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Ash & Cloud

oder wie ich einst einen hellen Traum vom Tod träumte.

Es gibt noch Vieles, das ich ihm sagen möchte, denke ich und strecke die Hand nach dem Schatten aus, der vor mir an der Backsteinwand tanzt. Ich kann mich nicht umdrehe, auch dann nicht als die Stimme mir gebietet mich um zu drehen. Was ist das für ein Ende, denke ich und erschaudere als es mir gelingt meinen Kopf wenige Zentimeter zur Seite zu wenden. Ein kalter Lufthauch streift mich und ich spüre wie die Härchen auf meinen Beinen sich aufstellen, ich zittere. Dann zerfetzt eine Kugel mein Gesicht. Zumindest fühlt es sich so an als würde sie meinen Schädel spalten, dabei schlägt das Projektil nur ein klaffendes Loch in meine Wange und sprengt meine Backenzähne in kleine Stücken bevor es meinen Körper wieder verlässt. Knapp neben meiner Wirbelsäule tritt es aus und ich kann nicht sagen ob meine Halsschlagader durchtrennt ist. Das Blut strömt. Es schmeckt salzig und hart und gurgelt in meinem Hals.
Es gibt noch Vieles, das ich ihm sagen möchte, denke ich und versuche die Hand nach dem Schatten aus zu strecken, der vor mir an der Backsteinwand tanzt. Mein Herz rast als ich beginne zu weinen, ohne etwas zu spüren. Dann umfängt mich undurchdringliches Dunkel und eine Kälte, die mir in den letzten Sekunden vor der Ohnmacht das Herz gefrieren lässt. Ich kann nicht ein Mal mehr den Namen aussprechen. Nicht einmal den Namen.

Mit einem Schrei erwache ich, die Laken kleben an meinen Waden wie eine widerliche, erkaltete Haut. Meine Hand tastet nach dem Lebewesen, dass ich neben mir vermute und greife ins Leere. Kerzengerade sitze ich im Bett, verkrampft und ängstlich. Während draußen das Leben tobt hocke ich stumm da. Kalt wie eine Leiche.
"Cloud," flüstere ich und schlage die Bettdecke zurück. Warme Frühlingsluft tanzt durch das Fenster herein und mir ist als fände ich mich in einer Fremden Stadt wieder. Dann lauter:
"Cloud?" Ich höre Geräusche aus einem der Nebenräume und taste mich zur Tür. Meine Kraft reicht kaum aus die Klinke nach unten zu drücken. Cloud sitzt in der Badewanne. Er sieht mich nicht ein Mal an als ich mich ins Zimmer schiebe. Ich atme den Duft der Hotelseife ein.
"Was tust du? Du solltest doch im Bett bleiben." Ich schüttle den Kopf und betrachte das aschfahle, ausgezehrte Gesicht im Spiegel - es gehört wohl mir.
"Ich kann nicht schlafen. Also stehe ich und wandle durch die Zimmer."
"Du bist seltsam," sagt er und sein Kopf verschwindet unter einer Schicht Schaum. Es Platscht. Ich beobachte die Luftblasen, die auf der Wasseroberfläche tanzen. Sein Atem.
"Wenn du dir etwas wünschen könntest, was wäre es, Cloud," nuschle ich, wohl wissend, dass er mich nicht hören kann. Dann verlasse ich den Raum und gieße mir in der beengten Küche ein Glas Wasser ein. In den Minuten, in denen ich sinnierend aus dem Fenster blicke regen sich neue Lebensgeister in mir. Fast ungekannte Kraft.
Cloud schenkt mir eine flüchtige Umarmung, als er das Zimmer betritt.
"Warte," stoße ich hervor, aber er löst sich von mir so schnell wie er aufgetaucht ist.
"Würdest du mit mir weglaufen?" Er schnaubt nur verächtlich und zieht das schwarze Hemd an, dass mich so entzückt, wenn ich es an ihm sehe.
"Weißt du wo Ash ist? Ich habe ihn Tage nicht mehr gesehen?" Er würdigt mich keines Blickes und ich spüre einen schweren Klos in meiner Magengrube. Das Bedürfnis mich zu übergeben.
"Cloud, ich wollte ... ," beginne ich, aber er unterbricht mich unwirsch. Er fasst meine Handgelenke und unterzieht mich musternden Blicken. Ich hasse mich für den Angstschweiß, der mich in das schwarze Nachthemd schweißt wie Garnelen in Frischhaltefolie.
"Ash ist tot," zischt er und ich höre seinen Herzschlag, da ich nicht wage zu atmen. Hektisch.
"Ash ist tot," wiederholt er und ich versuche mich los zu reißen. Ich weine und schreie. Er zückt sein Messer, er schneidet mich in den Unterarm. Ich verstumme und rege mich nicht, aber mein Geist schreit weiter. Er fängt das Bisschen austretendes Blut auf, seine Mundwinkel färben sich hellrot. Ich küsse ihn ohne es zu wollen.
"Lass mich allein," bettle ich und er geht. Er öffnet die Tür und verschwindet und zurück bleibt ein kaltes Gefühl.
"Ash ist tot," wimmre ich und vergrabe mein rotes Gesicht im Bettzeug.

