Text-Layouts: WeblayoutZeitung3 Spalten

Materialismus

...des Gehirns.

Psychologischer Konstruktivismus ist die logische Konsequenz dessen, was man als den retrospektiven Glauben an den Determinismus bezeichnen kann. Nein, ich habe nicht vor mal alle Fremdworte auszupacken, die mir grad einfallen, aber sie sind nun mal herrlich genau.

Blickt man in der Zeit zurück, erinnert man sich, dann stößt man dauernd auf Formulierungen wie "Das musste ja so kommen..." oder auf der anderen Seite "Was wäre wenn wir damals das und das gemacht hätten ...". Auf den ersten Blick gegensätzliche Formulierungen, sagt doch die Eine das etwas festgelegt war und die Andere, das wir es hätten beeinflussen können - aber auch nur auf den ersten Blick. "Das musste ja so kommen.." heißt eindeutig, das Etwas die logische (und einzig mögliche) Konsequenz bestimmter Ereignisse war. "Hätten wir das und das gemacht..." sagt eindeutig, das die logische Konsequenz sich verändert hätten, wenn wir die Ausgangsbedingungen verändert hätte. Beides ist also reiner Determinismus. Man kann nun argumentieren, das eine Veränderung der Ausgangsbedingungen ja auch eine willkürliche, da unserer Willkür unterworfene, Beeinflussung des "Laufes der Dinge" sei, aber das ist falsch. Besagte Willkür hat ebenfalls ihren Ursprung, besagter Ursprung seinen usw..

Das ist psychologischer Konstruktivismus. Unsere Willkür als Konsequenz bestimmter Ereignisse, die vielleicht nur in unserem Kopf stattfinden. Eine strenge Determinierung unseres Denken, determiniert durch konstruierte Psyche, Psyche durch Psyche, Psyche durch Konstruktion.

Warum Materialismus? Weil Denkvorgänge auf einer naturwissenschaftlich zugänglichen, einer materialistischen Ebene, nämlich der des Hirns, stattfinden. Die Wissenschaft ist noch nicht in der Lage, diese Vorgänge genau genug berechnen und damit vorhersagen zu können, um diesen Konstruktivismus absolut zu belegen; noch nicht. Allerdings dauert das nicht mehr lange.


Weitaus interessanter ist, was danach kommt. Die Kultur ist nicht angewiesen auf Materialismus, nur deswegen bestreitet sie den seelischen. Und die Kultur ist bald so weit, das sie sich zumindest den "natürlichen Materialismus", den des Körpers, schenken könnte. Wenn die Neurologie erst weit genug ist, dann wird es nicht nur möglich sein, die Hirnwellen als Daten auszulesen, sondern, damit verbunden, auch einen Menschen (sein Bewusstsein) zu kopieren, wie man heute eine illegale Kopie von Microsoft Windows machen kann. Das führt dazu, das wir auf unseren Körper nicht mehr angewiesen wären um unseren kulturellen Aktivitäten (z.B. die Interaktion mit anderen Kulturwesen) nachzugehen. Sogar Sex könnte man als Informationswesen im Cyberspace haben.

Man fragt sich sicherlich: Wo ist denn da der Vorteil? Der ist aber recht einfach erklärt: ein Informationswesen, also eine Art Computerprogramm, ist auf wenig weltlichen Luxus angewiesen. Sterblichkeit wäre ein Thema das neu definiert werden müsste. Auch die Miete wäre billiger. Es wird mit 100%iger Sicherheit Menschen geben, die sich für den Versuch - sollte er denn jemals unternommen werden, dessen ich mir sicher bin - bereit stellen. Und mit ebenso hoher Wahrscheinlichkeit wird es Menschen geben, die ihnen nacheifern. Auch wenn heute für uns solch ein Leben schwer vorstellbar ist, wird sich das in Zukunft genau anders herum verhalten.

Auch sehr interessant ist die Wirkung dessen. Heute haben wir eine Art evolutionären Boom, nämlich auf kultureller Ebene: Das Weltwissen verdoppelt sich alle 5 - 10 Jahre. Die Psychogenese ist schneller als die Entwicklung der Menschheit, Individuen überholen ständig und überall ihre Stammesgeschichte, man könnte meinen wir arbeiten auf ein baldiges Ziel hin - ein Crescendo, wie es ein interessanter Wissenschaftler mal nannte.

