zu jener Bewegung geführt hätte. Im Rahmen dieser Videotherapie ging es darum, herauszufinden, ob jene den Betroffenen helfen kann, ihre verlorenen Bewegungsfähigkeiten schneller wieder zu erlernen als ohne diese Maßnahme. Dazu wurden zwei Gruppen gebildet, die eine wurde mit Videos therapiert, die andere ohne. Das Ergebnis der 40tägigen Therapie war, dass sich die motorischen Fähigkeiten der „Videogruppe“ deutlich schneller verbesserten als die der anderen Gruppe.

Nachgewiesenermaßen arbeiteten die für die Bewegung zuständigen prämotorischen Cortexareale bei der Videogruppe mehr als bei der anderen Gruppe. Jene Areale sind maßgeblich an der Planung einer Handlung beschäftigt. Es ist daher sinnvoll anzunehmen, dass die innere Simulation einer Handlung, die eben die Aktivität von Spiegelneuronen ist, die Fähigkeit, die Handlung selbst wieder ausführen zu können, maßgeblich erhöht.

Spiegelungen sind nicht völlig willkürlich. Der „Griff ins Leere“, der „Schmerz des Unsympathen“ riefen keine Spiegelung hervor. In anderen Experimenten hat sich gezeigt, dass nur solche Bewegungen gespiegelt werden (können), die auch zum eigenen motorischen Repertoire gehören. Dies ist durchaus nachvollziehbar, welche Region des menschlichen Gehirns sollte denn sonst aktiv werden, wenn wir einen fliegenden Vogel beobachten?


Kapitel 6: Intentionen

Hängt die Aktivierung der prämotorischen Zellen nur von der Beobachtung einer Bewegung ab, oder spielt die Frage, ob wir jene Intention nachvollziehen können, eine weitere wichtige Rolle?

Die Makakenexperimente hatten schon gezeigt, dass (zumindest bei den Makaken) die Spiegelungsprozesse ausbleiben, wenn keine Intention mit der Handlung verbunden zu sein scheint.

Marco Iacoboni, Professor für Neurowissenschaften an der University of California in Los Angeles ging dieser Frage experimentell nach.

Eine Gruppe von Probanden beobachtete eine spezifische Bewegung, das Anheben einer Kaffeetasse, die auf einem gedeckten Küchentisch steht, in verschiedenen Kurzfilmen. Das Anheben der Tasse diente jeweils verschiedenen Zwecken, sei es das Abspülen oder das Trinken aus der Tasse.

Diese Bewegung wurde den Probanden dann noch ohne den gedeckten Küchentisch präsentiert, und jener wurde zusätzlich noch ohne Kaffeetasse gezeigt. Die Kombination aus der Bewegung und der gesichteten Umgebung erzielten die größte Aktivität von Spiegelneuronen. Daraus lässt sich schlussfolgern, dass der Kontext einer Handlung eben doch eine entscheidende Rolle spielt, wenn es darum geht, den prämotorischen Cortex des Gehirns zu aktivieren. Diese Erkenntnis ist mit dem Makakenexperiment, dem „Griff ins Leere“ vereinbar, ohne Intention keine Spiegelung. Dass dies allerdings umstritten ist, im Sinne, dass Spiegelneurone allein dafür verantwortlich sind, wurde bereits erwähnt.


Kapitel 7: Entwicklung der Spiegelneurone am Beispiel des Säuglings

Das „Spiegeln“ einer Bezugsperson geschieht schon im frühen Säuglingsalter.

