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Die Zuckerpuppen tanzen wieder

Die Welt ist verrückt (denn Gott ist tot, würde Nietzsche sagen). Wie verrückt sie ist bringt dieser Text näher. Wahre Episoden aus meinem Leben.

Analogien des Wahnsinns, Allegorien der Allgemeinheit, Altruist und Misanthrop fusionieren. Bruchstücke.

"Die Zuckerpuppen tanzen wieder", das hat die verrückte Alte von nebenan immer gemurmelt, wenn sie, in ihre Selbstgespräche vertieft, die Straße entlanglief. Als Kinder sind wir immer hinterher gelaufen, und haben uns über sie lustig gemacht. "Die Zuckerpuppen tanzen wieder". Irgendwann habe ich erfahren, warum sie verrückt geworden war: Ihr Sohn und ihr Mann waren in den Krieg gezogen, aber nicht zurückgekehrt. Heute redet sie nicht mehr von den Puppen. Ihr Haus hat ein "Zu verkaufen" Schild im Küchenfenster, und die hohen Hecken davor hat jemand weg geschnitten.

Die Zuckerpuppen tanzen wieder, tanzen den Salsa der Seele, tanzen den Salsa mit Soul. In der Nähe vom Jamaika Stairway hat auch immer eine verrückte Frau gewohnt. Sie hatte sich selbst gemalte und -erfundene Papier-Flaggen in die Fenster gehangen. Sie sagte, das die eine Flagge für "Welthöhe" stünde, die Andere für "Menschenhöhe", die dritte für "Landhöhe". Ich weiß nicht was aus ihr geworden ist, ich bin schon lange nicht mehr an ihrem Haus vorbeigekommen.

Als ich mal bei einem Alkoholiker Pärchen Zivildienst verrichtete, sagten die "Freunde" des Paares, die manchmal vorbeikamen um einen Fernseher zu stehlen, das Zivis Weicheier seien. Ich mochte den Zivildienst. In einem Altenheim in Düsseldorf Derendorf habe ich mal eine Frau betreut, die nicht sprechen konnte, und eine, die nur schlecht sprechen konnte. Die stumme Frau lächelte immer, und der anderen habe ich versprochen, mit ihr mal nach Hollywood zu fahren. Sie war einmal Filmschauspielerin gewesen, und immer wenn ihr Pfleger ihr erzählte, das ich sie besuchen komme, ließ sie sich von ihm eins ihrer einstmals glamourösen Kleider anziehen. Ich ging mit ihr immer in die Cafeteria des Altenheims, wo ich sie mit Eis fütterte, ich durfte das Gelände mit ihr nicht verlassen. Deswegen sind wir auch nie nach Hollywood gefahren - wahrscheinlich ist sie mittlerweile tot.

In Holland stand ich in diesem kleinen Zeitschriftenladen. Deutsche Magazine gab es leider nur wenige, aber immerhin gab es deutsch-sprachige Disney-Comics. Ich muss wohl 16 gewesen sein? Da hört ich, wie ein Vater zu seinem Sohn, der etwa 8 Jahre alt war, sagte: "Wenn du die Zeitschrift jetzt nicht weglegst, dann ziehe ich dir 25 Punkte ab, und du willst doch abendessen, oder?". Die Schwester warf dem Jungen einen besorgten Blick zu, ich fand es süss, das so ein kleines Mädchen - sie war sicher jünger als ihr Bruder - schon so besorgt kucken kann, als wäre sie eine Oma. Der Junge hat seine 25 Punkte behalten.

Bei Klaus hatte ich auch während des Zivildienstes gearbeitet. Er war 83, und, abgesehen davon, das er an den Rollstuhl gefesselt war, noch sehr gut beisammen. Ich holte ihn im Altersheim am Fürstenwall ab, dann gingen wir entweder in das kleine Pasta-Haus an der Elizabethstraße, oder tranken Kaffee in der Bar am Kaiserteich, den wir danach oder davor, spazierend umrundeten. Klaus hatte nie geheiratet. Er gab es nie zu, aber ich glaube er bereute das ein wenig. Aber wir trafen dauernd alte Freunde von ihm auf unseren Spaziergängen. Die junge Frau, die uns im Pasta-Haus immer bediente, spielte auch manchmal mit uns Karten, und ab und zu gesellten sich auch andere Gäste zum Spiel. Ich habe danach immer bereut, das ich der jungen Frau, die immer lächelnd die flotten flirtenden Sprüche des rüstigen Rentners beantwortete, nicht von seinem Tod berichtet habe. Mein Chef, Michael, hatte mir an diesem Tag gesagt, das ich Klaus nicht abholen könne, da er seit letzter Nacht im Krankenhaus sei, aber ich könne ihn dort besuchen. Außer mir war noch sein rechtlicher Vertreter da. Wenn ein Stück Fleisch stirbt, kreisen die Geier, genauso kam es mir vor. Der Mann, ein Mittvierziger, wollte nur über Geld sprechen, und ich war wohl sehr unhöflich.

