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Blog 4: Peking

Die chinesische Hauptstadt ist doch immer für eine Überraschung gut, und hat sicher noch mehr zu bieten...

Wenn man von einer chinesischen Großstadt in eine andere möchte, braucht man in der Regel nicht allzu viel Geld. So kann man eine Distanz von ca. 1000 km im Zug zurücklegen, ohne dafür mehr als 25 ? zahlen zu müssen. So entschloss ich mich also, eine kleine Reise zu unternehmen, das inzwischen lieb gewonnene Wuhan zumindest für ein paar Tage zu verlassen, um mich in die, wörtlich übersetzt, ?Nördliche Hauptstadt? zu begeben. Für die Schlauköpfe unter uns, ?Bei? bedeutet ?Norden?, und ?jing? ?Hauptstadt, oder, für ?uns? Deutsche: Auf geht?s nach Peking.

Warum eine Zugfahrt so günstig ist, sollte mir im Nachhinein bewusst werden, dazu später mehr. Man muss dazu sagen, dass ich mit 3 Freunden gereist bin, die ihrerseits von dort einen Flieger in ihre Heimat zurückgenommen haben, in dem Fall Papua Neuguinea und Ghana.

Also fuhren wir mit 2 Taxen zum Bahnhof. Angstschweiß, 3 Fast-Unfälle, man gewöhnt sich so langsam daran. Ich fahre also mit 2 Chinesinnen im Taxi, die ungefähr so gut Englisch sprechen, wie ich Chinesisch. Man kann sich also vorstellen, wie ergiebig die Unterhaltung war. Nach leichten Differenzen bezüglich des Treffpunktes mit den anderen (es war meine eigene Schuld, ich habe schließlich nur 12 mal gesagt, dass wir uns in der Eingangshalle am Schalter Z12? treffen, das kann man natürlich nicht auf Anhieb verstehen) haben wir uns dann doch entschlossen, in das Gebäude reinzugehen.

Warum das erwähnenswert ist ?
Weil ich, wie ich es noch aus alten Discozeiten mit gefälschtem Ausweis kenne, nicht reingekommen bin. Es gibt im Einlassbereich nämlich eine riesige Schlange, in der sich die Leute mit Ellbogen, Schultern und Körpermasse durch die engen Gitter drängen wollen, um ihr Gepäck durch die Sicherheitskontrolle zu jagen. Dort muss man sein bereits erworbenes Ticket vorzeigen. Ich frage mich, wie es funktionieren soll, jemanden abzuholen...

Wie dem auch sei, Tickets hatten wir gekauft, mittelungünstigerweise hatte Jan diese doch geschickterweise in seine eigene Tasche gesteckt, ohne mich darauf hinzuweisen, dass ich diese benötige. Und so steh ich dann da, als einziger Weißer, von chinesischen Sicherheitsleuten umgeben, in einem 16 Quadratmeter großem Karrée, beobachtet, angezwinkert, wie ein Äffchen im Zoo. Verhandlungskünste tralala, irgendwo habe ich es dann doch geschafft, reinzukommen, mit chinesischer Hilfe, versteht sich.

Nächstes Problem: Den vereinbarten Treffpunkt ?Z12? gibt es nicht. Ein sich zufällig über den Weg laufen ist ungefähr so, wie zu sagen, man trifft sich in Spanien am Strand, oder in Nizza an der Apotheke, oder in Düsseldorf an der Kneipe. Naja, man hat ja schon so einiges erlebt, also klappt auch dies natürlich irgendwie, organisatorisches Chaos macht ja schließlich den Trip nur interessanter...glaube ich.

Naja, nachdem man sich also doch irgendwie gefunden hat, die Tickets verteilt wurden, und man den Weg in den Zug gefunden hat, erstmal der Schock einer jeden (kleinen) Reisegruppe: Eine Reisegruppe! Zug laut, Zug überfüllt, alles eng, alle drängeln sich, etc.