Die Spiegelneurone müssen sich nicht erst entwickeln, sie sind dem Menschen von Geburt an gegeben. Ein Säugling beginnt früh, die Mimiken und Gesichtszüge der Mutter nachzuahmen. Bestimmte Handlungen, wie das Zunge herausstrecken oder die Lippen zusammenspitzen, imitiert das Baby schon nach wenigen Tagen. Wahrscheinlich lässt sich dies auf eine unreflektierte Aktivität von Spiegelneuronen zurückführen. Da der Verstand im Säuglingsalter noch nicht ausgereift ist, tritt der Nachahmungseffekt relativ unkontrolliert ein. Auch Gesprochenes versucht das Kind bald nachzuahmen, in einer eigenen Lautbildung. Dies ist die Basis einer ersten, zwischenmenschlichen Beziehung. Dies machen sich die Eltern (teilweise intuitiv) zunutze. So ist es zum Beispiel zu beobachten, dass Mütter, die ihre Kinder füttern, dabei den Mund öffnen, und so das Kind animieren, dasselbe zu tun. Ein anderes Phänomen ist jenes, welches Bauer als Markierung bezeichnet. Im Grunde handelt es sich hierbei um eine „Rückspiegelung“, Gestiken des Kindes werden hierbei imitiert, das Verhalten wird reflektiert, wodurch sich das Kind in seiner Handlungsweise bestätigt sieht.

Bewegungen, die ein Baby beobachtet, die es aber aufgrund ihrer Komplexität nicht ausführen kann, erzeugen dennoch motorische, völlig willkürliche, Resonanzreaktionen, sprich Spiegelungen, im Gehirn. Dies ist ein Indiz für die Angeborenheit von Spiegelzellen. Zum anderen zeigt es, dass die Fähigkeit des Spiegelns allein noch nicht zu jeglicher, gespiegelten Handlung bemächtigt. Dementsprechend kann man davon ausgehen, dass Fähigkeiten trainiert werden müssen, um sie zu erlernen. Insofern ist unsere genetische Grundlage kein hinreichendes Indiz für die Entwicklung, soziale Interaktion, die wiederholte Stimulation von Spiegelneuronen haben einen entscheidenden Einfluss auf die genetisch – biologische Entwicklung, nicht benutzte Spiegelzellen bauen sich nämlich mit der Zeit ab.

Werden sie jedoch benutzt, „belohnt“ das der Körper mit dem Ausstoß gewisser Opioide. Dies ist als Indiz dessen zu betrachten, dass wir „neurologisch auf Bindung geeicht sind.“


Kapitel 8: Autismus

Kann man den Autismus durch das Ausbleiben bestimmter Spiegelungsprozesse erklären? Welche Gehirnregionen sind bei Autisten stärker aktiv, welche schwächer, wenn er vor die Aufgabe gestellt ist, Gesichtsausdrücke zu erkennen und zu deuten?

Mirella Dapretto stellte sich 2006 diese Frage und verglich eine Gruppe autistischer Jugendlicher mit einer Gruppe nicht autistischer Jugendlicher.

Es galt, achtzig Gesichtsausdrücke zu studieren und zu klassifizieren. Die neuronale Aktivität des prämotorischen Cortexes war bei den Autisten niedriger als bei der anderen Probandengruppe, jedoch war bei erstgenannten die Aktivität im Assoziationscortex, eines Hirnbereiches an der Großhirnrinde, die in keiner direkten Verbindung zum sensorischen System stehen9 , deutlich höher.

Bei der anschließenden Imitation der einzelnen Gesichter schnitt keine der beiden Gruppen deutlich besser ab als die andere.

Hieraus lassen sich vermutlich zweierlei Schlüsse ableiten: Der erste ist zugleich ein Indiz dafür, dass das Phänomen der Spiegelung tatsächlich eine Basis der Empathie darstellen kann: Die Spiegelung fand bei den Autisten im prämotorischen Cortex nicht statt, ergo geht man davon aus, dass es keine interne Simulation gegeben hat. Setzt man nun als weitere Prämisse, dass ein Autist in der Regel der Empathie nicht so sehr fähig ist, wie jemand, der nicht von dieser Krankheit betroffen ist, passt dies mit dem Ausbleiben der Spiegelung in einen guten Erklärungszusammenhang, der zeigt, dass die Aktivität von Spiegelneuronen eine notwendige Bedingung für Empathie ist, oder, wenn man das Postulat der Kausalität außen vor lassen möchte, dass hier zumindest eine Korrelation auftritt.

