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Samstage

Die Rekapitulation eines Samstages. Erschreckend ist eigentlich nur, das es ein ganz normaler Samstag war - normal zumindest für einige Menschen, so auch für mich damals.

Mein Kopf tut weh, ich hab Sodbrennen. Zigarette, Pizza, Espresso und Multivitamin Saft schmecken stumpf. Außerdem brennen sie im Rachen, weil dieser - warum auch immer - wund ist.

Ja, genau, einer dieser Tage. Gestern "Geburtstagsparty" - oder "wie erfinde ich einen Grund für ein Besäufnis?" - danach Düsseldorf Altstadt. Erfolgreich aus einem Club raus geflogen, 2 Mädchen die ich mag verschreckt - mit meinem verhalten und meinen freunden -, mich mit Currysauce bekleckert, vergessen wie ich nach Hause gekommen bin ...

Die erschreckende und abstumpfende Rekapitulation eines 08-15 Abends. Und dann dieses Gefühl im Magen: nicht nur die flaue Übelkeit, nein, ein geradezu universelles Gefühl des Dauerversagens und der Angst vor dem nächsten Abend - heute -, der sicher nicht viel anders verlaufen wird. Eigentlich kein Wunder das mir jeder sagt ich soll doch mal bei den AA vorbeischauen, allerdings fragt auch keiner "warum?".

Man kratzt an der Oberfläche wie Katzen an Türen, der Mensch steht dabei nicht im Mittelpunkt. Affektiert. Es ist mir gestern wieder mal so deutlich aufgefallen, diese Frage "wie geht’'s?" und danach wendet man sich wieder dem Gespräch zu ohne eine Antwort abzuwarten. "Bezeichnend" entwickelt sich zu einem meiner Lieblingsworte. Das ist kein Interesse, dieses "wie geht’'s?" ... es ist eine simple Höflichkeitsfloskel. Und wenn man diese gewisse Melodramatik oder Melancholie die ich in meiner schizophrenen Hülle mitführe in Betracht zieht, auch eine sehr dumme frage.

Warum sagt keiner mal "Hey, du lebst ja doch noch! warum denn?" oder "Hey, ich hab nen preiswerten Psychiater für dich gefunden!" ... warum diese Affektion? Und warum diese Selbstzerstörung? Ob es wirklich nur die Schuld unserer Sprache, des Klimas und der Kirche ist? Da muss mehr sein, um eine Gesellschaft so kaputt zu machen, denke ich mir. Aber meine Fragen laufen ins Leere, vor allem in leere Flaschen. Und so sitze ich wieder mal an einem Samstag Mittag hier und höre Bill Evans mit "My foolish heart", bin verkatert oder ketzerisch, tippe sinnlos misanthropische oder subtropische texte - ich, das wandelnde Paradoxon, der beweis das Totes leben kann, das Oxymoron aus Philosoph und Misanthrop, Liebhaber der Weisheit und Hasser der Menschen, der sich selbst in germanistische Begriffe zurechtstutzende Anonyme, der Anonyme mit den Synonymen, das klingt doch schön.

Am Donnerstag Abend hab ich mich mit einer Germanistik Studentin gestritten, ob ich Selbstmitleid haben darf; ihre Argumente waren nicht schlecht, zum Beispiel gibt es ja in anderen Ländern Kinder die die Leichenteile ihrer Eltern in Abfalleimern beerdigen müssen, während sie vergewaltigt werden und dabei von deutschen Kamerateams umringt werden. Sie hat ja irgendwie recht, und doch ... und doch kann ich mich nicht wirklich aus meiner melancholisch-nostalgische Lebenshaltung befreien, kann nicht aufhören zu hoffen, das diese Gesellschaft irgendwann aufhört zu existieren, oder verbrennt, und aus ihrer Asche der Phönix der Liebe aufersteht. Vielleicht ist es einfach das Los eines Philosophie Studenten, manisch depressiv zu sein? Vielleicht bin ich ja gar nicht ungewöhnlich, keine Ausnahme, sondern eine umso erschreckendere Bestätigung der Regelungen? Vielleicht ist es ja auch mein Schicksal, Samstags Phil Collins "in the air tonight" zu hören, und über meine Probleme zu schwadronieren? Vielleicht ist Sarkasmus angeboren? Vielleicht ist dann die Gesellschaft meine Mutter?

"Eine Vorstellung ist 'wahr', solange es für unser leben nützlich ist, sie zu glauben". William James. Pragmatismus. Nur um mal ein paar klug klingende Stichworte in meinen Text zu streuen.

War Oscar Wilde nun Misanthrop oder Realist? oder muss man zwangsläufig Misanthrop sein, wenn man Realist ist? Aber Realität liegt doch im Auge des Betrachters? In meinem jedenfalls ist sie ein Dorn, den ich mit allen Waffen der modernen Welt bekämpfe, Alkohol, Drogen, Parties in all ihren schönen Variationen…

Parties. Auch so eine Sache. Man schmückt sie mit einem schonen Nomen, wie z.B. Cocktail, macht einen Bindestrich dazwischen, zum Beispiel so: "Cocktail-Party" und erhält den blanken Horror eines nachdenklichen Menschen. Betrunkene Proleten, und weibliche Fans selbiger lassen die Haut jedes Philosophen ergrauen. Meine jedenfalls. Salinger fasst es in ein paar wenigen Worten zusammen, die er aus dem Mund von Holden Caulfield sprudeln lässt "ich könnte mich von oben bis unten bekotzen"... wunderbar, als ich den Fänger im Roggen gelesen hab fand ich meine Lebenseinstellung in nur 8 Worten schwarz auf weiß auf Papier. Stellt euch nur die Überraschung vor, die Herr meiner Augen wurde. Da suche ich in jeder menge Büchern von bedeutungsschwangeren Autoren nach Antworten, und finde so wundervoll ausformuliert meine universelle Antwort in einem Kinderbuch. Der Fänger im Roggen - Prädikat "super". Salinger scheint auch das Wort "affektiert" zu lieben, das ich einfach mal auf A-Rotation in meinen Wortschatz übernommen habe.

A-Rotation wie Phil Collins, Chet Baker und Bill Evans an einem Samstag morgen. seltsame Mischung? Nein. Alles verzweifelte Leute auf ihre Art, setzt man die Liste fort muss sehr bald Eric Truffaz folgen, er ist auch so. Meine Nachbarschaft muss Angst haben das ich bald Amok laufe, so depressiv sind die klänge aus meiner Stereoanlage. wie in Huxley’s "Brave new World", wo das Mädchen, den Namen habe ich vergessen, sich so wundert, das er, seinen Namen auch, mal 'traurig' ist. "nimm doch einfach ein bisschen Soma!" .... ja, verdammt, immer her damit Mädel, ich kann’s brauchen.


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