Wahrnehmung

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Wahrnehmung

Zur aktuellen Diskussion "Hirnforschung vs. Willensfreiheit". Ansätze zu Themen wie Selbstbild/Freuds Über-Ich, Entscheidungsgrundlagen und, wie der Titel schon verspricht, der Wahrnehmung.

Doors of perception - Fiktion oder Realität? Oder ist Realität nichts anderes als Fiktion? Was hat das Unterbewusstsein damit zu tun?

Doors of perception - ein Essay von Aldous Huxley über ein Meskalin Experiment. Sollte man wohl gelesen haben. Muss man das aber?

In Fortsetzung meiner solipsistischen Theorien will ich heute das Phänomen der bewussten und unterbewussten Selbstwahrnehmung, der daraus resultierenden Reflektion und dem Einfluss auf einige praktische Beispiele behandeln.

Es ist mittlerweile möglich, eine Entscheidung zu "sehen" - mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT). Jeder kennt die "Aufnahmen" von Hirnen, in denen bestimmte Areale farbig sind, andere weiss ... So sieht das in etwa aus. Wenn man nun einen Probanden auffordert, einen von 10 Knöpfen auszuwählen, und ihn zu drücken, so leuchten entsprechende Hirn Areale schon farbig auf, bevor er sich entschieden hat, welchen er drückt.

Dieses Projekt wurde schon Anfang der 90er Jahre von Benjamin Libet durchgeführt. Gegenstimmen schreien, das der Projektaufbau zu spezifisch wäre, und das die getesteten Entscheidungen der Versuchspersonen triviale Entscheidungen wären. Allerdings gibt es mittlerweile von Gerhard Roth und Wolf Singer tiefgreifendere Studien zum Thema. Der Opposition scheinen die Argumente auszugehen, weshalb sie aktuell (2004) den Neurologen nur noch das "spielen von Sprachspielen" vorzuwerfen hat, was allerdings keine fundierten Gegenbeweise sind. Quelle: "Hirnforschung und Willensfreiheit - zur Deutung der neuesten Experimente" von Christian Geyer, Suhrkamp 2004

Ein, wie Neurologen sagen, eindeutiger Beweis dafür, dass Entscheidungen schon bis zu 30 Sekunden (!!) bevor man eine Entscheidung bewusst trifft, getroffen werden - und zwar von unserem Unterbewusstsein.

Überhaupt ein interessantes Gerät, dieses Unterbewusstsein. Alles wird bewertet, bevor man sich dessen bewusst ist, auch das eigene Verhalten.

Aber auch langfristig scheint das Unterbewusstsein unsere Entscheidungen zu treffen, äußert sich in jeder kleinsten Verhaltensäußerung, bestimmt unsere Einstellungen mit und beeinflusst unsere Partnerwahl.

Mal ein Beispiel:
Person A (hier mal eine Frau) hat ein festes Bild B von ihrem optimalen Partner. Er sollte groß sein, und stark, gleichzeitig sensibel und romantisch. So erzählt sie das auch ihrer Freundin. Diese Freundin kennt zufällig genau so einen Mann - Vorstellungsgespräch, Balztanz, Interesse, Interessenkonflikte und AUS. Aber warum? Er war doch genau richtig!

Person A hat nicht nur ein festes Bild B. Da ist noch dieses unterschwellige Verlangen nach bestimmten Reizen an ihm, Reize, die A nicht mal selbst definieren kann, einzig deren Fehlen fällt auf. Das ist das Bild B', das Bild des Unterbewusstseins.

Nun gibt es bei dieser Partnerwahl einen beständigen Interessenkonflikt zwischen B und B'.

Und damit nicht genug. Zu der hübschen Bürokauffrau A gibt es selbstverständlich auch noch eine unterbewusste Antagonistin, A'. Diese gibt A ein Ideal von A (A') vor, an das A sich unbewusst annähert - sie trägt in ihrer Freizeit Jeans mit Löchern. Das Bild A' ist jenes, welches benötigt wird, um B' zu gefallen.

Das werden langsam aber sicher viele Buchstaben, denkt der aufmerksame Beobachter hier - aber haben wir nicht trotzdem noch 2 Entscheidende Buchstaben vergessen? Ja, die Emotionen, wo sind die denn?

Eine schwierige Situation für das Pärchen AB, vor allem da A und B und A' und B' sich ja auch noch permanent verändern ... kommt Zeit kommt (Un)rat.