Aber wie wird so etwas erst sein, wenn wir Informationswesen sind? Ich spreche dauernd von "wir", aber "wir" werden das wohl nicht mehr werden. Wenn die Menschheit erst die Loslösung von der Natur hin zur Kultur vollzogen hat - ein Ziel das schon seit tausenden von Jahren anvisiert ist - dann wird es ein permanentes Crescendo geben. Information wird unvergleichbar - unvorstellbar - viel schneller wachsen. Wir müssen schließlich nicht mehr schlafen, essen oder sterben.

Wenn ich schon dabei bin, die Zukunft zu malen: Was wird geschehen, wenn dieser Punkt erreicht ist? Der Punkt des dauernden Crescendos? Ganz einfach, die Kultur wird, nachdem es eine lange Phase der Rückentwicklung gab, in Form von Dekadenzen aller Art, vor Langeweile fast zugrunde gehen, und der Meinung sein das man etwas unternehmen muss, was wiederum im schöpferischen endet und die nächste Stufe der kulturellen (vielleicht bis dahin wieder naturellen) Evolution hervorbringt.


RSS feed RSS RSS feed RSS (Kommentare)

Kommentare

Naranya wrote on 2007-01-18 10:17:32

Nun, entschuldige die lange Zeit zur Antwort, doch im Moment bin ich in andere Schriften vertieft. Deswegen wollte ich nur kurz mitteilen, dass ich die Antwort auf den letzten Statement nicht vergessen habe, sie jedoch noch etwas auf sich warten lassen muss ... *nicht für ungut ;-)*

patrick wrote on 2007-01-11 16:06:06

Okay, da hast Du recht, man muss die Unmöglichkeit der Erfassung nicht mit einem Dualismus gleichsetzen.

Nun, wahrscheinlich diskutieren wir also eine Glaubensfrage: Kann man oder kann man das Hirn nicht berechnen. Mein Glaube dürfte klar sein. Argumente für meinen Glauben habe ich schon vorgebracht.

Das menschliche Hirn enthält zwischen 30 und 100 Milliarden Neuronen (Wikipedia). Nimmt man den Zustand eines Neurons zwischen dem Feuern und Laden als Feuerwahrscheinlichkeit, müsste man die Anzahl der Zustände etwa verdreifachen (Anzahl "Schüsse" á +30mV vom Ruhepotential von -90mV bis zum Erreichen des Schwellenpotentials von -40mV). Daraus ergeben sich im Maximalfall dann 300 Milliarden verschiedene, sich dynamisch im 1-2ms Bereich verändernde Zustände.

Ein "normaler" Computerchip mit etwa 3 Gigahertz Leistung führt pro Sekunde 3x 1 Milliarde Zustandsänderungen durch. Um die bloße Zahl der Zustandsänderungen des Hirns zu erreichen bräuchte man also 1000 Chips, die je eine Leistung von 300 Gigahertz haben.

Ganz realistisch ist diese Rechnung nicht: Die Refraktärzeit der Neuronen habe ich ausgelassen, wahrscheinlich müsste man die 300 Milliarden durch 3,5 teilen. Auf der anderen Seite sind die Rechner nicht neuronal vernetzt, sondern folgen monotonen Logiken, was zu großen Ungunsten seitens der Computer ausfällt.

Der BlueGene/L Supercomputer von IBM schafft realistisch 280.600 * 1.000.000.000 FLOPS/Sekunde, also etwa 280.000 mal eine Milliarden Gleitkommazahlrechnungen pro Sekunde. In einer Millisekunde also 280.000.000.000 FLOPS (www.top500.org).

Es ist schwierig das zu Vergleichen, das Hirn schafft meist nicht mal ein FLOP / Sekunde (man erinnere sich an Kopfrechnen in Mathe), und ist trotzdem in anderen Punkten überlegen.

Was fehlt ist eine Implementierung neuronaler Rechenwege und dynamische Vernetzung in künstlichen Computersystemen. Ein großes Forschungsfeld, in dem zur Zeit Milliarden investiert werden...

