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Blog 5

Lost in Beijing

Im Bus und in allen öffentlichen Gebäuden wird geraucht, obwohl überall Verbotsschilder sind. Die Hupe ist ein zuvorkommendes Warnsignal. Im Restaurant bringt man seinen eigenen Wein mit. Aber das ist ganz egal, denn das Essen auf der Strasse und in den kleinen Gassen ist viel besser und viel billiger („Wurstburger“ für 30 ct, Ode an den Gaumen, unschlagbar). Alle wollen Fotos mit dir machen und lächeln dabei, gucken dich aber in der Ubahn ständig schief an. Soll etwas verkauft werden, sind Chinesen manchmal auffällig penetrant, und doch übermäßig freundlich, und von sich aus hilfsbereit, wenn ein „Ausländer“ mal hilflos aussieht. Soll ja mitunter vorkommen. Rote Ampel heißt grüne Ampel, und umgekehrt, aber manchmal sind die Farben auch egal. Manchmal gibt es auch Verkehrswächter. Diese habe manchmal auch eine Funktion. Es gibt über 3000 Busse.

Manchmal haben diese verschiedene Nummern und fahren dieselbe Strecke. Manchmal haben sie die gleiche Nummer und fahren in verschiedene Richtungen, bzw. haben verschiedene Routen (was durchaus zum Verhängnis werden kann, lustige Geschichte...)

Der Verkehr ist das reinste Chaos und eine absolute Todesfalle und doch habe ich noch nie einen Taxifahrer schreien oder fluchen hören; niemals hat einer auch nur den Hauch eines Anscheins gehabt, die Fassung zu verlieren: „Cha bu duo!“ Das passt schon...

Der öffentliche Raum ist ruppig und rauh, aber manchmal sind die Leute auch sehr freundlich und solidarisch zueinander. Kommt eben drauf an. Und im privaten Bereich gehen die Chinesen, die ich kenne, meistens sehr freundlich miteinander um. Können sich aber auch startk voneinander abwenden. Ohne sich gegenseitig anzugreifen. Ich versteh das irgendwie nicht. Aber wie mein Bruder einst sagte. „Man muss ja nicht alles verstehen!“ Na dann bin ich ja beruhigt. :)

Eine Ubahn-Fahrt kostet 20 cent, Preise sind generell Verhandlungssache. Ohne ein Wort chinesisch weiß ich nicht, wie man überleben kann. Überall wird man angesprochen, aber nicht alle wollen dir etwas andrehen, manche wollen dich auch wirklich fragen, ob du Hilfe brauchst und helfen dir auch, oder wollen einfach nur englisch sprechen. Nur weiß man nie, worauf man gerade trifft. In der Ubahn laufen Trickfilme. Auf der Straße spielen blinde Musiker.

Chinesische Reisegruppen muss man einfach mal gesehen haben, das ist besser als Monty Python. Manche Taxifahrer verstehen weder ein Wort von dem, was du sagst, noch haben sie sonst irgendwie eine Ahnung, wo du hinmöchtest, auch wenn du ihnen einen Zettel zeigst. Dann wird ein Freund angerufen, der englisch spricht. Ungefähr so gut wie ich chinesisch. Oder deine Adresse ist ausnahmsweise eindeutig, weil dich diesmal der Chinese, der es dir aufgeschrieben hat, richtig verstanden hat. Dann kann der Fahrer aber nichts lesen, weil, wie seine Nummer sagt, er um die 70 sein muss (je länger man fährt, desto kleiner die Nummer). Dann gibt es großes Gezeter Aber trotzdem bekommt man Mandarinen geschenkt. Und man wird ausgelacht, wenn das Vokabelheft entdeckt wird. Hab ich eh verloren. Neues ist in der Mache.

Bei McDonald´s sitzen nur Chinesen (wenn nicht gerade eine 30köpfige amerikanische Reisegruppe den Laden blockiert.) Auf der Strasse spielen alte Opas Schach. Manche Taxifahrer wollen dich übers Ohr hauen, und brüllen sogar in anhaltende Busse auf chinesisch hinein: „Hey Ausländer, soll ich dich mitnehmen?“ „Nein, du Chinese“ hab ich noch nicht geantwortet, man weiß ja nie, wie so die Reaktion ist, besonders, wenn man, wie ich, meistens von Chinesen umgeben ist.

Der Sommerpalast, die Residenz des Kaisers im Sommer, ist eine der schönsten Garten-und Palastanlagen, die ich je gesehen hab. (Wie ich den Sommerpalast gefunden habe, ist auch eine lustige Geschichte...) Der Tian´Anmen war erstaunlich groß und recht hübsch. Die „Great Hall of People“ ist in jedem Falle einen Besuch wert, nicht nur wegen den Empfangsräumen, in denen die Crème de la crème der internationalen Politik speist, sondern vor allen Dingen wegen dem klein bisschen Ruhe, das man hier erhaschen kann. Stille findert man nämlich eher selten.

Die verbotene Stadt (=Kaiserpalast) hingegen fand ich persönlich eher enttäuschend.
Der Franzose, den ich hier getroffen habe, und ich sind uns einig: Sehr bekannt, wichtige Historie, imposant durch Größe, aber letztlich sehen die einzelnen Hallen alle recht gleich aus...nennt mich einen Kulturbanausen aber ich fand die verbotene Stadt nicht sonderlich spannend.

Mein Name bedeutet auf chinesisch übrigens ungefähr soviel wie „vielseitiges Mysterium und unterhaltsamer Mann“, das hab ich jetzt schwarz auf weiß, von einem Kaligrafen erworben (noch so eine lustige Geschichte...)