Wie stark die Empathiefähigkeit eines Autisten ist, ist natürlich für einen Außenstehenden schwer festzustellen, wie ein Autist sich und seine Welt sieht, weiß letztendlich nur er allein (wenn es überhaupt jemand weiß.)

Man kann aber zumindest festhalten, dass verschiedenste intuitive Nachahmungseffekte bei Autisten in der Regel ausbleiben, sie treten zumindest nicht automatisiert auf. Ob dies an dem Ausbleiben von Spiegelungsprozessen liegt, oder an einer beispielsweise stark verbesserten Wahrnehmung, die jede Handlung intuitiv bewertet und dann über Nachahmung oder nicht entscheidet, ist nicht klar. Diese Frage kann im vorliegenden Rahmen auch nicht eingehender thematisiert werden.

Beispiele hierfür finden sich aber: beispielsweise das Lächeln der Mutter, welches vom Kind nicht erwidert wird, oder das Gähnen, welches Autisten in der Regel nicht „ansteckt“.10

Dennoch: Die autistische Probandengruppe war bei der bewussten Imitation nicht schlechter als die andere Gruppe.

Die Wahrnehmung der Autisten muss demzufolge viel konkreter arbeiten als die der anderen Gruppe, sozusagen photographischer. Ein anderer Erklärungsansatz ist die verstärkte Aktivität im Assoziationscortex der autistischen Probanden.

Jedoch stellt sich auch dann die weiterführende Frage, ob ein Autist in der Imitation genauso gut ist, weil er ein photographisches Gedächtnis hat, oder weil er über ein größeres Assoziationsspektrum verfügt (oder jenes zumindest stärker benutzt).

Und selbst wenn stärker assoziiert wird, womit geschieht selbiges dann? Entstehen hier Verknüpfungen mit Erfahrungen, die den Merkprozess erleichtern, oder handelt es sich mehr um abstrakte Bilder, die gewisse motorische Informationen komprimieren beziehungsweise codieren?

Diese Fragen sind bisher nicht beantwortet, was unter anderem daran liegt, dass ein Autist schwer klarmachen kann, wie seine Denkstruktur tatsächlich funktioniert. Natürlich ist dies ein grundsätzliches Problem, welches nicht nur Autisten betrifft. Hier liegen also offensichtlich einige geklärte Fragen vor, den Schluss, den man aber mit Sicherheit daraus ziehen kann ist der, dass Spiegelungsprozesse einem Nachahmungsprozess zwar dienlich seien können, jedoch keinesfalls unverzichtbar für selbigen sind, noch nicht einmal gesagt werden kann, ob erstgenante Prozesse letztere signifikant beschleunigen können.


Nachwort:

Spiegelneurone spielen eine Rolle, wenn es um eine schnelle Kategorisierung von Menschen geht. Sie dienen dazu, ein intuitives Verständnis von Menschen zu erhalten, und dieses auch, beispielsweise durch Nachahmung, zu zeigen. Bewiesen ist dies nicht, aber meines Erachtens sinnvoll annehmbar.

In jenen Experimenten, in denen es um eine bewusste Beobachtung ging, spielten immer andere Kriterien eine zusätzliche Rolle. Bei den Schmerzexperimenten war es die Individualität der Empfindung, beziehungsweise die Sympathie, die man für einen Menschen hegt, bei Nachahmungsexperimenten, ist es der Verstand, der uns daran hindert, alles nachzuahmen, was wir sehen, obgleich wir das bei vielen Dingen tun.

Hier sei beispielsweise die Nachahmung von Gestik genannt, welche einen bereits erläuterten Zweck hat: nämlich den der Sympathieerregung. Wenn mein Gegenüber sich allerdings Schmerzen zufügt, sagt mir mein Verstand (in den meisten Fällen), dass ich das eben nicht tun sollte. Schmerz ist natürlich nur eines von unzähligen Beispielen, in denen der Verstand eine entscheidende Rolle bei der Entscheidungsfindung spielt.

