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Theorie der Unbildung (Rezension)

K. P. Liessmann argumentiert aus der Sicht eines Mainstreamphilosophen. Dennoch regt das Buch zu kritischer Reflexion an.

Theorie der Unbildung, Konrad Paul Liessmann

(Rezension von Roland Kobald)



Die Reflexion der Lebensbedingungen in der Wissensgesellschaft ist an sich nichts neues. Der Autor gesellt sich zu Wilhelm von Humboldt, Theodor Wiesengrund Adorno oder Francis Bacon. Der Ausspruch von Francis Bacon „Wissen ist Macht“, ist heute aktueller den je, ja wird immer wichtiger. Aber: Können wir dem Bildungsanspruch gerecht werden, oder verfügen wir nur mehr über Unbildung? Von welcher Art der Bildung sprechen wir überhaupt? K. P. Liessmann, bezieht aus einer dem Humboldtschen Bild des Menschseins verpflichteten Perspektive auf die Ausbildung. Er nimmt kritische Stellung zu unserem industrialisierten Umgang mit Wissen. Der Autor stellt sich die Frage welches Wissen den nun wichtig für uns sei, oder ob es verzichtbares Wissen gäbe. Ist das Informationswissen einer Millionenshow genau so wichtig, wie das universitäre Wissen? Als Professor bricht er natürlich die Lanze für eine möglichst umfassende Bildung. Nicht das Fachwissen bringe gesellschaftlich adäquate Lösungen, sondern nur das Wissen einer universitas litterarum. Er sieht darin ein „Programm der Selbstformung“ des Menschen. Unbildung heißt nach Liessmann nicht Dummheit. So sind junge Menschen heute viel besser ausgebildet als früher. Was er in unserer Gesellschaft allerdings zunehmend vermisst, ist das Bildungswissen der Persönlichkeitsentfaltung. Dies kann man nur durch Aneignung eines kulturell verbindlichen Wissens erreichen. Er meint, dass wir „eine Qualifiaktionsidee haben und keine Bildungsidee.“ Ganz kann man hier mit ihm nicht d’accord gehen. Die Wirtschaft gibt den jungen Menschen nun mal die Jobs. Und ein Unternehmer weiß welche Ausbildungen er braucht. Daher ist es nur logisch und wünschenswert, dass die universitäre Wissensvermittlung auf die Marktlage reagiert. Liessmann bedauert auch, dass die „Unis inflationiert“ wurden. Unsere heutigen Unis wären keine kleinen, feinen Elitetempel mehr, sondern Massenveranstaltungsinstitutionen. Diese beiden Argumente zeigen, dass der Autor, zwar mit heißer Feder schreibt, aber einiges doch zu sehr aus dem Elfenbeinturm der Deformation Professionell des Universitätsangestellten argumentiert. Dass ein Liessmann ein begnadeter Erzähler ist, der flotte Beispiele, Mainstreamsprache oder plausible Argumentationsketten in einen ansprechend zu lesenden Text verpackt, bleibt außer Frage. Er diagnostiziert, dass in unserer übertechnologisierten Arbeitswelt die Muse zu kontemplativem Denken nur mehr in geringem Ausmaß vorhanden ist. Wissensvermittlung ist mehr und mehr die Weitergabe von Informationswissen – es entstand quasi eine „Fast-Food-Mentalität“ der Wissensvermittlung. Die Unis arbeiten daran die Studienzeit zu verkürzen, um so der Wirtschaft möglichst rasch Absolventen, indoktriniert mit Fachwissen, aber ohne fundierten wissenschaftlichen Reflexionshintergrund, anbieten zu können. Der Grund: Sponsorengelder. Seine Grundthese ist, dass eine unheimliche Ökonomisierung und Industriealisierung der Wissensvermittlung stattgefunden hat. Aber was soll daran so neu sein? Spätestens wenn K. P. L davon spricht, dass E-Learning, Blended Learning oder Porwer-Point-Präsentationen der Untergang der rhetorischen Vortragskultur sind, dann wird dem Leser klar, dass er keine Theoriedarlegung vor sich hat, sondern schlichtweg eine Streitschrift, die aus dem derzeitgen Mainstream heraus entstand. Liessmann polemisiert in seinem Buch, möchte aber unbedingt die akademischen Stätten der Einkehr, seine heiligen Hallen, zurück. Er bringt gute Beispiele und schlägt einen rekursiven Weg ein – er möchte nicht mit den Wölfen der Ausbildung heulen, sondern ein Gegenmodell entwickeln. Ich glaube deshalb ist das Buch, trotz seiner Mängel, seiner Mainstreamsprache und einem eigentlich reaktionären Denken, lesenswert. Es bietet gute Anregungen zur Kritik gegenüber dem Wissenschaftsbetrieb und der Wissensvermittlung. Aber: Es lässt sich nicht leugnen, dass K.P.L. hier ein Buch für einen Markt schrieb, was ja auch seine Rankings in den Bestsellerlisten beweisen. Wäre es dem Autor wirklich ernst, dann hätte er eine wirkliche Theorie der Unbildung verfasst. 174 Seiten hätten dann wohl nicht gereicht. Wie war das mit den Irrtümern der Wissensgesellschaft?


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Kommentare

Manfred Bartl wrote on 2008-12-10 01:37:25

Lieber Roland!

Diese Rezension ist offenbar der Beweis des Buches. Ich musste - 'tschuldige! - bei diesen Worten herzhaft lachen:

Die Wirtschaft gibt den jungen Menschen nun mal die Jobs. Und ein Unternehmer weiß welche Ausbildungen er braucht. Daher ist es nur logisch und wünschenswert, dass die universitäre Wissensvermittlung auf die Marktlage reagiert.

Im Zentrum unserer Gesellschaft steht das Individuum. Nicht die Wirtschaft ist der Maßstab, sondern der Mensch. Nicht der Unternehmer bestimmt erforderliche Qualifikationen, sondern der Mensch findet aufgrund seiner Qualifikationen den zu ihm passenden Platz im Gemeinwesen. Deiner Argumentation liegt derselbe Denkfehler zugrunde, mit dem Politiker sich "mehr Kinder" wünschen, um die Sozialsysteme zu stützen. Absurd! Damit stellen sie die Pyramide auf die Spitze. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Die Sozialsysteme müssen den von realen Menschen konstituierten Gegebenheiten angepasst werden!

Auch an dieser Stelle musste ich glucksen:

Liessmann hat das Buch für einen Markt geschrieben, was ja auch seine Rankings in den Bestsellerlisten beweisen

Auch hier wieder totale Verdrehung des Sachverhalts. Der terminus technicus "für den Markt schreiben" bedeutet, eine identifizierte und sich als einträchtig erwiesene Nachfrage zu befriedigen. Liessmann hat ja wohl eher gegen den Mainstream angeschrieben und damit den Markt originär erobert, konnte also die nur nebulös vorhandene Nachfrage verdichten und das Unbehagen über all die für den Markt Schreibenden, die nur eine - völlig realitätsferne - Rückbestätigung des Establishments erwarten, kanalisieren. Jemand, der typischerweise für den Markt schreibt, ist etwa Prof. (Un-)Sinn, der dümmste Professor Deutschlands.

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