Wir haben einen Nachtzug genommen, in dem jeder einen ?hardsleeper? reserviert hat. Ein kleines Bett, das eher einer Pritsche gleicht, aber den genügsamen Naturen durchaus reicht. Ein Reiseführer sagt in der Regel nichts anderes. Was er nicht sagt, ist, dass man sich die Kabine mit 5 anderen Leuten teilt, wo jeweils 3 Betten übereinander liegen. Wenn man selbst dann auf ein Bett klettern soll, das ca. 2,30 hoch ist, und vorher ordentlich ein paar Flaschen Wein vernichtet hat, kann der Spaß losgehen: Chinesen nicht die Füße unter die Nase halten, niemanden verletzen, niemanden wecken. Aber das geht schon alles irgendwie. Schließlich schaffen das auch Leute in beeindruckend hohem Alter in diese beeindruckende Höhe.

Ein anderes Erlebnis auf dieser Fahrt waren die Plumpsklos. Aber diese Erfahrung möchte ich lieber für mich behalten, genauer gesagt, möglichst schnell verdrängen. Seien wir einfach diplomatisch und nennen es: Ein Erlebnis !
Irgendwann dann, völlig übernächtigt und fast verschlafen, kommen wir in Beijing an: Es ist noch lauter, die Leute rotzen noch mehr, die Luft ist noch trockener, und überall riecht es nach Tofu. Naja, fast. Und ich bin nicht gerade ein Tofufan.

Vom, nebenbei angemerkt, riesigem Bahnhof fahren dann Busse ab. Sehr sehr viele Busse, in die Innenstadt...wobei es so etwas in Peking nicht wirklich gibt, es gibt eher mehrere Ballungszentren. Wo Busse fahren, wie, nach welchem System... ich habe nicht die geringste Ahnung, wie das funktioniert. Aber von solchen Lapalien lässt man sich schließlich nicht aufhalten. Vorbei an Tian´men, dem größten öffentlichen Platz der Welt, auf dem über 1 Millionen Menschen Platz finden können, der zwischen dem ?Maosoleum? und dem Kaiserpalast (?Die verbotene Stadt?) angelegt ist, dem Herrschaftssitz von Hu Jintao, dem Präsidenten und Vorsitzenden der Kommunistischen Partei, und weiteren, kleineren Sehenswürdigkeiten.

Irgendwann sind wir dann bei einem Kumpel, einem in Beijing wohnenden Schweizer, angekommen. Auf dem Weg dorthin haben wir einen blinden Chinesen ein Instrument spielen sehen, hockend, dass einen sehr an uralte Klagelieder erinnert hat, und ein wenig aussah, wie ein Bogen, der von einer durchgängigen Sehne gespannt wird. Der Mann war sicher schon 90. 10 Stunden später waren wir wieder da. Der Mann auch. Was ein Durchhaltevermögen. Meinen Respekt dafür. Und so schlecht war die Musik auch nicht.

Der Pekinger Verkehr, man muss ihn gesondert erwähnen. Autos die sich ihren Weg durch Menschenmassen bahnen, die eine Straße passieren, obschon diese grün haben ? Kein Problem ! Spontane Richtungswechsel innerhalb der Straße, kreieren eigener Spuren ? Ok, wieso nicht !

Wenn das Ganze dann noch dadurch den Angstschweiß hochtreibt, dass man auf einer Straße, die 14 (!!!) Spuren hat, mindestens 2 mal stehen bleiben muss, weil irgendwer irgendwo grün hat (Die Ampeln sind sehr versteckt), man aber nicht weiß, wer, und wo, sondern nur um den Stellenwert besagter Ampeln weiß, ist man auf jeden Fall abgehärtet, wenn man dies überlebt.

Ich habe in einer vorbereitenden Lektüre gelesen, man sollte als Ausländer in Peking kein Auto fahren. Dies erschien mir großkotzig. Es ist genauso großkotzig, wie jemandem zu sagen, dass er sich nicht ins Gesicht schießen soll, wenn er keine Präferenz für bleibende Verletzungen hat. Trotzdem bleiben Taxifahrer immer gelassen, ich habe noch nie einen das Gesicht verziehen sehen, geschweige denn fluchen hören. Wahnsinn.

