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Les Invisibles

Kennst du oder kennst du nicht: Gestalten aus den Schatten. Wissen oder nicht wissen!


Er geht die Straße hinab, wartet auf ein Wispern:
Doch die Seitenstraßen schweigen, nur ein Klack ? Klack - Klack seiner Schuhe auf den Pflastersteinen hallt von den Häuserwänden wieder.
?Diese Welt?, denkt er ?ist voller Zähne und rasiermesserscharfen Hindernissen.?
Wenn die Sonne nicht scheint, dann schleicht er sich vollkommen unbemerkt durch die Straßen. Erst Lichtstrahlen machen ihn sichtbar. Immer noch kein Wispern aus dunklen Seitengassen, fast enttäuschend. ?Vertrauen muss man lernen?, denkt er. ?Rasiermesser sind ehrlich. Dass sie einen verletzen, wenn man unaufmerksam umherstolpert, das ist in Ordnung?, denkt er.
Es regnet in jeder finsteren Nacht in der er durch die Straßen zieht. Er sucht etwas und weiß doch nicht was genau es sein soll. Manchmal findet er in solchen Stunden Alkohol, dann leichte Mädchen und zu oft findet er jemanden, der bereitwillig den Versuch unternimmt ihm einige Zähne auszuschlagen. Es hat etwas Befreiendes zitternd und blutend auf dem kalten Asphalt zu kauern. Manchmal bekommt die Zeit dann die Konsistent von eingebranntem Griesbrei. Sie wird zäher und zäher und das Herz leichter und leichter. Das verschafft ihm die Möglichkeit über Alles und Jeden nach zu denken, während er versucht unter den gebrochenen Rippen hindurchzuatmen.
Ein großer schwarzer Klecks schiebt sich dann hin und wieder in sein Blickfeld, setzt sich zu ihm und kratzt sich mit langen im Mondlicht leuchtenden Krallen den aufgeblähten Bauch.
?Hallo?, sagt der Kloß und stupst ihn mit seiner großen Pranke an. Er stöhnt leise und senkt den Blick, dann antwortet er: ?Hallo.?
?Wie geht es dir?? Der große schwarze Berg ist haarig. Er legt sich halb auf ihn und seine Rippen. Er beißt die Zähne zusammen, denn er weiß was nun kommt:
?Hast du denn gefunden was du suchtest?? fragt der Koloss. Man kann nichts an dem plüschigen Riesen erkennen, das Augen auch nur im Entferntesten ähnelt.
?Ich dachte einen Moment ich wäre na dran?, antwortet er schwer atmend.
?Wie töricht. Nur an dein Vergnügen, deine Wünsche, deine Ideale zu denken, das allein wird dich nicht glücklich machen?, geifert der Kloß. Einige Tropfen dieses puddingartigen Speichels treffen ihn mitten im Gesicht. Er kann nichts entgegnen.
?Du musst begreifen wo du stehst. Du musst dich umsehen und du musst für einige Sekunden den Fleisch und Knochensack vergessen, der deine Seele begrenzt.?
?Du redest seltsames Zeug?, sagt er wütend und der Kloß erhöht trotzig den Druck seines Körpers auf die geborstenen, schmerzenden Rippen.
?Würde ein Frosch zu dir kommen und mit dir sprechen, würdest du seine Worte dann auch anzweifeln??
?Was hat das damit zu tun??
?Würdest du dem Frosch glauben??
?Frösche können nicht sprechen!?
?So, so ?!? Der riesige Fellball scheint ihn jetzt erst recht nicht mehr für voll zu nehmen. Mühsam rappelt er sich ein bisschen auf und versucht sich von dem Fleck zu befreien. Es gelingt ihm nicht.
?Was bist du eigentlich für ein Ding??
?Spielt das eine Rolle??
?Ich fürchte: Nein.?
