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Vita Brevis

Das Leben ist kurz.

Das Leben ist kurz.
Manchmal, wenn der Himmel klar ist,
kann man es am Horizont enden sehen.
Die Landschaft dazwischen ist zerklüftet und hügelig,
breite Flüsse durchziehen die Zeit.
Am Ende laufen sie alle in einem Ozean der Leere zusammen.


Nachdem Nietzsche im 20. Jahrhundert Gottes Tod ausgerufen hatte, und die moralischen Zügel dem Kutscher aus der Hand glitten, starb die Liebe. Ihr Tod sollte die Menschheit weit mehr erschüttern als der Tod Gottes – zumindest in der Literatur. Im wahren Leben bemerkte fast niemand ihr Verschwinden. Lange genug hatten sich Bilder einer Liebe eingebrannt, fest genug war das Bild dessen, wie es aussehen sollte, klug genug die Menschen um das Schauspiel am Leben zu erhalten. Nur einige Literaten weinten. Einige Buchseiten trieften vor Tränen.

Die rationale Gleichgültigkeit, welche die Menschen im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert empfing, war zugleich der Todesstoß und zugleich heilsam. Mit eben dieser gelassenen Gleichgültigkeit trug man die Liebe hoch inoffiziell zu Grabe.

Mit der Liebe starb die Kunst; hatte der Fall einer Moral bereits Themen zur Kunst werden lassen, die die Grenzen der Kunst bis ans Äußerste schoben, hatte bereits zwanzig Jahre zuvor ein universeller Verfall und Beifall des selben eingesetzt, so war der Wegbruch der letzten Instanz, der letzten Sache, die so menschlich ist, dass sich bis ins späte 19. Jahrhundert hinein niemand getraut hatte, ihre Lächerlichkeit preis zugeben, ebenso für die schönen Künste der Dolch ins Herz.

Der Begriff Depression setzt sich zusammen aus der Vorsilbe de- und der pression. So frei übersetzt wie zuvor zerpflückt, bedeutet die Depression „Herunterdrückung“. Vielleicht auch „Unterdrückung“, aber es widert mich an, eine hoch personelle Ontologie mit einem politisch belasteten Begriff zu besudeln. Die Depression, eine stille, wehrlose und unterschwellige Depression, ist das, was heute von der Liebe, die wir nur noch aus Büchern zu kennen glauben übrig ist.

Diese Depression, die wie ein weltumspannendes elektromagnetisches Feld im Hintergrund mitschwingt, infiziert vor allem diese Menschen, die Zeit haben, sich befallen zu lassen, weil sie Zeit haben, sich das Leben anzusehen, anstatt zu leben. Sie befällt kurz gesagt alle Mitglieder der postmodernen Gesellschaften; all diese Menschen, die einst den Traum der großen Freiheit träumten, die mal gutartige und mal bösartige Opportunisten gewesen waren, und sich durch diesen optimistischen Opportunismus einen Vorteil erkämpft hatten, den sie nun der Lethargie, dem Warten auf das Sterben, preisgaben.

Einige traurige Musikstücke und Metakunst zeugt noch von diesem subjektiv langsamen und objektiv sehr schnellen und ungehinderten Untergang. Einige wenige Theoretiker sahen kommen was unvermeidlich war, einige wenige Pragmaten taten das zu diesem Zeitpunkt einzig Logische und verließen das sinkende Schiff einer ehemals glanzvollen Gesellschaft.

Die unbarmherzigste „Wissenschaft“ ist die Geschichtsschreibung – denn sie hält die Illusion der Utopie und die Realität des Scheiterns fest; Gesellschaft für Gesellschaft. Ich begrabe das evolutive Crescendo unter einem Berg Tränen. König der Tränen.


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