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Wahrnehmung.2

Anschliessend an den Text "Wahrnehmung" vertieft dieser hier das Thema noch etwas. Vor allem die Zukunftsmöglichkeiten, die durch die modernen Techniken der Neurologie ermöglicht werden, stehen hier in Form einer Dystopie im Mittelpunkt.

Die Psychologen sagen immer, das das an der schlimmen Kindheit liegt. Was ist dran?

"Daß wir frei seien, nennt der Autor eine jener Urlügen, wozu man uns erzieht. Wir gehen ja bei vielen in die Schule, von klein auf bei Verwandten, Drillmeistern, Pfaffen, Despoten. Alle befehlen, empfehlen, raten ab, raten zu. Doch raten, empfehlen, befehlen sie nicht alle etwas anderes? Überall Staub, Dunst, und während wir den rechten Weg zu wandeln glauben, gehn wir in die Irre, weil es nur Irrsal gibt. Wir werden erzogen, aber zu vielem erzogen, zuviel erzogen, gezerrt, von allen Seiten, erzogen und gezerrt, bis wir verzerrt, verzogen sind, geistig, charakterlich, Untertanen, Hörige, jederzeit bereit, im Sinne irgendeines "Höheren", "Höchsten", was immer dies sei, zu gehorchen, zu lügen, betrügen, zu verraten, zu foltern und, wenn es sein muß, und wie oft muß es sein, auch zu töten."
- Karlheinz Deschner

Eine bessere Einleitung hätte Deschner mir gar nicht liefern können, vielen Dank.

Obwohl Karlheinz Deschner eher Kirchenkritiker als Neurologe war, hat er doch den Puls der Zeit gefühlt, wie es scheint.

In meinem Essay will ich mich jedoch weniger mit Deschner, als vielmehr mit einem Essay von Wolf Singer beschäftigen. Der Essay heißt "Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören von Freiheit zu sprechen", und ist hier in gekürzter Version herunterzuladen.

Als besonders interessant empfinde ich seine Ideen bzgl. Kindheit und das daraus resultierende ethische/kulturelle etc. Konstrukt. Man sagt, das Singer einen radikalen reduktionistischen Materialismus betreibe, also alle Gehirnvorgänge streng materialistisch, ohne die gewisse mythische Komponente sieht. Das stimmt sicherlich, aber gleichzeitig ist seine Sicht meiner Meinung nach auch ein pragmatischer Konstruktivismus - eine Sicht die ich sicherlich in gewissen Punkten teilen muss, auch wenn mein Hang zur Romantik dadurch arge Macken bekommt.

Ich will hier nicht auf alle Punkte seines Essays eingehen, sonst hätte ich den oben stehenden Link auch weglassen können, aber ich will mich mit seinen Thesen zur Bildung eines Wertesystems in der Kindheit befassen. Dazu kurz eine wichtige Begrifflichkeit:

Mit dem deklarativen Gedächtnis bezeichnen Psychologen die Fähigkeit einer Person, die Quelle von Wissen etc. anzugeben. Zum Beispiel die Fähigkeit die Schule zu benennen, auf der ich Spanisch gelernt habe. Aber auch das Begründen der eigenen Meinung, oder das Rechtfertigen derselben, ist eine Fähigkeit, die ein deklaratives Gedächtnis erfordert.

Kindern mangelt es an diesem deklarativen Gedächtnis. Sie wissen zum Beispiel, das sie nicht ohne zu fragen Schokolade essen dürfen, können aber meist keine Auskunft darüber geben, warum das so ist. Allgemein kann man sagen, das ein Kind einige Wissensinhalte quasi deklarativ begründen kann, zum Beispiel das Mama gesagt hat, das Schokolade ungesund ist, aber das diese Begründungen nur fremd zugeführte sind, und meist sogar diese nicht geliefert werden können.

Das triviale Beispiel hinkt ein bisschen, aber es ist ja nicht nur ein Befehl wie dieser, der im Gehirn eines Kindes gespeichert wird. Auch, wenn das Kind beispielsweise den Eltern bei einem Streit zusieht, und danach sieht, wie die Eltern sich wieder vertragen, hat das einen Lerneffekt auf das Kind, es lernt hier zB, dass man sich nach einem Streit vertragen sollte. Am nächsten Tag in der Schule schlichtet das Kind einen Streit, von der Lehrerin danach befragt, kann es aber einen Grund für sein Verhalten nicht angeben.

Ein Noch besseres Beispiel ist beobachtetes Verhalten, das sich nicht äußert, sondern einfach - selbstverständlich - übernommen wird, zum Beispiel die Assoziation "Ausgelassenheit" mit "Singen".

Das Kind kann also diese (später eigenen) Verhaltensweisen nicht erklären, aber sie sind trotzdem selbstverständlich. Alle sozialen Fragen werden vom Erwachsenen kritisch betrachtet, sonst würde es zum Beispiel das Buch zur Verhaltensregelung "Knigge" nicht geben. Allerdings kann man beobachten, das auch Erwachsene einige Dinge als selbstverständlich erachten, und das diese auch oft nicht begründet werden können, oder aber mit Aussagen begründet werden, die auf rein logischer Basis nur als retrospektive "Entschuldigung" des Erwachsenen für sein Verhalten in einer Situation gelten können, also im Nachhinein erfundene Begründungen.