Nunja, was wir bisher gesehen haben, sind große Shoppingcenter, die ihrerseits so überaus nervtötend sind, denn sie sind groß, sie sind eng, sie sind verwinkelt, und an jeder Ecke wirst du halb in eine kleine Box hineingezogen, um die angebotenen Produkte zu kaufen. Dass ich keinen Bedarf an Damenhandtaschen und Babyschuhen habe, unvorstellbar. Welch dekadente Lüge, ich schäbiger Europäer, ich.

Interessant hingegen sind die sogenannten ?Putongs?, quasi die alten verwinkelten urchinesischen Gassen, das antike Klischee - China, oder wie auch immer man das nennen will. Diese gibt es in jeder Großstadt, und bringen ein bisschen alten Charme und chinesische Freundlichkeit zurück, in eine so schnellebige, eigene kleine Welt, wie Peking mir eine zu sein scheint. Alte, verwinkelte Gassen, in denen streunende Köter herumlaufen, Fleisch auf offenem Feuer gegrillt wird, die Fahrräder so alt sind wie die Fahrer selbst, und Alte und Junge auf öffentlichen Plätzen zusammenkommen, um Badminton, Tischtennis oder Diablo zu spielen. Märkte, wo sich Leute die ohnehin schon zerfransten Schuhe reparieren lassen, um den Obstpreis gefeilscht wird, und es laut und ruppig zugeht. Archaisch eben.

Und das alles 10 meter neben einem der größten und modernsten Hotels in Beijing. Dieser offensichtliche Gegensatz, dass sich Viertel nicht homogen entwickeln, dass auf der einen Seite ich noch nie eine solche Konsumorientierung erlebt habe, auf der anderen Seite der Welt der Kultur in einem verbindlichen Maße geschätzt wird, wie es wirklich nur schwer nachvollziehbarer ist, ist eine der chinesischen Facetten. Eine Erklärung habe ich dafür nicht. Dies ist lediglich mein bescheidener Eindruck.

Abends sind wir dann in einen sehr schönen Stadtteil gefahren, ein großer See, der ringsum romantische Plätze bietet, und mit antiken Statuen, Pflanzen und glorreich arrangiertem Licht umsäumt ist. Restaurants und Bars, die den Weg um den See ebnen, und durch zahlreiche Brücken einen Übergang ermöglichen. Schwierig, dies in Worte zu fassen, und selbst wenn es gelänge, wäre es doch nur ein Abglanz von dem Eindruck, den ich von diesem Ort hatte. Ich bin nun wirklich kein Freund von Kitsch, aber hier, wo Tradition und Moderne in einer Harmonie zusammentrafen, wo weder Hektik noch Lärm herrschen...hier findet sich etwas ganz Besonderes !

Natürlich muss ich noch etwas über das Essen sagen: es war aus einer Provinz östlich von Tibet, also Südwest-China, sehr weit entfernt von Beijing, sehr weit entfernt von Wuhan, etwas ganz anderes. Alles wurde frisch auf dem Tisch für uns zubereitet, es war scharf es war lecker, aber am genialsten waren die, ich Banause würde sagen Kostüme, die die dort Bediensteten getragen haben. Traditionelle Kluft, die schon ein wenig an Tibeter erinnert, die in den Bergen eine Messe feiern. In diesem Sinne kehrt dann auch wieder die Vernunft ein, da spürbar ist, wie auch hier, an diesem idyllischen Ort, die Touristen, und damit der Konsum, zugeschlagen haben.

Nichtsdestotrotz denke ich, dass alles eine Frage der Perspektive ist, und ich in gewisser Weise auch ?nur? ein Tourist bin, der sich darüber erfreut, billig essen und leben zu können. Darüber Hinaus verbindet mich allerdings wahres Interesse und echte Aufgeschlossenheit mit diesem Ort, eine Eigenschaft, die nicht alle Menschen, die als Nichtchinesen hier residieren, zu haben scheinen.