Vielleicht interessante Links:

linkhttp://de.wikipedia.org/wiki/Aktionspotential/link

linkhttp://de.wikipedia.org/wiki/Megahertz/link

linkhttp://www-ti.informatik.uni-tuebingen.de/~schroedm/proseminar/PDFs/geschichte_des_computers.pdf/link

linkhttp://www.top500.org/list/2006/11/100/link

linkhttp://de.wikipedia.org/wiki/FLOPS/link

Naranya wrote on 2007-01-09 10:07:45

Ein Leib-Seele-Dualismus und ein nicht-empririsches Erfassen des Gehirns müssen nicht zwangsweise einher gehen. Ich zweifele lediglich die Wahrscheinlichkeit an, dass ein Computerprogramm jemals in der Lage sein wird, das menschliche Gehirn holistisch digital zu erfassen - hierbei spreche ich von der Individualität und der Wahrscheinlichkeit der Berechnung zu wissen, wie sich das Gehirn im nächsten Augenblick verändern wird.

patrick wrote on 2007-01-09 03:12:21

Noch etwas: Ich gehe davon aus - ohne das an dieser Stelle noch einmal näher erläutern zu wollen - dass das Hirn sehr wohl, in jedem seiner Aspekte, empirisch zugänglich ist.

Möchte sagen: Ich distanziere mich in jeder nur denkbaren Weise von einem Leib-Seele-Dualismus, und weise die Annahme desselben entschieden als äußerst esoterische Metaphysik zurück.

patrick wrote on 2007-01-09 03:09:06

Nein, ich denke keineswegs, das das weit hergeholt ist. Sicherlich ist es keine Entwicklung die wir in den nächsten zehn Jahren erwarten dürfen, aber es ist nichts desto trotz eine Entwicklung.

Um es von einer pragmatischen Seite zu betrachten, wie Du es hier tust: Stelle dir einen Computer vor, der die Rechenleistung aller bisher gebauten Computer um ein tausendfaches übersteigt, aller zusammen meine ich. Das Phänomen wovon ich spreche heißt Quantencomputer und "langsam wird die Utopie zur Realität" (linkhttp://www.heise.de/tp/r4/html/result.xhtml?url=/tp/r4/artikel/14/14258/1.html/link).

Bedenkt man zusätzlich, dass die Hirnforschung eine quasi Neugeborene Wissenschaft ist, die noch viel Potential auszuschöpfen hat, ist meine "Utopie" nicht mehr ganz so utopisch.

Sicherlich kann man argumentieren, dass, sofern eine Berechnung der Hirnvorgänge gelingen sollte, immer noch gewisse physikalische "Zufälle", die nicht berechenbar sind, die besagten Vorgänge verändern könnten, was zu chaotischen Effekten (exponentieller Anstieg der Bifurkationen) führen würde. Das könnte man mit Recht einwenden. Allerdings hätte dieser Einwand keinerlei Einfluss auf die Möglichkeit, ein Hirn zu kopieren, und es von diesem Zeitpunkt an den m.o.w. zufälligen Einflüssen auszusetzen.

Das einzig wirklich utopisch, oder besser unentscheidbare an diesem Text ist meiner Ansicht nach der letzte Absatz.

Naranya wrote on 2007-01-08 17:01:36

Hm, es ist ein interessanter Ausblick, den Du hier gibts. Aber: denkst Du nicht, dass dies etwas weit hergeholt ist? Jedes Gehirn hat seine individuellen Wellen und Nervenbahnen, welche noch individuell ausgeprägt sind und individuell konnektiert. Es ähnelt einer Utopie zu sagen, dass es Computer geben wird, die diesen Indiviualenzfaktor real erfassen können. Eine solche Rechnung wäre endlos. Der Computer würde zu keiner Lösung kommen. Auf einem kleinen Nenner wäre dies durchaus denkbar, es ist ja heutzutage auch schon der Fall. Doch eine flächendeckende "Hirnwellen-Scannung" ist - meiner Meinung nach - unmöglich, da das Gehirn in allen seinen Funktionen empirisch nicht erfassbar ist.

Dies ist ledglich ein kurzer Kommentar meiner Gedankengänge. Ich habe mir auch keine Zeit genommen, im Genauen darüber nachzudenken, da ich jetzt (sofort) eine kurze Antwort geben wollte. Deshalb entschuldigt die Grobheit dieses Kommentares.

patrick wrote on 2005-10-03 20:13:42

Gibt eigentlich kaum jemand Kommentare ab?

* Why use my real name?


* Pflichtfelder