Unser Unterbewusstsein beeinflusst also nicht nur die Partnerwahl, sondern auch unsere Idealvorstellung von uns selbst. Beeinflusst dadurch nicht nur uns selbst, sondern verändert auch beständig sich selbst, uns selbst und das Bild aller anderen.

Ein ganz schönes Chaos, dass gerne entwirrt werden würde.

Aber es reicht noch immer nicht: die Instinkte fehlen!

Moment, was haben wir jetzt alles? Bewusstsein (Verstand), Unterbewusstsein, Emotion (oft eine Mischung aus Unterbewusstsein und Instinkt) und Instinkte.

Fehlt nicht noch etwas? Ach ja, die Wahrnehmung und die Sinne. Wahrnehmung hier: Auswertung der Sinne auf Basis der 4 oben genannten Faktoren. Sinne die, mehr oder weniger guten, und evtl. von den 4 Faktoren beeinflussten, Instrumente der Wahrnehmung.

So weit so schlecht. Die Misere ist perfekt. Und doch: es geht noch schlimmer!

Das Unterbewusstsein heißt "Unterbewusstsein", weil wir es nicht direkt wahrnehmen, nicht darüber nachdenken können, wenn man so will. Sobald man merkt: "HAH! Ich habs: Ich stehe unterbewusst auf Gewinner Typen, weil ich ein permanenter Verlierer bin!", ist das schon wieder nicht unterbewusst! Diese Idee hat sich vielleicht aus dem Unterbewusstsein durch ein Türchen nach oben geschlichen, aber das heißt gleichzeitig, dass es da unten raus ist, und lässt kein bisschen auf die verbliebenen Idee schließen.


Um das mal zusammenzufassen:
1) Meine Entscheidungen werden von einem Organ determiniert (es entscheidet 30 Sekunden vor mir), das ich nicht einschätzen kann,
2) dieses handelt anhand von Instinkten, die ich aufgrund von moralischen Wertvorstellungen zum Teil schwer mit der Gesellschaft vereinbaren kann,
3) ist dabei auf die Sinne, also Werkzeuge, deren Funktion nicht zu überprüfen ist, angewiesen,
4) und spuckt Ideen in meinen Verstand, mein Bewusstsein, deren Auswirkungen alle 3 Punkte in beständiger Veränderung halten.

Und da soll mir noch einer erzählen, er sei sich einer Sache sicher!

Ich glaube ich hab endlich verstanden, was Michel de Montaigne meint, wenn er sagt: "Nur die Dummen haben sofort eine Überzeugung fertig."

Fraglich nur, was die Auswirkung dieser Erkenntnis ist. Vielleicht werde ich noch misanthropischer, weil meine Mitmenschen 24 Stunden am Tag mit fertigen Überzeugungen glänzen.

Ich kann nicht verstehen, wie man etwas als gegeben hinstellen kann, wenn man nicht mal wissen kann, ob man selbst eine Gegebenheit darstellt. Fragwürdiges Halbwissen, entspringend aus Quellen die man nicht kennt, erfunden von Leuten, die noch fremder sind als man selbst, wird als fertige Erkenntnis der eigenen Person deklamiert - kein Wunder, dass ich Salinger mag.

Auf der anderen Seite: Wo ist der Sinn in einem Gespräch, dessen Ausgang schon fest steht? Da wäre ich dann wieder beim "Vergleichen von Ideen angelangt" - einer sehr wenig produktiven Tätigkeit; oder wo ist beim Vergleich das Schöpferische?


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Kommentare

Nephew7 wrote on 2010-01-12 13:13:29

Herzlichen Glückwunsch. Ein super Essay basierend auf wissenschaftliche gegebenheiten in dmem versuch sie zu entschlüsseln und kombinieren mit dem resultat dass wissen nicht wissenswert ist weil unterbewusst das bewusste schon wieder über den haufen geworfen werden kann. Ist dieser essay jetzt bewusst unterbewusst entstanden oder durchs unterbewusstsein ebwusst geworden was nach dem resultat dann schwachsinn sein könnte? wenn sie noch mehr essays verfasst haben so würdeich sie gerne lesen denn ich spiegel mich in diesem voll und ganz wieder und beschäftige mich hobbylike selbst mit dem unterbeuwsstsein. MfG Nephew7

Anonymous wrote on 2006-01-08 21:04:01

Würden wir uns nicht mehr Vergleichen wären wir Ideenlos…

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