Als Beispiel müsste ich hier eine Unterhaltung zitieren, die ich abends mit einem Geschäftsmann aus Chicago geführt habe. Diese war sehr ernüchternd und hat mich in gewisser Weise sogar wirklich getroffen, weil dieser Mensch, sagen wir, nicht unbedeutend war, und in gewisser Weise die Chinesen verachtet hat, eine einheitliche Meinung über ganz China hatte (man sollte mal in Deutschland versuchen, Schwaben und Berliner über einen Kamm zu scheren, oder einen Rheinländer mit einem Sachsen an einen Tisch zu setzen, um eine Diskussion über Wirtschaftspolitik zu führen).Hier entstehen Klischees. Und, wie Hagen Rether sagen würde...sowas verletzt mein sittliches Empfinden !

Unser Hotel ist relativ zentral gelegen, sofern man das in Beijing überhaupt, wie bereits erwähnt, so sagen kann. Unter unserer Tür werden jeden Tag kleine Visitenkarten durchgeschoben, auf denen Frauen abgebildet sind, und Telefonnummern. Was das wohl zu bedeuten hat...man weiß es nicht.

Aber auch im Alltag trifft man Frauen, die sich als "Cheese", "Wendy", "Paris", "Iwan" (der Schreckliche ?) und "Jessy" vorstellen. Hintergrund ist, dass sich viele Chinesen einen ausländischen Namen geben (lassen). Klingt cool für sie, lustig für mich und alle haben was davon.

Ou ja, meine erste "Ich stehe ganz allein vor Chinesen und will Chinesisch sprechen" - Erfahrung: Es begab sich also, dass wir, zu dritt im Restaurant, nicht alle 5 Teller aufessen konnten, die uns 4,30 (!!!) ? gekostet haben und bislang mit Abstand das Beste waren, was ich bisher hier gegessen habe. Also ließen wir das Meiste einpacken. Ungünstigerweise waren in der Tüte, als ich diese, als mich späterer Heißhunger überkam, keine Stäbchen zu finden. Essen möglich, aber ungünstig. Was tun ?

Nachts im Hotel, ich habe Hunger, keiner ist da, ich nehme also all meinen Mut zusammen, gehe zur Rezeption, die eine Frau guckt schon skeptisch und hilfesuchend zur Kollegin, die des Englischen mächtig ist. Nichts da, Englisch, pah, kann ja jeder.

"Ni hao, dubuqi, ni you mei you kuaizi ma?"

Entschuldigung, guten Abend, haben Sie vielleicht Stäbchen ? Eine sehr höfliche, grammatikalisch korrekte Form, die ich da angewandt habe, und auch wenn ich ein bisschen nervös bin, kann ich das geschickt kaschieren, als ich den Satz selbstsicher an die Ohren meines Gegenübers werfe.

Das Warten auf die Reaktion, die längsten 5 Sekunden meines Lebens...dann endlich, sehnlichst erwartet, kommen meine Stäb...nein es folgt nur ein verwirrtes Hochziehen der Augenbrauen. Verdammt. Ich gestikuliere, und sage "chi fan" = Essen essen ! Keine Reaktion. "CHOP STICKS!"

Endlich erbarmt sich ein anderer Chinese und reicht mir die hölzernen Futterutensilien. Leicht enttäuscht von meinem "zhong wen" kehre ich dann in mein Zimmer zurück. Die biologische Reaktion auf das Sichuan - Chili täuscht über meine Tränen hinweg ;P

Aber ich habe mich nicht geschlagen gegeben. Heute im Supermarkt haben wir eine Gratisprobe Tee bekommen, woraufhin ich prompt reagiere mit einem selbstsicheren:

"Xie xie, wo xihuan he chá." = Danke, ich trinke gerne Tee.

Immerhin ernte ich diesmal ein Lachen, Nachforschungen geben an, dass die Frau mich tatsächlich verstanden hat. JACKPOT !

Stolz wie Oscar bin ich darauf gespannt, was die nächsten Tage in Beijing so alles mit mir anstellen.

Sicher habe ich auch vieles nicht erwähnt und das große ?Sightseeing? kommt ab morgen.

Tian´men Platz, Mao gucken, Verbotene Stadt, Sommerpalast, Gartenanlagen, tralala. Ich werde die nächsten 3 Tage in einem Hostel wohnen. Insgesamt zahle ich für diese 3 Übernachtungen 10 Euro :)

Neue Erfahrungen folgen alsbald =)





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