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Sakrileg

Wem ist noch nicht aufgefallen, das in der S-Bahn nie, oder nur gedämpft gesprochen wird? Diese Anekdote liefert eine Erklärung, warum sich dies so verhält. Wie immer ist an Allem die Industrialisierung schuld.

... ist nicht nur der Titel eines Buches, das mir viele Leute ans Herz legen wollen, sondern auch das Sprechen in der S-Bahn.

S-Bahn. Das verspricht ungestörtes Dösen oder Zeitung lesen. Das verspricht Gerüche zwischen Pisse und Schweiß, Parfum und Blumen, Menschen und Hunden. S-Bahn fahren verspricht neue Gesichter, und - ich liebe diese Formulierung - verbuddelte Seelen.

Ich bin schon 1000mal S-Bahn gefahren, dabei habe ich sicher 349mal die Landschaft vorüber wandern sehen, sicher 314mal mein Gesicht hinter einem Buch verschanzt, habe sicherlich 212mal gestanden, weil ich müde war und nicht einschlafen wollte, bin ich sicher 23mal eingenickt, habe ich bestimmt 82 mal mein Ticket zeigen müssen, und habe sicher 19mal die berechtigte Befürchtung gehabt, ausgeraubt zu werden - und hätte mich auch fast schon 1mal gut unterhalten.

Gespräche in der Bahn - warum sind sie verboten? Soweit ich weiß, mögen die Kontrolleure es nicht, wenn man die Füsse auf den Sitz legt, oder raucht, auch schlafende Studenten an Endhaltestellen mögen sie nicht, aber in welchem Abschnitt des ÖPNV-Beförderungsgesetzes ist das Ansprechen Mitreisender untersagt?

Einmal habe ich, zusammen mit einem Freund, den ich mittlerweile verlernt habe, auf dem Weg in eine Disco, 2 Mädchen in der Bahn angesprochen. Diese haben begeistert-bereitwillig unseren Vodka getrunken, und an der nächsten Station war das mit-oberflächlichste Gespräch meines Lebens vorbei gewesen.

Ich erinnere mich auch, einmal auf dem Weg von der Arbeit nach Hause, es muss wohl kurz vor dem Düsseldorfer Hauptbahnhof gewesen sein, mit einem Ägyptischen Geschäftsreisenden ins Gespräch gekommen zu sein, er hatte sich wohl - die Sitten unseres Landes verachtend - nach der Route der Bahn erkundigt. Er gab mir den guten Rat, mit dem Trinken aufzuhören, nachdem er sich als Mitverantwortlicher für die Funktionalität der Mobilfunknetze geoutet hatte.

Ich habe bestimmt in eine Million Gesichter geschaut, auf den Bahnhöfen, in den S, RE, ICE, Strassen- und U-Bahnen unserer Nation. 1 Million Gesichter, die an mir vorüber gingen, ohne das ich unter 1 Million Menschen einen Freund hätte machen können. Zahlen können erschrecken.

Erschreckend auch die belauschten Gespräche der Mitreisenden. Als ich vor 2 Wochen an einem Mittwoch unterwegs in die Uni war, zusammen mit einem alten Bekannten, den ich bei mir am Bahnhof getroffen hatte, kam ich nicht umhin, dem jungen Türken auf dem 4er Sitz nebenan, bei seinem an seine "Kollegen" gerichteten Selbstgespräch zu belauschen. Er erzählt ihnen begeistert davon, wie einschüchternd sein Messer auf die Leute am Hauptbahnhof wirken würde, wenn er dort gleich aussteigt und jemanden "abzieht" - was soviel wie "überfallen" bedeutet.

Am nächsten Tag, in der gleichen Bahn, belauschte ich, der Audio-Voyeur des Nahverkehrs, 3 Mädchen neben mir, die sich, ihrer profunden psychologischen Kenntnisse sicher, über die Liebes(un)fähigkeit eines Bekannten unterhielten. Gleichzeitig versucht ich 2 Südländern zu zuhören, die sich über Ausländerfeindlichkeit unterhielten - sicherlich besser als der die Schallwellen des Vortages; und trotzdem: Deprimierend.

Man belauscht, oder beobachtet Fetzen. Fetzen der Leben, die die Mitmenschen führen, Fetzen, die die Distanz hervorheben. Passend zum Beruf, zu dem die meisten Bahnfahrer pendeln - eine tiefgründige Oberflächlichkeit, die sich im audio-visuellen Exhibitionismus unserer modernen westlichen Gesellschaft äußert. Der verzweifelte Versuch der Reisenden, durch lautes Sprechen Mitfühlende zu wecken, durch laute Meinungsäußerung jemanden auf sich aufmerksam zu machen, der oder die vielleicht genauso denkt, durch unterdrückte Schreie die Hilfe zu bekommen, die jeder sucht.

Der laute Exhibitionismus, der so (erschreckend) bezeichnend für eine Gesellschaft ist, die im Beruf und den meisten sozialen Kontakten nur Lügen zulässt - nur Lügen zulassen kann. Die Unterhaltung über Uninteressantes, die die einzige gesellschaftliche - und gesellschaftsfähige - Basis darstellt. Sie deswegen darstellt, weil über-Differenzierung, Mobilität, Kompatibilität und Schnelllebigkeit das ist, was irgendwann aus dem Gegenteil erwachsen ist.

So schnell ist der Sprung vom Thema Bahn zum Thema Industrialisierung soziologisch beschrieben und vollzogen. Die Industrialisierung, die so eng mit der Bahn verknüpft ist, und die so verantwortlich ist, für das die täglichen Dramen, die man nur noch in der Bahn verfolgen kann.


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