Würde zum Beispiel der erwachsene Europäer auf einer Beerdigung anfangen zu singen, würde das negativ auffallen, weil Singen sehr oft mit Ausgelassenheit assoziiert wird und eine Beerdigung einen Grund zur Trauer bietet, keinen zur Ausgelassenheit; allerdings gibt es in einigen Indianerstämmen Totenlieder, ohne die keine Beerdigung ablaufen kann, der Indianer würde singen und - danach gefragt - nicht sagen können, warum er das Verhalten "Singen" in diesem Kontext als richtig einschätzt, bzw. würde die im Nachhinein erfundene Begründung angeben, das der Tote ohne ein Lied nicht in den Himmel kommt.

Soziologisch/evolutiv betrachtet hieße dies, dass Verhaltensweisen weitergegeben werden, ohne das dem Kind diese Weitergabe bewusst wird, ohne das das Kind im späteren Erwachsenenalter eine moralische Analyse dieser Verhaltensweisen vornimmt. Natürlich gibt es einige Dinge, die wir mit dem Erwachsen werden analysieren, aber eben nur einige, der gro der Dinge wandert direkt ins Unterbewusstsein, das man per Definitum als Subjekt nicht analysieren kann.

Unsere am meisten verinnerlichten Ansichten sind also der Analyse nicht zugänglich, also wertungsfrei, und bestimmen doch in so großem Maße unser Verhalten.

Pragmatisch, weil im Gegensatz zur induktiven oder deduktiven Methode permanent mit der Realität abgeglichen/verändert wird,
Konstruktivismus, weil unser Verhalten eben von einem größtenteils unterbewussten Gedankenkonstrukt bestimmt wird.

Überlieferte Werte, berechnende und berechenbare Psyche, evolutiv begründetes Verhalten. Wie weit geht das Berechnen des Menschen?

Heute habe ich eine Studie von Maryanne Fisher von der York University in Toronto gelesen, die getestet hat, wann Frauen, die ja bekanntlich hart mit dem Aussehen ihrer Geschlechtsgenossinnen ins Gericht gehen, am kritischsten sind, was das Äußere anderer Frauen betrifft. Die Probandinnen sollten dabei das Gesicht anderer Frauen auf verschiedenen Fotos bewerten. Das Ergebnis war, das die Ladies während der fruchtbarsten Tage die schlechtesten Noten vergaben.

Charles Crawford von der Simon Fraser University in Burnaby deutete das so: Durch die Abwertung der Anderen steigert die Frau ihren eigenen Marktwert, vor allem wichtig zur besten Paarungszeit.

Seit Darwins "The Descent of Man and Selection in Relation to Sex" von 1871 hat sich auf dem Gebiet der Evolutions- und Verhaltensforschung viel getan, mittlerweile kann die Psychologie und Neurologie mit Beweisen der Theorien glänzen. Aber wozu führt das?

Wenn sich alle Werte und Charakterzüge eines Menschen begründen lassen, dann lassen sie sich auch beweisen, lassen sie sich berechnen. Manch einer mag über meine Schwarzmalerei lachen, aber wer zuletzt lacht ... schade nur, das ich das nicht lustig finden kann.

In der Gehirn & Geist 6/2004 ist "das Manifest" der Neurologie das Titelthema. Der Begleitartikel "Schöne neue Neuro-Welt" wird mit folgender utopischen Szene eingeleitet:

15. Juli 2015, örtliches Krankenhaus
Ungeduldig zieht Tom seine Eltern durch die Eingangshalle. Der Sechsjährige ist aufgeregt. Morgen wird er eingeschult. Und das Einzige, das ihn noch von der heiß ersehnten Schultüte trennt, ist der obligatorische Termin im Neuro-Zentrum. Auch Max und Laura sind nervös. Denn gleich bekommen sie die Ergebnisse des Gehirn-Screenings ihres Sohns mitgeteilt. Seit kurzem ist diese Untersuchung vor dem ersten Schuljahr gesetzlich vorgeschrieben. Dr. Berger kommt ins Besprechungszimmer und schiebt eine holografische Superdisk in den Computer. An der Wand erscheint ein Diagramm mit einer Vielzahl von Säulen; fast alle sind blau eingefärbt, nur zwei leuchten signalrot.
»Alles wunderbar«, verkündet der Arzt routiniert. »Kein erhöhtes Risiko für Schizophrenie, Depressionen oder andere psychische Erkrankungen. Keine strukturellen Defekte im Gehirn. Ihr Tom hat quasi den Garantieschein für geistige Gesundheit.«
»Und was bedeuten die roten Balken?«, will Max wissen. »Der eine zeigt eine Prädisposition für aggressives Verhalten, der andere weist auf mögliche Probleme beim räumlichen Vorstellungsvermögen hin. Aber halb so wild, Ihr Sohn muss ja kein Architekt werden. Außerdem kennen wir jetzt seine Schwachstellen und können ihn individuell fördern– - zum Beispiel in Geometrie.«
»Aber Tom ist doch nicht aggressiv.« Max zieht die Stirn in Falten und wirft einen fragenden Blick auf seine Frau.
»Nein«, pflichtet Laura ihm bei, »da müssten Sie mal unseren Nachbarsjungen sehen. Und der ist erst vier! Sind Sie sicher, dass hier kein Fehler vorliegt?«
»Studien haben klar ergeben, dass ein bestimmtes Aktivitätsmuster in der Hirnrinde die Wahrscheinlichkeit um 35 Prozent erhöht, dass jemand später einmal ein Gewaltverbrechen begeht. Und genau dieses Aktivitätsmuster liegt in Toms Hirnscans vor. Der Befund ist eindeutig.«