Wir sitzen auf der Parkbank 043 und Ash legt den Arm um mich. Ich lache und lehne meinen Kopf an seine Schulter. Es regnet, aber wer soll sich an den kühlen Tropfen schon stören - nicht an einem warmen Tag wie heute.
"Was ist passiert?" Er streicht das Haar aus meinem Gesicht und ich zucke zusammen. Ash riecht nach Feuer, nach verbranntem Holz und Ingwer. Ich versuche nicht zu ersticken. Dabei ist es angenehm.
"Ash?"
"Ja?"
"Und wenn ich dir sage, dass ich Cloud begegnet bin," flüstere ich und er sieht mir das erste Mal seit Tagen direkt ins Gesicht.
"Er hatte ein Mädchen dabei. So eine süße Kleine von der Privatschule. Weißt du etwas über sie?"
"Nein," sagt er und seine Umarmung gewinnt noch mehr an Kraft. Ich bin müde, aber ich versuche aufmerksam zu bleiben.
"Er legt sie um, oder? Er nimmt sie aus und verscharrt die Reste irgendwo außerhalb von L. - Sag mir: Hab ich Recht?" Ash lächelt und antwortet nicht.
"Nimm dich in Acht vor ihm." Mir ist als würde sein Körper brennen. Der Gestank verbrannten Menschenfleisches. Ich küsse ihn um den widerlichen Geschmack zu vertreiben. Aber alles an ihm schmeckt verbrannt. Selbst sein Blut.
"Ich habe keine Angst vor dem Tod," sage ich. Er nimmt mein Gesicht in beide Hände und mein Kieferknochen knackt.
"Aber ich," zischt er und küsst mich zurück. Ich versuche auf zu wachen, aber es funktioniert nicht. Ich schlafe nicht, ich schlafe nicht: Heißt das, dass ich nicht träume? Sie lachen wenn sie vorüber ziehen. Die Verliebten sind am lautesten. Was sie von stummen Paaren halten ... .
"Cloud ist mir egal, solange du dich von ihm fern hältst."
"Wann haben sich eure Wege getrennt?" Ich will am liebsten ganz unter Ashs Mantel verschwinden.
"Er schneidet ihnen die Köpfe ab," sage ich bevor ich in einen leichten, unruhigen und blutigen Schlaf falle.
"Aber zunächst schenkt er ihnen all das was ihr Herz begehrt," höre ich Ash sagen bevor ich vollkommen abdrifte. Ich nicke.

