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Blog 3: Wuhan City und gutes Essen

Die Innenstadt, kulinarische Offenbarungen und halsbrecherische Taxifahrten...

In den letzten Tagen hat sich das ein oder andere Klischee bewahrheitet: Eine Taxifahrt, wie bereits kurz erwähnt, ist für den Durschnittseuropäer wie eine Nahtod-Erfahrung. Während ich, aufgrund meiner akuten Flugangst, stets mit meinem Leben bereits abgeschlossen habe, während wir durchs erste Luftloch säuseln, machen die Wuhaner Taxifahrer ihrem Ruf alle Ehre: Wir sind gestern das erste Mal in die große Innenstadt gefahren (Jan wohnt in einem der Universitätenviertel). Ich spare mir mal die Ausführungen darüber, wie groß alles ist, wie bunt, wie belebt, und so weiter, denn auch wenn ich das erste Mal in China bin, habe ich ja dennoch schon ab und an eine Großstadt erblicken dürfen, obschon, das gebe ich gerne zu, nicht in diesem, „bunten“ Ausmaß. Bilder werden bald folgen, und man mag sich selbst Eindrücke verschaffen.

Aber die Fahrt dorthin...ging ja ganz harmlos los. Mal abgesehen von dem Radfahrer mit der Pressluftflasche auf dem Gepäckträger, der nahezu übersehen wurde, dem LKW, in den wir fast reingekracht wären, weil dieser meinte, ohne ersichtlichen Grund auf der mittleren Spur zum Stehen zu kommen. Die Rollerfahrer, die nachts einfach auf einer 4spurigen Strasse (inoffiziell!!!) einfach ohne Licht fahren, sind ja auch noch völlig ok, und wenn dort ansässige Radler heldenhaftig unser Taxi schneiden möchten, während unser Fahrer fröhlich Witze mit uns macht (hahaha, Angstschweiß...), dann mag man ja noch behaupten, die sei deren Schuld, oder dergleichen.

Aber als dann besagter Fahrer, nachdem wir ihn, auf dem Weg zu unserem Restaurant (Ode an den Gaumen, bzw. es gibt doch einen Gott, mehr hierzu später) auf einer riesigen Kreuzung, die selbst für eine Stadt mit ca 9 Millionen Einwohnern, wie Wuhan eine ist, durchaus imposant ist, eine lustige Runde fährt, einmal um seinen eigenen Wendekreis, um statt rechts abzubiegen, doch nach links zu fahren. Ist ja an sich kein großes Manöver, wenn da nicht die anderen Fahrzeuge gewesen wären, die längst grün gehabt haben. Wunderschön, man glaube es oder nicht, ich hatte meinen Spaß, und hupen tun sowieso alle ständig, obwohl in der Stadt diverse Schilder aufgestellt sind, die selbiges verbieten. Aber das Rauchverbot im Restaurant stört schließlich auch niemanden. „Laws are what you make out of it“, wenn ich mal einen tapferen Mitstreiter zitieren darf...

Der Taxifahrer hat sich nach einer Irrfahrt (rechts, nein links, ok da lang....wir sind gleich da, nein wir sind doch total falsch...achne das geht schon...ups, HIER sind wir ???) sich noch entschuldigt hat, unsere Zeit zu stehlen, war mir einfach klar: Man kann viel sagen, aber eines steht fest: Guter Service wird hier absolut großgeschrieben, und was „Der Kunde ist König“ angeht, so kann sich so mancher Europäer hier noch eine Scheibe abschneiden.

A pros pos Scheibe abschneiden, wir sind noch in ein brasilianisches „All you can eat“ Restaurant gefahren. Frisch gegrilltes Fleisch am Spieß, und ca 20 Chinesen, mit dieser und anderen Leckereien bewaffnet, die durch das Restaurant wandern, und dir stets frisches Essen auf den Teller scheffeln. Alles lecker, alles super, alles zuviel, nach ca 90 Minuten mussten wir, d.h. Jan, Paa und ich, den ewigen Kampf gegen unser Essen aufgeben, dass offenbar vor weiteren Mitstreitern nur so strotzte. Frisches Fleisch mit Ananasgeschmack (!!), grüner Spargel in geröstetem Schinken, fritierter Lotos und Co haben mir, mal abgesehen von dem Schauspiel an sich, den Abend nicht nur metaphorisch versüsst, von den Nachspeisen ganz zu schweigen. Nachdem unser Tisch dann eher den Charakter verbrannter Erde hatte (zum Schluss zählte ich 13, einsam herumlungernde, teils gestapelte, teils noch mit letzten Resten belegte, Teller, die genau das widerspiegelten, wie wir den Abend verbracht hatten: Essen ist Krieg ! :)

Der Abend ging dann bei Jan zuhause weiter und sollte zu weiteren lustigen Erfahrungen führen. Chinesen sind anscheinend sehr spielfreudig, gerade dann, wenn Cidre oder Wein im Angebot ist, und so spielten wir dann, sei es Schnick Schnack Schnuck, bestimmte Nummern nennen (oder nicht nennen), etc etc etc...war auf jeden Fall sehr lustig, bis auf die Tatsache, dass Chinesin Nummer 1, die ein Trinkspiel vorgeschlagen hatte, sich von selbigem ca eine Stunde später entsagen musste...aber alles in allem ein lustiger Abend,
der für mich in zwei weiteren kulinarischen Erfahrungen enden sollte (aber ein für allemal: Das Essen ist einfach unvergleichbar lecker, ich bin einfach immer noch so beeindruckt, dass ich es nicht unerwähnt lassen kann).