Gestern habe ich leider gar nichts geschafft, hab mich verfahren, war in einem chinesischen Lokalbus (oha!!!), hab ca. 40 Leute abblitzen lassen, die mich übers Ohr hauen wollten, hatte Stress, keine Lust, war genervt und bin, nachdem ich mich halbwegs wieder beruhigt hatte, weil ich in der Spielhölle Zombies erschossen habe, abends noch aus meinem Hostel geflogen. Es gibt Tage, da sollte man besser im Bett bleiben. Und es gibt welche, da sollte man früher aufstehen, besonders, wenn man zur chinesischen Mauer möchte. Die ersten beiden Versuche, dorthin zu gelangen, sind kläglich gescheitert, doch ich gebe mich nicht geschlagen.

Ich werde sicher keine bequeme Tour machen, die hier in meinem neuen Hostel (mit Abstand das beste Hostel, in dem ich je gewesen bin) angeboten wird, A: Sie kostet mit 26 € vergleichsweise ein Vermögen, wenn man bedenkt, dass nur Hin- und Rückfahrt enthalten sind. (Preis mit öffentlichen Verkehrsmitteln: 1,40 € pro Fahrt) B: Ich habe festgestellt, dass man am meisten erlebt, und es am schönsten, oder am witzigsten, auch manchmal am frustrierendsten, aber auf jeden Fall am besten ist, wenn man alleine unterwegs ist. Und seit ich in China bin, stehe ich mit vielen Europäern auf Kriegsfuß.

Einge, die ich bisher getroffen habe, waren entweder nichtmals in der Lage, nach zweimonatigem Aufenthalt „Danke“ oder „Verzeihung“ auf chinesisch zu sagen, und hatten daran auch kein Interesse, oder haben billige Preise und überhaupt Geld und Preis-Leistungsverhältnisse im Fokus, oder waren einfach nur langweilig. Oder ich sehe sie bei McDonald´s. Oder auf der Strasse, mit einer jungen Chinesin, Hand in Hand. Ich bin kein Fan von der Erfahrung, dass sich Vorurteile bestätigen, daher bin ich auch froh, einen Franzosen, einen Engländer, einen Russen, einen Schweizer, sowie eine Gruppe Deutsche getroffen habe, die über jedes Vorurteil erhaben sind. Offenherzige, interessierte, intelligente Menschen eben.

Der Japaner, der seit anderthalb Jahren durch die Welt jettet (allein 20 Länder in Afrika), in Las Vegas in einer Quick Chapel eine Japanerin geheiratet hat, deutsche Philosophie studiert hat (absoluter Nietzscheaner), Gedichte und Reisetagebücher schreibt, und sich jetzt in Beijing aufhält (was aufgrund der jüngeren Geschichte mehr als wagemutig ist, sagen wir einfach: Chinesen sind nicht allzugut auf Japaner zu sprechen) war wirklich eine Bereicherung, und ich konnte mein Japanisch ein wenig aufpolieren: von „überhaupt nicht“ zu „ziemlich beschissen“. Man wächst eben mit seinen Aufgaben. Dasselbe gilt für den Franzosen: Ich spreche französisch mit ihm, und er Englisch mit mir, so können wir beide üben.

Ich habe aufgehört, so viele einzelne Geschichten erzählen zu wollen. Ich vermische einfach Geschichten und Eindrücke, Emotionen, Einstellungen, Pläne und Wünsche, Reaktionen und dergleichen, rühre alles um, und presse das Ergebnis auf die Tasten vor mir.

Ich habe aufgehört, mir alles merken zu wollen, alles aufzuschreiben, denn dann hätte ich keine Zeit mehr für andere Dinge, die wichtiger sind: zum Beispiel das Leben hier genießen. Eindrücke sammeln und bewusst wahrnehmen.

Der erwartete Kulturschock blieb übrigens bislang ehrlich gesagt aus. Na klar, viele Dinge laufen hier anders als in Europa. Das ist erstaunlich, bezüglich den Inhalten an sich. Insgesamt war es aber zu erwarten. Auch wenn China sicher immer für eine Überraschung gut ist. Viele Dinge verstehe ich auch einfach nicht und /oder behaupte, dass sie keinen Sinn ergeben, aber das macht ja nichts.

Der Lebensstil ist mir jedoch nicht allzu fremd. Die Menschen, die ich kennengelernt habe, sind freundlich, hilfsbereit und couragiert. Offenherzig, zeigen ehrliches Interesse, und loben dich für dein chinesisch (was zugegebenermaßen übertrieben ist, ich kann etwas zu Essen bestellen und ein Zugticket kaufen, und das auch nicht gut) Der Schock besteht wenn überhaupt in den krassen Gegensätzen, die sich durch anscheinend jeden Lebensbereich ziehen, sodass man teilweise einfach nicht weiß, was Sache ist...aber die meisten Chinesen sind mir bisher sehr freundlich gesinnt gewesen, und sie erwarten, denke ich, auch nicht, dass man sie versteht...vielleicht tun sie das selber nicht.

Wer freundllich ist, wird auch freundlich behandelt. So einfach ist das. Das einzige, was mich mittlerweile ein bisschen stört, ist es, ständig angestarrt zu werden. Das war in Wuhan anders. Und da kenn ich außer Jan keinen einzigen Weißen und habe auch noch nie einen gesehen.

Wie dem auch sei, mir ist gerade nicht nach Geschichten erzählen, um die Meute zu unterhalten :) Mir geht’s gut, ich fühle mich wohl. Mehr dann, wenn ich wieder in Wuhan bin..


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Kommentare

patrick wrote on 2009-11-20 22:46:50

Komm ma wieder nach BRD, wir brauchen hier Menschen wie dich ! Naja, eingetlich jeden Menschen außer die Deutschen. Lass hören Kumpel.

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