?Dann frag nicht. Man sollte nur dann fragen, wenn die Frage berechtigt ist. Du hast keine Ahnung was der Grund deiner Existenz ist, oder? Das ist nicht schlimm. Kein Mensch ist berechtigt so etwas zu wissen und ihr könntet eine vollkommen sinnvolle Welt auch gar nicht ertragen, dafür seid ihr nicht geschaffen. Aber eine Suche ist was anderes. Dass du nicht einmal nach all der Zeit herausgefunden hast auf was du dich vor Jahren auf die Suche gemacht hast, das erstaunt mich.? Der Ball hüpft ein bisschen auf und ab und wirft ihm seltsame, fordernde Blicke zu. Eine schmerzliche Leere macht sich in ihm bemerkbar. Er wollte die langsam fließende Zeit genießen, aber nun wünscht er sich sie möge doch lieber schneller vergehen und das Morgenrot möge den schwarzen, haarigen Fleck wegwaschen.
?Sollte es nicht dein Traum sein Wunder zu bewirken? Menschen sollte immer von etwas träumen, dass ihnen unmöglich zu sein scheint. Nur so haben sie eine Chance zu erkennen, dass sie ihre eigenen Fähigkeiten in vielem unnötig selbst begrenzen. ? Er schweigt während der Kloß spricht und sich der Druck des großen, schweren Körpers auf seine Oberschenkel immer mehr verstärkt.
?Ich bin gut darin mich lebendig zu fühlen. Wirklich?, nuschelt er und befühlt einen kleinen, blutenden Schnitt an seiner Stirn.
?Du benimmst dich auch wie ein Kind: So egoistisch. Glaubst du, dass du in der Einsamkeit dein Glück finden kannst? Glaubst du es ist auf Dauer erfüllend, ja, gar befriedigend sich nur um sich selbst zu sorgen und um keinen sonst?? Der Kloß hört sich fast traurig an, als er hinzufügt: ?Ihr Menschen! Könnt nicht mit und auch nicht ohne einander.?
?Vielleicht wäre es das Beste, wenn du mich einfach frisst. Einen Mund wirst du doch sicher haben irgendwo unter deinem Fellteppich.?
?Dazu kommen wir später noch!?, jault der schwere Klecks und seine Zotteln wallen auf und ab. Es hört auf zu regnen und mit Ende des Regens kehrt eine unvermittelte Stille ein. Grabesstille, Friedhofsstille.
?Ich bin nicht Einsam?, beteuert er und der Kloß scheint zu lachen. Er kommt sich dumm vor. Das erste Mal seit langem gerät er in tiefes Grübeln über etwas anderes als nur sich selbst.
?Wie viele Freunde hast du?? Der Riesenfleck wackelt mit seinem nicht klar zu definierenden Hinterteil ein bisschen hin uns her als er keine Antwort bekommt.
?Wie heißt du überhaupt?, fragt der Klecks.
?Und ich dachte du weißt alles. Aber tut das denn was zur Sache??
?Ich glaube: Nein?, antwortet es aus dem Fellball, dann: ?Du hast keine Freunde, nicht wahr! Darüber solltest du traurig sein. Es ist wichtig sich um jemanden zu kümmern, denn sonst stehst du ganz allein da und keiner wird dich umsorgen. Und das willst du doch? Du darfst nichts verlangen und du wirst sehen wie viel Freude es macht ein Herz zu gewinnen. Man wird dir Gutes tun, ohne dass du darum bittest.? Er hört zu und starrt in eine Pfütze. Sein Blick wird magisch von ihr angezogen. Ein leichter Ölfilm zaubert einen Regenbogen auf die Oberfläche.
?Warum frisst du mich nicht??
?Warum sollte ich dich fressen. Wo du doch jetzt begriffen hast, dass du Einsam bist, da ist dein Fleisch mir vom leiden doch viel zu süß geworden.?
Als der Klecks sich erhebt und sich der schwarze Fellhügel langsam in die Schatten des Hinterhofs zurück schiebt, da fühlt er so etwas wie Dankbarkeit und Reue.


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