(Ulrich Kraft, Mediziner und ständiger G&G Mitarbeiter, lebt als freier Wissenschaftsjournalist in Berlin.)

Schöne neue Welt. Im Artikel wird unter anderem auch gesagt, das man heute schon einem Menschen, der einmal unter Depressionen litt, immer als solchen identifizieren kann - er ist quasi gebrandmarkt. Tests haben ergeben, das diese Menschen auf negativ befleckte Worte wie zum Beispiel "Gewaltverbrechen" mit anderen Hirnströmen reagieren, als "normale" Menschen - ein bestimmtes Erregungsmuster in der Amygdala konnte man mit Hilfe der fMRT fast 30 Sekunden beobachten, bei den nicht depressiven Menschen nur maximal 10 Sekunden. Im Artikel wird zum Beispiel der Vorteil für einen Personalchef beim Vorstellungsgespräch gezeichnet: Der Personalmanager drückt den "Scan" Knopf, und lässt scheinbar zufällig das Wort "Erdbebenopfer" in die Diskussion einfließen. Nach knapp einer Minute kann der Apparat ihm mit Sicherheit sagen, ob der junge Mann der sich da vorstellt schon mal klinisch depressiv war und somit zu Rückfällen neigt.

Man könnte dieses Beispiel erweitern, beispielsweise durch einen afroamerikanischen Personalmanager und einen Test auf Rassismus, einen Test auf Aggressionen, Intellekt/Geschwindigkeit von Informationsverarbeitung usw.

Letztere Möglichkeit wäre beispielsweise sehr einfach dadurch zu erreichen, das man der Versuchsperson im Gespräch einen offensichtlich falschen Satz sagt - zum Beispiel: "Autos verbrauchen ja keinen Sprit mehr!" - und misst die Zeit, die das Hirn des Probanden braucht um die Un-Wahrheit zu erkennen und weiter die Zeit, die vergeht bis der junge Mann seinen Gesichtsausdruck zur Stutzigkeit hin verändert. Dieses rein psychometrische Verfahren wäre heute schon möglich, ohne sichtbare Apparate im Büro.

Die Möglichkeiten wären schier unermesslich - selbstverständlich unermesslich, da sie über das Verständnis, das ich von mir selbst habe hinausgehen - der Arzt kennt mich besser, als ich das jemals könnte. Die oben angesprochenen deklarativen Kognitionsvorgänge sind seiner Bewertung zugänglich, das Unterbewusstsein berechenbar.

Mischt man in diese Utopie noch ein wenig Kommunikationstechnologie - zum Beispiel ein Handy oder einen Personalausweise mit ID-Chip, dann sähe ein Stadtbummel in 100 Jahren wahrscheinlich so aus: Jede Werbesäule erkennt mich an dem Chip, und projiziert auf mich abgestimmte Werbeclips in meine Umgebung, die mich mit Namen anreden, und meine aktuellen Bedürfnisse besser kennen als ich selbst.

Die Erforschung des Hirns als erster Schritt zu einer totalitären Gesellschaft:

Wie im Beispiel oben, wird in der Vorschule ein Test auf politische Gesinnung - meiner und der der Eltern - gemacht, auf spätere Bereitschaft zur politischen Aktivität oder gar Karriere, Beeinflussbarkeit usw.

Fällt der Test so aus, das das aktuelle System sich durch mich als subversives Element bedroht fühlt, sagt man den Eltern ich sei schwerstens Verhaltensgestört - in 20 Jahren - und würde sicherlich zum Serienkiller werden, und muss deshalb in stationäre psychologische Betreuung. Da berechnet wurde, das ich nicht um-erziehbar bin, komme ich dort natürlich nie an, und werde einfach beseitigt: Wer wird einen perversen Serienkiller vermissen? So falle ich dem System zum Opfer, bevor ich weiß was das Wort System bedeutet.

Natürlich, es gibt Ethik-Kommissionen, die sich mit diesen Fragen auseinandersetzen. Die sich darum kümmern, das wir dort nie ankommen. Das wirft für mich hier die Frage auf: wer ist schneller, die Ethik, oder die Entwicklungen, die der Ethik Material zur Analyse liefern (siehe hierzu auch: How can moral systems be justified ?)?


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Kommentare

Lambizzel wrote on 2007-11-23 02:34:40

erschreckend

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