Hebt mein Gegenüber eine Tasse, ahme ich seine Bewegung ebenso wenig nach, wenn ich keine Tasse in der Hand halte, da dies sinnlos wäre. Die Entscheidung, ob etwas sinnvoll ist oder nicht, kann nur der Verstand treffen. Insofern sind wir, sofern wir etwas bewusst wahrnehmen, keine Opfer der Spiegelneurone, es sei denn, es handelt sich um resultierende Handlungen, die uns einen (Sympathie - ) Vorteil bringen.

Die schnelle Kategorisierung eines Individuums, die sich der bewussten Wahrnehmung entzieht, ist eine Schutzreaktion, daher sinnvoll und meiner Meinung nach auch sinnvoll annehmbar. Erkenne ich beispielsweise, dass mein Gegenüber sehr wütend ist, spüre ich, dass ich vorsichtig sein muss, und kann mich auf eine potentielle Gefahr einstellen.

Die Videogruppe im therapeutischen Experiment hat ihre motorische Leistung signifikant verbessert, wobei eine vermehrte Aktivierung von Spiegelzellen im prämotorischen Cortex auftrat. Dass die Spiegelung durch die Beobachtung ausgelöst wurde, ist nachvollziehbar, beziehungsweise nicht sinnvoll zu bestreiten. Dass es aber jene Spiegelung ist, die zur Verbesserung führt, ist nicht hinreichend geklärt.

Wie sich gezeigt hat, nimmt die emotionale Disposition eines Menschen Einfluss darauf, ob eine Spiegelung stattfindet oder nicht. Spiegelungen sind nicht willkürlich sondern richten sich (bei dem Experiment, bei dem Schmerz beobachtet wird) danach, ob man eine Person sympathisch findet oder nicht. Nicht geklärt ist allerdings, ob eine Spiegelung einsetzt, weil ich eine Person sympathisch finde, oder ob ich sie sympathisch finde, weil ich sie spiegele. Dass der Geruch einer Person intuitiv als angenehm empfunden wird, könnte ein Argument für die erste Sichtweise sein. Dies impliziert insofern gewisse Vorbedingungen einer Spiegelung, was ich wiederum für fraglich halte. Gegen die zweite Deutung spricht, dass ich als autonomes Individuum andere Individuen gar nicht als sympathisch empfinden könnte, wenn die Spiegelung vor der Kategorisierung eintritt.

Vielleicht liegt aber auch gerade darin der beschützende, sinnvolle Faktor: Menschen, die nicht gespiegelt werden können, kann man nicht verstehen, und Sympathie impliziert (meistens) das Verständnis des Gegenübers.

Dann wären die Spiegelungsprozesse aber nicht willkürlich, was heißen würde, dass sie durch etwas bedingt sein müssen. Ich denke, dass die Spiegelung ein guter, wenn auch kein hinreichender Indikator für eine gesteigerte Sympathie gegenüber einem anderen Individuum ist. Ich denke auch, dass die Spiegelung ihrerseits gewissen Vorbedingungen unterliegt, woraus man schließen könnte, dass diese Vorbedingungen letztlich der Grund der empfundenen Sympathie sind. Vielleicht sind es diese Vorbedingungen, welcher Art sie auch immer sein, repräsentativ dafür, dass man einen anderen Menschen zunächst als interessant empfindet, die Spielung deswegen einsetzt und durch die Empathie, (sofern jene eine Folge oder das Wesen der Aktivität von Spiegelneuronen ist) dieses Interesse erst zu einer Sympathie werden kann. Ich möchte nämlich nicht annehmen, dass ein Spiegelungsprozess mich quasi zwingt, Sympathie für einen Menschen zu empfinden, da man Sympathie ja in vielen Fällen auch rational begründen kann. Insofern stellt der Spiegelungsprozess meiner Meinung nach eine verbesserte Möglichkeit dar, einen Menschen als sympathisch zu empfinden, ist aber keinesfalls eine hinreichende Bedingung für jene Sympathie.