Die Zuckerpuppen reisen wieder. Den ganzen Tag fuhren wir durch die Landeshauptstadt. Als Praktikant kam mir die Aufgabe zu, aus dem Auto zu springen, und mich mit den Empfangsdamen und Sekretärinnen auseinander zu setzen. Ich bestach sie mit Vanilleeis, das funktionierte sehr gut. An diesem heißen Sommertag waren die Mitarbeiter der Zeitungsredaktionen alle sehr froh über die Werbeaktion mit dem Vanilleeis. Aber keiner kam zu der Firmenvorstellung. Johlend über meinen Anzug fuhren an diesem Tag ein paar Freunde von mir an uns vorbei, die auf dem Weg ins Kino waren. Der Mann mit den roten Schuhen, wie ihn alle nannten, hielt später eine Rede, und ein junger, aufstrebender Jurist langweilte mich mit seinen beruflichen Plänen, während er gleichzeitig versuchte, meine Begleiterin mit seinem Konto zu beeindrucken. Ich rauchte verzaubert in der Garage.

Wir verfolgten das Mädchen und ihren Vater bis an die Türe des Bungalows. Trotz der fortgeschrittenen Stunde war es noch sehr heiß, und ich schwitzte in der langen Hose. Wir saßen auf einer Mauer, die ein nicht bebautes Grundstück eingrenzte, und berieten, wie wir an das Mädchen rankommen könnten. Ich war vorher nie in Spanien gewesen, und das Land, die Landschaft, das Klima, hatten mich verzaubert und berauscht. Noch während wir berieten, verließ der Vater auf einmal das Haus, und ging an uns vorbei in Richtung Innenstadt - um noch ein Bier zu trinken, wie wir später erfuhren. Ich war schon ein bisschen nervös, als wir an der erleuchteten Terrassentür klopften, aber sie war sehr nett. Sie war danach für ein paar Monate meine Freundin, und mein Kumpel und ich besuchten sie einmal in Dortmund. Seit etwa 6 oder 7 Jahren haben wir keinen Kontakt mehr, aber wir waren jung, und es hat Spaß gemacht.

Die Angestellten mussten mich für verrückt halten - das konnte ich förmlich riechen. Sie musterten mich und meine Kamera, und einige belächelten es. Der Mann, der die Schweine in der Mitte mit einer gigantischen Säge, die an zwei Aluminium Seilen von der Decke hing, damit man sie überhaupt führen konnte, durchtrennte, grinste mich breit an, während er ein totes Schwein unter schäumendem Spritzen zerschnitt. Nachdem der Chef persönlich mir eine Führung durch den ganzen Schlachthof gegeben hatte, und mich dem Sicherheitspersonal, das den Betrieb vor Naturschützern schützen sollte, vorgestellt hatte, fotografierte ich Hirnstückchen und herausgeschnittene Augen. Einer der Arbeiter sagte, das ich doch besser nackte Frauen ablichten sollte, und bot mir auch direkt einige Freundinnen von ihm an, und seine Kolleginnen. Obwohl viele mich musterten, als sei ich ein Perverser, waren die meisten der Leute sehr nett, und ich schien eine willkommene Abwechslung zum Arbeitsalltag darzustellen. Ich wunderte mich über die hohe Quote der Schwarzen, die dort arbeiteten, und war fasziniert von dem Mann, der den Schweinen mit einem starken Industriestaubsauger Hirn und Rückenmark absaugte.

Das Hotel war nicht besonders gut, und die Pizza, die wir bestellten, schmeckte ekelerregend. Wir hatten das Hotel kaum gefunden, und als wir einen Taxifahrer nach dem Weg fragten, sagte er: "Willst du noch sterben heut, verbring den Tag in Oberreut." - das war unser erster Eindruck von Karlsruhe, abgerundet durch eine überschwemmte Strasse. Am nächsten Abend kamen wir prompt in eine Polizeikontrolle, auf dem Weg zum Konzert. Später sagte man uns, das die Hälfte der geplanten Besucher wegen Verstössen gegen das BTMG, nicht erschienen waren. Entsprechenden Anklang fand unser erstes Stück - "Fuck the cops". Nach dem Auftritt entschuldigte ich mich schnell, und fuhr mit meiner Freundin zurück ins Hotel.

Es war sehr dunkel in dem Park, allerdings kam uns das gerade recht. ... Keiner hatte ihn bemerkt - das er sich näherte - und wir waren fast erschrocken über das Gesicht, das sich auf einmal in unseren Dunstkreis zeigte. Er trug eine Menge Indianerschmuck um den Hals, und seine Augen schielten so weit nach oben, das man nur Weiß erkennen konnte, nicht aber eine Pupille - er war wohl blind. Seine Sprache war sehr schwierig zu verstehen, er war wohl auch betrunken. An den vielen Narben in seinem Gesicht und auf seinen Händen, die man sogar im Dunkeln sehen konnte, konnte man erkennen, das er wohl schon lange auf der Straße lebte. Die Mädchen waren sehr angeekelt von seiner Erscheinung, aber ich ließ ihn trotzdem mit rauchen. Er erzählte mir Bruchstücke seiner Geschichte, eine Geschichte voll Krankheit, Fear und Loathing. Als wir uns wieder auf den Weg machten in Richtung Kneipe, war ich der Einzige, der ihm zum Abschied die Hand gab.

Die Zuckerpuppen tanzen wieder, tanzen den Salsa der Seele, tanzen den Salsa mit Soul.


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