"Gib mir Ash zurück," schreie ich und beobachte Cloud durch einen grauen Nebel. Ich rauche und blase den Qualm in die Dunkelheit neben mir. Cloud steht über mich gebeugt da. Ich drücke die Glut meiner Zigarette aus und betrachte mein Spiegelbild in Clouds Messer.
"Halt die Fresse!" Ein schmerzlich verzerrter Laut dringt aus meiner Kehle.
"Ash ist tot!" Ich spucke Cloud vor die Füße und beobachte seine zuckende Augenbraue.
"Du hast ihn umgebracht," sage ich fast unhörbar leise und erwarte einen harten Schlag mitten ins Gesicht.
"Er musste sterben. Das verstehst du nicht mit deinem simplen Verstand. Wenn Ash mich damals nicht im Stich gelassen hätte, hätte ich für alle Zeit in hellem Licht erstrahlen können."
Cloud hat mich umgebracht. Mir ist es egal. In kleine Stück zerteilt liege ich da und durch meinen offenen Mund kriecht nicht mehr oder weniger als Frost. Käfer und Endgültigkeit.
"Dann bring mich eben um," sage ich und Cloud zieht mich an den Haaren. Ich stöhne nur leise und zerkratze seinen Unterarm. Er lässt sich nicht beirren. Seine fast weißen Augen sind schön wenn sie voller Hass sind.
"Ich will nichts lieber tun," sagt er und mein rechter Mundwinkel bewegt sich und formt ein Lächeln.
"Du hast mich doch nur deshalb gesucht, oder? Um zu sterben."
"Nein, um zu tauschen," sage ich und er drückt mich so fest gegen die Wand in meinem Rücken, dass meine Rippen brechen. Ich höre das Knacken, dann kommt die Atemnot und der lähmende Schmerz der nur dann entsteht wenn man ohnmächtig ist.
"Ich will Ash, zurück!" Cloud schneidet mir zwei Finger ab. Ich lache stumm und hysterisch. Mein Blut sickert verteilt sich auf dem Boden. Nicht einmal eine so große Fontäne. Ich dachte es wäre schlimmer.
"Du bekommst Ash zurück," nuschelt er und ich muss mich umdrehen. Es geht kaum. Dann sehe ich den Schatten. Klein und immer größer und Ashs Stimme lässt mich vergessen wo ich bin und wie. Dann Cloud:
"Dreh dich um!" Es gibt noch Vieles, das ich ihm sagen möchte, denke ich und strecke die Hand nach dem Schatten aus, der vor mir an der Backsteinwand tanzt. Dann zerfetzt eine Kugel mein Gesicht.
"Er schneidet ihnen die Köpfe ab. Aber zunächst schenkt er ihnen all das was ihr Herz begehrt," sagt Ash und Cloud bückt sich. Ich fühle die Schnitte nicht mehr. Wie auch.


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Kommentare

Sandpaper Kisses wrote on 2007-12-03 13:15:12

Diesen Text habe ich zu noch Schulzeiten verfasst und als Klausur abgegeben. Darauf hin war ich beim Schulpsychologen. Thema war: "Er zerstörte etwas" ...

ich müsste lügen, wenn ich behauptete es täte mir leid nicht gleich an "Er zerstörte das Fahrrad eines Mitschülers" gedacht zu haben. Damn, ich war 15 und ich hatte zu der Zeit ein leeres Zimmer. Leer weil mir nichts was bedeutete. Etwas zu kaufen und zu besitzen hat mich nicht glücklich gemacht.

Abhängigkeit kann Menschen zerstören, das ist doch viel interessanter.

Ich hatte ganz normale Satzzeichen drin, bis ich das ganze editieren wollte. Da haben sich dann alle " in ? verwandelt (sic!) Auch beim zweiten Edit ...

Ellis wollte ich schon mal lesen bin dann aber glaube ich bei Wachsen Ananas auf Bäumen hängen geblieben ... ich bin einfach zu wechsellaunisch. In einem Buchladen kauf ich kaum einmal das was ich eigentlich wollte.

Heute Mittag mach ich in der Kälte eine Umfrage. Ach, das Leben ist so schön.

patrick wrote on 2007-12-03 09:45:47

...war so frei den Text ein wenig zu redigieren. Musst mal schauen, ob du die Zeilenumbrüche anders haben willst. Klappen auf dem Mac die Anführungszeichen nicht?! Oder sind das diese geschwungenen Anführungszeichen aus einem Schreibprogramm?

Ziemlich starker Text, hab ihn jetzt zweimal gelesen, wird aber nicht angenehmer. Erinnerte mich beim ersten Lesen an frühe Sachen von Easton Ellis (vor allem an eine Geschichte aus "Die Informanten"), beim zweiten Mal nicht mehr.

Wie soll ich sowas bloß verpacken um diese Uhrzeit?!

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