Es ist meiner Meinung nach fragwürdig, ob man beim Experiment von Hutchison von Nachempfindung des Schmerzes sprechen kann, seine Patientin hat ja keinen Schmerz gespürt. Diese Empfindung ist so subjektiv, dass die Spiegelung einfach nicht ausreicht, um hier adäquat empathisch zu sein, also den Schmerz nachzufühlen, und für das Wissen darüber, dass das Gegenüber Schmerz empfindet, braucht man keine Spiegelzellen. Ein Wissen über das, was Schmerz ist, reicht aus, und dieses Wissen ist nicht notwendigerweise durch die Aktivität von Spiegelzellen entstanden.

Spiegelungsprozesse helfen nicht, sich in alles reinzufühlen, und manchmal werden Spiegelungsprozesse sogar unterdrückt, weshalb man davon auszugehen kann, dass so etwas wie eine empathische Vorselektion stattfinden kann. Entsprechend stößt auch hier die Theorie der Spiegelneurone als Basis der Empathie an ihre Grenze. Durch die Aktivität von Spiegelzellen kann man bestimmte Spiegelungen nicht durchführen, die mit meiner der Person entgegengebrachten Sympathie korrelieren. Der Schmerz einer Person, die ich als unsympathisch empfinde, bewirkt in mir keine Spiegelungsprozesse. Spiegelungsprozesse selektieren sich somit selbst aus, bedingen sich gegenseitig, können also Einfluss aufeinander haben.

Das Verstehen der Intention einer Handlung muss sich nicht zwangsläufig nur aus Spiegelungsprozessen ergeben, weil sich gezeigt hat, dass jene Prozesse teilweise ausbleiben, wenn keine nachvollziehbare Intention vorliegt.

Was Bauer durchaus erwähnt, ist, dass Spiegelsysteme eines gewissen „Trainings“ bedürfen, um funktionieren zu können. Ein soziokultureller Aspekt der Empathie und des gegenseitigen Verständnisses wird bei Bauer aber nicht näher thematisiert. Ekel vor Mahlzeiten aus anderen Kulturen ist ein gutes Beispiel: Es mag für einen Westeuropäer nicht nachvollziehbar sein, wie man Taranteln grillen kann, um sie zu verspeisen. Bestimmte Praktiken von Urwaldvölkern könnten auch durchaus nicht nur zu Unverständnis, sondern auch zu emotionaler Ablehnung führen. Solche Praktiken kann man dann in „zivilisierten“ Kulturen tatsächlich nicht verstehen, weil man sie nicht nachempfinden kann.

Es gibt dementsprechend gewisse Einschränkungen bzw. Vorbedingungen, die überhaupt erst dazu führen können, dass wir andere Menschen verstehen können. Hirnaktivitäten, die bei Eingeborenen einen angenehmen, appetitanregenden Reiz auslösen, können bei uns eben genau das Gegenteil hervorrufen, insofern sind Spiegelsysteme auch nicht zwangsläufig deckungsgleich. Anscheinend führen identische Spiegelungsprozesse also nur dann zu vergleichbaren Effekten, wenn ein kulturelles Verständnis vorliegt, und wenn der Verstand zulässt, dass man auf eine bestimmte Weise handelt oder empfindet.

Man kann abschließend feststellen, dass es noch einige ungeklärte Fragen auf dem gebiet der Spiegelneurone gibt, man darf gespannt sein, was die empirischen Untersuchungen der nächsten Jahre an Ergebnissen liefern.




Quellenliste:
1 Bauer, Joachim Warum ich fühle, was du fühlst, München 2005
2 Luria, A.R. Higher Cortial Functions in Man. New York, 1966
3 Van Hoelsen, G.W. Current Opinion in Neurobiology
4 Gehirn und Geist 02/2004 Rätsel der Wahrnehmung
5 Gehirn und Geist 10/2006 Ich weiß, was Du denkst
6 Dapretto, Mirella Understanding Emotions in Others: Mirror Neuron Disfunction in Children with Autism Spectrum Disorders 2005
17 Hinghofer – Szalkay Der präfrontale Cortex (Lobus frontalis), 2002


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