Und die Freundlichkeit des ersten Muslimen, bei dem wir noch etwas zwischen den Kiefer geschoben hatten, war im Anbetracht der Tatsache, dass es 3 Uhr morgens war, außer uns nur 3 Chinesen anwesend waren, die lautstark mit ihm diskutierten, warum sie denn dort keinen Schnaps trinken dürfen (normalerweise darf man sich seine Getränke in Restaurants mitbringen, nur eben keinen Alkohol bei Muslimen) war doch erstaunlich. Vielleicht lag das auch daran, dass seine Frau, die sich eine Liege mitten im Restaurant serviert hatte, friedlich geschlafen hat.

Ich rede schon wieder über Essen, ok, ich versuche mich wirklich aufs Wesentliche zu beschränken: Essen beim Muslimen 40 ct, sehr lecker, Essen bei, ich glaube, Uiguren (ethnische Minderheit in China): das schärfste, was ich je gegessen habe. Normalerweise steht in jedem chinesischen Restaurant Chili zum Nachwürzen auf dem Tisch. Dort nicht. Hätte mich skeptisch machen sollen, ich war aber zu sehr damit beschäftigt, mich per kontrollierter Atmung darauf zu konzentrieren, dass mein Rachen kein Feuer fängt. Aber natürlich war das Essen, wie immer, ausgezeichnet.

Danach sind wir noch in die „Altstadt“ gegangen, eine Ansammlung kleiner Buden, Geschäfte, Kiosks, Hotels, Bars, und dergleichen, allerdings im traditionellen Stil. Hatte ein wenig Hinterhof-Charakter und die Kulisse war filmreif: Enorm viel Müll auf beiden Straßenseiten, schiefe Strommasten, streunende Katzen, betrunkene Chinesen, die sich nicht mehr auf den Beinen halten können, Musik von irgendwo, dahinter eine Karaoke Bar, verwinkelte Gassen, kaputte Schilder, aufgehängte Wäsche, Sperrmüll, teilweise zerstörte Hausfassaden...ich weiß nicht, ob Worte ausreichen können, um dies zu beschreiben, ich befürchte nicht, wahrscheinlich wird gerade sogar ein falscher Eindruck vermittelt, denn in gewisser Weise war es dort...wunderschön (und ich weiß um den inflationären Gebrauch dieses Wortes)

Vor allen Dingen der krasse Gegensatz dieser offensichtlich sehr armen Gegend im Gegensatz zur durchaus beeindruckenden Innenstadt war erstaunlich, beeindruckend und irgendwie fast schon unglaubwürdig.

Zum Ende des Abends sind wir noch an einem Kiosk vorbei gegangen, wobei man sich solche eher wie eine offen stehende Garage vorstellen kann, vor der 2 Chinesen fröhlich trinkend (Uhrzeit: 4 Uhr morgens, mittwochs) rumsitzen.

Da Jan schon länger hier wohnt, spricht er chinesisch, und sowohl, das, was er sagt, als auch die paar Brocken Mandarin, die ich nun rausquetschen kann, scheinen sehr beeindruckend für Chinesen zu sein. Ich habe mal gelesen, dass Chinesen glauben, sie seien die einzigen, die ihre Sprache beherrschen können. Nun, das ist natürlich offensichtlicher Unsinn, wenn man bedenkt, dass ca. 1,3 Milliarden Menschen, bildungsunabhängig in der Lage sind, diese Sprache in Wort und Schrift zu beherrschen.
Nichtsdestotrotz fangen die Chinesen immer noch freundlich an zu lachen, wenn ich zb. Dem Taxifahrer zum Abschied „Xie xie, shi fu, zai jian, man sao“ entgegne, wörtlich etwa: „Danke, Onkel und bis bald, aber das nächste Mal: Fahr langsamer!“

Notgedrungen von den Chinesen am Kiosk noch einen Schnaps getrunken, dann sollte es das aber gewesen sein. Todmüde, satt und glücklich, mit neuen Impressionen genährt, bin ich dann gegen 6 Uhr morgens ins Bett gefallen, um dann 6 Stunden später dieses Geschreibsel anzufertigen. In 4 Stunden geht es dann mit 3 Kollegen im Nachtzug nach Beijing, das nächste Mal also mehr Infos darüber.

Eine Sache merke ich allerdings jetzt schon: Der Unterschied liegt oftmals im Detail, und auch wenn es hier in Wuhan, wie in den meisten westlichen Großstädten Taxis gibt, Strassen, Restaurants, große Plätze, Geschäfte, Lärm und überhaupt natürlich China keine neue Welt ist, diesbezüglich betrachtet, ist doch so ziemlich alles irgendwie...anders.


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