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"Kosmisches Rauschen" oder "Musik"

Über Musik und andere Drogen ...

Ich musste spontan lächeln, als ich vor kurzem Wolf Singers neurowissenschaftliche Beschreibung von Musik las: "Seit der Mensch angefangen hat, zu singen und Musik zu machen, nutzt er die Möglichkeit, durch das Erzeugen von Rhytmen auf dynamische Hirnprozesse einzuwirken. ... man kann das Gehör genauso wie die anderen Sinnesorgane auch dazu benutzen, um durch strukturierte Reize ganz bestimmte Zustände im Gehirn auszulösen. Komponisten und Lyriker nutzen diese Möglichkeit." Ausnahmsweise kann ich an diesem Reduktionismus nicht einmal etwas Werfendes in Heideggers Sinne erkennen. Eine interessante - und augenscheinlich richtige - Sichtweise von Musik. Auch wenn das sehr theoretisch klingt, kennt wohl jeder von uns Musikstücke (bewusst nicht: "Lieder"), die traurig oder fröhlich machen.

<b>Klassisch: Beethoven</b>Oder beides: ausprobiert und verifiziert habe ich letztere Bedingung mit verschiedenen Liedern von Yann Tiersen - besonders geeignet erscheint beinahe das gesamte Album "Les Retrouvailles", 2005 - und Beethovens Romanze für Violine und Orchester in G-Dur. Seltsame Mischung, fröhlich und traurig, vielleicht hat es mehr mit einer Art Nostalgie zu tun - traurige Stimmung und fröhliches Erinnern, oder anders herum.

<b>Am liebsten selbstgemacht: Karibik Foto</b>Auf der Anderen Seite scheinen bestimmte Lebensumstände wiederrum andersartige musikalisch-kulturelle Evolution hervorzubringen: so wie Lebewesen in kälteren Regionen der Erde eher zu kompakt-rundlichen Formen neigen (natürlich nicht bewusst neigen), und sonnige Gemüter der biologischen Evolution eine dank Schönheitsidealen als angenehm empfundene Form verdanken, so scheint auch die Musik dem Klima zu folgen. Ich denke gerade an karibische Klänge und den Buena Vista Social Club, passend dazu höre ich "Chan Chan", in der Hoffnung, dass mein Hirnzustand einen sonnigen Text fabriziert.

<b>Wie bildet man Tech-Noir ab?</b>Auch Soziokulturell finde ich Musik hochinteressant. Vor allem in der vorläufigen Moderne; mir stellt sich oft die Frage, ob Musik Subkulturen konstituiert, oder ob Subkulturen ihre Musik konstituieren. Singers These zufolge könnte man meinen, das eine musikalische Subkultur mit einer Drogensubkultur analog funktionieren kann: die Anhänger streben nach ähnlich Hirnzuständen, nach denen sie süchtig sind, und raufen sich deswegen zusammen gegen die (evtl. vermeintliche) Intoleranz. An dieser Stelle unterbreche ich die karibischen Schallwellen, die so gut zum Wetter passen, und wechsle zu DJ Shadow, der zum dritten Mal fragt "What does your soul look like (part 3)". Selbst mit - oder wegen - Konzentration kann ich nicht feststellen, ob sich meine Stimmung signifikant verändert; so ist das mit Explanans und Explanandum.

Einen Konsens mit mir selbst finde ich nicht in den Betrachtungen über bedeutungsgeschwängerte Musik, meint Musik, deren Melodie und Klang zu Gunsten einiger diskret intelligenter Zeilen leiden müssen: Xavier Naidoo erscheint mir als passendes Beispiel, "Bist du am Leben interessiert?" bietet zahlreiche Empfehlungen für Interessengemeinschaften, dass man das offbeatlastige Hintergrundrauschen allerdings als musikalische Hochkultur (oder mindestens avantgardistisch) bezeichnen kann meine ich nicht. Eine Frage der Intention? Will man die Welt verbessern könnte man auch ein Buch schreiben, will man Kunst kreieren, sollte man bei der Hirnstimulation bleiben, ich kann mich nicht mit den ethisch-musikalischen Hybriden anfreunden. Da ziehe ich es vor, textlastige Musik zu horchen, die sich Sprache bedient, derer ich nicht mächtig bin. Edith Piafs "Non je ne regrette rien" ist zwar nicht unbedingt textlastig (meine ich herauszuhören?), entspricht aber meiner Laune, daher schließe ich den Absatz unpassend damit ab.

<b>Charlie Parker</b>Ach ja, beinahe hätte ich Musik vergessen, die an bestimmte Orte gebunden scheint: Jazz gehört für mich zum Beispiel in verrauchte Kneipen (mit möglichst viel Messing), am besten man raucht Zigaretten ohne Filter (eventuell selbst gedreht) oder Zigarren. Filterzigaretten wollen nicht recht passen. Bei gewissen Liedern, in meinem Fall gerade "Take Five" vom Dave Brubek Quartett, kommt dabei ein seltsames (melodiegetragenes) 'so spielt eben das Leben' Gefühl auf, das ich für unbezahlbar halte. Sehr ähnlich wenn auch anders ist es mit Root Reggae; den kann ich nur im Freien hören, bestenfalls auf einer Wiese liegend. Meine Musiksammlung spuckt als spontanes Beispiel Bob Marleys "Could you be loved" aus, nur an Wiese mangelt es leider.

Um zum Abschluss zu kommen, noch einmal zu Lieder die bestimmte Abschlüsse markieren. So oft erscheint mir das eigene Leben, oder Situationen aus Selbigem an bestimmte Musikstücke gebunden. Oft so sehr, dass ein Musikstück die mit der Situation verbundenen Gefühle beim Hören heraufbeschwört. Hier lässt sich wunderbar der Bogen zu Singer schlagen, denn es wäre meines sehr achtens durchaus denkbar, dass das Hören einen bestimmten Hirnzustand (wieder-)herstellt, durch den Neuronenknoten verstärkt befeuert werden, welche das letzte Mal im Rahmen der damals gegebenen Situation genutzt wurden, was kumulativ einen verstärkenden Effekt auf das (bzw. ein "gelenktes") Erinnern hätte. Welches Lied ich für welche Erinnerungen benutze, werde ich hier allerdings offen lassen.


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Kommentare

patrick wrote on 2006-05-17 11:09:46

Ich mag Xavier Naidoo auch nicht, dachte das kommt auch so rüber?!

Ich werde mal was programmieren, so das Texte automatisch zusammengefasst werden, weiß aber noch nicht genau, wann ich die Zeit dazu finde.

Bis später!

Lambizzel wrote on 2006-05-17 10:20:01

habe den text gerade erst gefunden, dachte er würde neben meinem musik text stehen. wäre passend. geht ja beides um musik. schöner text btw. nur xavier naidoo mag ich nicht.

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